Leilani Ettel, 24 Jahre alt, kommt aus einer Surf- und Snowboardfamilie. Sie hätte vielleicht auch Profisurferin werden können, aber weil die Berge von München aus näher waren als das Meer, wurde sie Profisnowboarderin. Bei den Olympischen Winterspielen startet sie in der Disziplin Halfpipe. Frau Ettel, Surfboard oder Snowboard? Bei mir ist das immer in einem dynamischen Wechsel. Wenn man viel snowboarden war, ist es erfrischend, zwischendurch surfen zu gehen. Es ist das gleiche Gefühl, aber doch anders. Das gleitende, schwebende Gefühl auf dem Board ist in beiden Sportarten mega. Was ist der größte Unterschied? Beim Surfen ist man der Natur ausgesetzt. Nur du und das Board. Und dann musst du schauen, was die Natur dir gibt. Du musst mit der Natur fahren, wenn die Welle bricht. Die Halfpipe ist hergerichtet und eisig, dadurch ist es kontrollierbarer. Das gleitende Gefühl ist gleich. Da ist die Freiheit eher das Hochherausspringen. Man lässt los und fliegt wirklich. Das ist unbeschreiblich. Und beim Surfen? Da ist es ähnlich. Es ist ein Schweben und Gleiten. Das Tiefschneefahren ist am ehesten mit dem Surfen zu vergleichen. Wenn man jemandem beim Tiefschneefahren zuschaut und die Person Kurven durch den Schnee fährt, geht der Schnee zur Seite weg. Das ist ähnlich wie beim Surfen. Wie fühlt sich das Snowboard im Vergleich zum Surfboard an? Wenn man auf einem Surfboard das Gewicht verlagert, fühlt sich das anders an als auf einem Snowboard. Beim Snowboard hat man diese scharfen Kanten. Beim Surfboard ist es ein geschmeidiges Hin- und Herfahren. Wenn ich einen langen Winter verbringe, merke ich im Wasser, dass es schon etwas anders ist. Aber die Verbindung mit dem Board ist ein Teil von mir. Über die Balance denke ich gar nicht nach. In der Halfpipe muss man stabiler draufstehen. Beim Surfen ist mehr Bewegung drin. Ist Wasser oder Schnee gnädiger? Wasser ist gnädiger. Wenn man gut fällt, ist es viel einfacher, ohne blaue Flecken rauszugehen. Das ist anders, als aufs Eis zu fallen. Das ist nicht lustig. Aber wir lernen natürlich auch das Fallen. Wann entsteht das größte Glück in der Halfpipe? Eine meiner Stärken beim Fahren ist die Höhe. Richtig hoch rausfahren, mit viel Speed, Speed halten und so hoch, wie es geht, aus der Halfpipe rausschießen. Wenn man so hoch rausfährt, bleibt man irgendwann stehen. Das ist ein schwereloser Moment, in dem man in der Luft schwebt. In diesem Moment wird alles um mich herum leise, und ich bin da oben alleine. Dann bin ich wirklich frei, das ist mein Glücksmoment. Und beim Surfen? Letzten Sommer hatte ich eine besondere Welle in Südkalifornien, die genau die richtige Größe für mich hatte. Wenn das Board schon beim Aufstehen in die Richtung zeigt, wo man hinfahren will, hat man so einen Schwung. Das bringt einen in die Welle. Und wenn man dann weiß: Man hat noch einen ganzen Run vor sich, ist das ein großes Glück. Man kann auf der Welle sein eigenes Kunstwerk zeichnen. Schon das Gefühl, wenn die Welle einen mitnimmt, ist wirklich toll. Dann gibt es noch so einen Push. Das ist ein richtiges Miteinander mit der Natur. Ein guter Ort, um abzuschalten? Beim Surfen hockt man zwei Stunden ohne Handy draußen, man wartet und ist präsent. Man fühlt das Wasser, vielleicht schwimmt man ein bisschen rum. Da ist man gezwungen, präsent zu sein, das zu genießen und runterzukommen. Ich bin im Meer, achte auf meinen Atem. Das Durchatmen ist auch beim Snowboarden wichtig. Wenn ich im Training vor einem Wettkampf bin und denke, ich kann noch vier Runs machen, erzeugt das manchmal Stress. Man will noch so viel wie möglich hinbekommen. Aber häufig ist es besser, einen Lauf zu fahren und dann noch mal durchzuatmen, die Füße zu spüren, das Board zu spüren, das hilft sehr. Und die Stille kurz genießen. Sich sagen: Das bin ich und die Halfpipe, und ich freue mich auf den nächsten Lauf, den ich mache. Es ist wichtig, sich trotz Stresssituation die Zeit zu nehmen? Das Board zu spüren, hilft mir sehr. Bei einer Contest-Situation denkt man manchmal zu viel rum. Mit meinem Mentalcoach habe ich deswegen diese Strategie erarbeitet. Er meinte, ich soll mich dann fragen: Wo sind meine Füße? Das bringt einen in den Moment zurück. Das nimmt ein bisschen den Stress. Am Ende bin das nur ich, und ich fahre einen coolen Lauf. Das, wozu man beim Surfen gezwungen ist, das Warten, das vergisst man oft. Aber kurz innezuhalten, hilft sehr. Beeinflussen sich Surfen und Snowboarden? Man nimmt immer mal wieder Sachen mit. Diesen Sommer war ich viel surfen und habe einen Wettkampf mitgemacht. Da war ich recht nervös und habe gezweifelt: Was ist, wenn ich den nächsten Take-off nicht schaffe? Dann habe ich den Modus gewechselt. Jede Welle habe ich vor mich hingesummt und habe genossen, war in dem Flow, den ich immer beim Surfen habe. Das Loslassen hat mir geholfen, die Leichtigkeit. Beim Snowboarden habe ich das genauso gemacht. Einfach Musik hören, fahren, genießen. Wie schafft man die Balance? Wir sind alle kompetitive Athleten. Es ist eine Balance aus: Ich will besser werden. Dann aber eben auch: Ich habe das ausgewählt, weil die Gefühle daran toll sind, weil ich das liebe. Am besten funktioniert es, wenn beides im Einklang ist. Gab es dieses Jahr in der Halfpipe einen Moment, wo alles zusammengepasst hat? Ich hatte in Calgary, in Kanada, ein olympisches Qualifikationsevent. Ich dachte: Das könnte der Tag sein, an dem ich mich qualifiziere. Davor die Tage bin ich an einem kleinen Berg gefahren. Ich bin gecruist und habe das Snowboarden genossen. Im Training vor dem Contest war ich dort. Die Pipe war schwierig, manche andere waren deswegen negativ. Aber ich wollte den Contest nutzen. In der Halfpipe, am Tag der Qualifikation, habe ich dann in einen richtigen Flow gefunden. Ich konnte mich danach gar nicht richtig ans Fahren erinnern, weil ich im Flow war und alles relativ einfach war. Wie wichtig ist Leichtigkeit? Je besser man beim Surfen über die Welle tanzen kann, desto besser manövrieren kann man. Beim Halfpipefahren will man eine gewisse Stärke haben, aber auch Leichtigkeit, damit man in der Luft schön rumfliegt, den Spin leicht wieder landet und den Schwung richtig mitnimmt. Bei den besten Fahrern in beiden Sportarten schaut das einfach aus, dynamisch und leicht. Findet sich etwas Ihres Surfstils im Snowboardstil wieder? Ich versuche, viel aus einem Surfflow rüberzunehmen. Ich schaue mir am meisten vom Surfen und Skateboardfahren ab: Wie man auf dem Board draufsteht, die Körperposition. Jeder Fahrer hat ja eine andere Körperhaltung. Surfen sieht für mich am schönsten aus. Es ist eine Mischung aus stark auf dem Bord stehen, aber eben auch sanft und gelassen sein. In der Pipe sieht es auch am besten aus, wenn es einfach und entspannt aussieht.
