FAZ 01.03.2026
13:12 Uhr

Skiwandern in Finnland: Ein Vielfraß ist unter uns


Das einzige, was man im Winter im Osten Finnland fürchten muss, ist die Dunkelheit – auch im Wald bei den wilden Tiren. Auf Skitour durch den Oulanka-Nationalpark.

Skiwandern in Finnland: Ein Vielfraß ist unter uns

Am Tag vor der Tour schreibt Guide Tommi Kallberg eine Whatsapp. Es geht um die Schneebedingungen. Wegen des warmen Wetters sei der Schnee nass und halte die Ski nicht auf der Oberfläche, wir würden tiefe Spuren in weichem Schnee machen müssen. Das bedeutet: Es wird eine harte Tour. Der sechs Kilometer lange Ausflug zur Hütte werde in einfacher Richtung vier bis sechs Stunden dauern. Wir kennen uns noch nicht, und er fragt, ob ich denke, dass ich das schaffe? Na servus. Ich schlage vor, wir schauen es uns eben an. Und wenn es zu hart wird, können wir immer noch umkehren. Oder? Die Tour auf breiten Backcountry-Ski mit Fellen an der Unterseite soll durch einen Zipfel des Oulanka-Nationalparks führen, das Ziel ist die einfache, unbewirtschaftete Hütte Kerojärven Maja. Die Straße endet in Isokuusikko, einer Ansammlung falunroter und vanillegelber Häuser mitten im Wald. Wie so viele Dörfer hier in Ostfinnland entstand der Ort kurz nach dem Zeiten Weltkrieg. Zuvor mussten 400.000 Finnen aus den karelischen Gebieten fliehen, weil diese bis 1944 sowjetisch besetzt waren. Falls etwas schiefgeht, haben wir immer noch das Zelt Tommi wuchtet den Pulka aus dem Auto, darin sind Schlafsäcke, Essen, Trinkwasser und ein Zelt, für alle Fälle. Er zurrt den Eisbohrer, Schneeschuhe und Ersatzstöcke fest und hängt sich ins Geschirr. Ich habe nur einen kleinen Rucksack. Wir nesteln die Wanderschuhe in die Bindung der Ski, und los geht es. Zunächst folgen wir einem Weg, auf dem irgendwann ein Motorschlitten gefahren ist. Auf dem kompakten Schnee kommen wir gut voran. Geht doch! Bis wir nach einer guten Stunde rechts abbiegen. In den Wald, ins Gelände. Sofort sinkt Tommi bis über die Knie in den Schnee ein, der Pulka, der auf finnisch Akia heißt, gräbt sich fest. Wir kämpfen uns voran. Mir fällt es leichter, als kleine Frau sinke ich nicht so tief ein. Also gehe ich voraus, spure. Das bringt nichts, Tommi sinkt in meinen Spuren dennoch bis auf den Grund. Also gehe ich wieder hinter ihm, schiebe mit dem Skistock die Akia. Bringt auch nichts. Tommi wechselt auf die Schneeschuhe, ich wieder voraus. Es bringt auch nichts. Tommi ist durchgeschwitzt. Wir haben für 100 Meter eine halbe Stunde gebraucht. Das wird so nichts. Plan B: Wir stellen das Monstrum ab, nehmen nur Tee und ein paar Snacks mit und gehen mit den Ski zur Hütte, machen eine kurze Pause, und statt zu übernachten, kehren wir dann wieder um. Deal. Ohne den Bremsklotz Akia geht es leichter voran. Bald kommen wir aus dem Wald auf eine lichtere Fläche, manche der vereinzelten Bäume sehen tot aus und seltsam verdreht. Diese abgestorbenen Kiefern heißen in Finnland Kelo, sie sind tatsächlich tot – und sehr alt. Wegen der harten Witterung bleiben die Kiefern immer krumpelig. Wenn sie absterben, können sie schon ein paar Hundert Jahre alt sein. Sie werfen die Rinde ab, und aus noch nicht genau erforschten Gründen bleiben sie standhaft und beginnen, sich gegen den Uhrzeigersinn um ihre eigene Achse zu verwinden. Im Laufe weiterer Jahrhunderte schauen sie sich viele Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge an. Das Holz wird grau, verwittert nicht mehr weiter. Die Stämme sind beliebt für den Bau von Blockhäusern, aber wir sind hier im Oulanka-Nationalpark an der Grenze zu Russland, hier dürfen sie stehen bleiben. Wir legen unsere Spur weiter Richtung Nordosten. Tommi beginnt zu erzählen. Er war viele Jahre für eine Firma für Cybersecurity in der Welt unterwegs. „Ständig auf Reisen, ein tolles Leben. Dann kam COVID – und ich saß zwölf Stunden am Tag am Computer. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Schon als kleiner Junge war ich bei den Pfadfindern, ich war immer draußen.“ Er kam hierher zurück, kaufte sich ein Haus für den Sommer – „und nach zwei Wochen wusste ich, das ist mein neues Leben. Ich habe es keinen Tag bereut.“ Er fahre nicht einmal mehr im Urlaub weg. „Ich bin dann lieber allein an all den schönen Plätzen, die ich sonst den Gästen zeige.“ Er breitet die Arme aus und sagt: „Das ist jetzt mein Büro.“ Die lebenden Kiefern, die Mänty, haben in Finnland zwei weitere Namen. Eine große, allein wachsende Kiefer wird Petäjä genannt. Honka hingegen ist eine hohe, astlose Kiefer mit geradem Stamm, die im Wald neben anderen Kiefern wächst. Ehrlich: Für mich sieht hier alles gleich aus; schön, aber gleich. Auch Tommi schaut immer wieder auf das Smartphone, damit wir in der richtigen Richtung gehen. Es gibt keinerlei Weg, keine Spuren, keine Markierungen. Doch, es gibt jede Menge Spuren – von Tieren. Tommi lässt mich raten. Hase? Richtig! Schneehase, genauer gesagt. Und die winzigen Spuren? Wiesel? Kleiner, sagt Tommi. Maus? Nein, von Baum zu Baum. Ah! Eichhörnchen! Und das hier: Fuchs! Sein zielstrebig gerades Schnüren ist gut zu erkennen. Unverwechselbar sind auch die unzähligen Elchspuren. Sie sinken bis auf den Boden ein, aber dank ihrer Hochbeinigkeit kommen sie immer gut voran. Eine tiefe Mulde zeigt eine Stelle an, an der sich ein Elch im Schnee ausgeruht hat. Wir queren einen zugefrorenen See, am jenseitigen Ufer duckt sich die Hütte unter die Kiefern. Sie gehört dem Nationalpark, ist immer offen, man muss nicht reservieren. Deshalb das Zelt: Wäre die Hütte bereits voll belegt gewesen, hätten wir in ihm übernachtet. Zehn Leute haben auf der Hüttenpritsche mit Isomatten Platz. Es ist niemand da. Ein Ofen, Holzscheite daneben, draußen weiteres Holz in einem Verschlag. Und: eine Sauna. „Meine Lieblingshütte“, sagt Tommi. Es soll 3,3 Millionen Saunen in Finnland geben, somit eine Million mehr als Autos. Die Hütte wurde gebaut, weil hier ein Dorf entstehen sollte. In ihm sollten Menschen leben, die wegen eines riesigen Staudamms hätten umgesiedelt werden müssten. Der Staudamm wurde dann doch nicht gebaut, das Blockhaus aus Kelo-Stämmen blieb das einzige Bauwerk, weitab von der Straße. „Heute wäre es undenkbar, einen Staudamm zu bauen und dann Tausende von Menschen umzusiedeln“, sagt Tommi. Aber die Diskussion darüber, woher die Energie kommen solle, die reißt nicht ab, erst recht nicht seit Russlands Überfall auf die Ukraine. 2023 hat Finnland sein drittes Atomkraftwerk in Betrieb genommen. Nun sollen aber auch Wind und Solar genutzt werden, wobei Photovoltaikanlagen an ihre Grenzen kommen, mit so wenigen Sonnenstunden in so vielen Monaten. Deshalb ist auch ein Windpark geplant, nicht weit weg vom Nationalpark. „Man ist nicht begeistert“, sagt Tommi. „Hier leben so wenig Menschen, wir haben auch keine Industrie. Warum bauen die das nicht in der Nähe der großen Städte, wo viel Energie verbraucht wird?“ Die größten Wellen schlagen aber die Minen. Weiter südlich liegt Talvivaara, Europas größter Nickeltagebau. 2012 kam es zur Katastrophe. Eines der riesigen offenen Becken, in denen die Abwässer mit hohem Urangehalt aufgefangen wurden, brach. 800 Millionen Liter giftiger Brühe verseuchten in einem Umkreis von 100 Kilometern Böden und Gewässer. „In unserem Dorf trinken wir das Wasser aus unserem See“, sagt Tommi. „Und unterwegs in der Natur trinken wir ebenfalls das Wasser aus den Flüssen und Seen. Unvorstellbar, was es bedeuten würde, wenn so etwas hier passieren würde.“ Wir essen in der Hütte ein paar Snacks, Schokolade, Riegel, Salami und Roggenbrot und treten den Rückweg an. „Auf in den dunklen Wald zu den Raubtieren!“, sagt Tommi. Schon ab halb fünf ist das Licht flach und dumpf geworden. Nun ist blaue Stunde, und es wird immer weniger. Erst genießen wir es, durch die blasse Dunkelheit zu gehen. Aber die Spur ist kaum noch zu sehen, nur die Füße erkennen sie noch. Immer wieder gerät einer meiner Ski unter den Schnee, es ist mühsam, ihn aus dem Tunnel zu befreien. Und immer wieder falle ich hin. Es ist erstaunlich schwierig, aus dem Tiefschnee aufzustehen. Tommi reicht mir die Hand. Er bringt mir einen Trick bei: die Stöcke parallel auf den Schnee legen und sich daran aufstützen. Nach einigen weiteren Stürzen gelingt es. Aber die Kräfte lassen nach. Die Knie jammern. Wir schalten die Stirnlampen ein, um wenigstens die Konzentration zu schonen. Der Nachteil der Stirnlampen ist: Man sieht außerhalb des Lichtkreises gar nichts mehr. Wie war das mit den Raubtieren? Die Bären schlafen jetzt, immerhin. Dann sind da die Wölfe, aber die sehe man nie, sagt Tommi. Spuren hingegen schon. Und die Luchse? Oh ja, auch die. Also Spuren habe er schon gesehen. Und was war mit dem Vielfraß? Ein Tier mit Killerinstinkt, hatte er erklärt. Es kann Rentiere jagen, bis sie vor Erschöpfung umfallen. Und er sitzt auf Bäumen, springt den Rentieren ins Genick und beißt sie tot. Manche Dinge, die man erfährt, will man lieber vergessen. „Die fallen keine Menschen an“ Nachts im Wald. Da rechts, was ist das für eine Spur? Das ist doch kein Fuchs, auch kein Hase. Ein Wolf? Tommi richtet seine Stirnlampe darauf. Nein, nicht tief genug für einen Wolf. Aber ja, ein Luchs oder ein Vielfraß. Und wenn da jetzt einer auf einem Baum sitzt? „Die fallen keine Menschen an. Es wäre wirklich ein Riesenglück, wenn wir einen Vielfraß sehen würden.“ Nun ja. Aber weil es so unwahrscheinlich ist, einem dieser Tiere wirklich zu begegnen, kann man auch einfach weiterziehen. Wie oft hat man schon im Leben die Gelegenheit, so nachts im Winter im Schnee durch einen Wald zu wandern? Befreit genieße ich es. Und falle seltener hin. Wir kommen langsamer voran als gedacht. Trotz unserer eigenen Spuren vom Nachmittag. Ob ich noch kann, fragt der Guide. „Ja“, sage ich, „was soll ich auch sonst sagen?“. „Oh“, sagt Tommi, „wir haben viele Möglichkeiten. Wir können an der Akia eine Pause machen, auch die Schlafsäcke auspacken und uns ausruhen. Und: Wir haben immer noch das Zelt.“