Zuletzt mischte sich wilder Wind ein, er wehte vom Tal und aus dem Hintergrund der Obwaldener Bergwelt und kreuzte dabei immer wieder sehr heftig die Gross-Titlis-Sprungschanze von Engelberg in der Zentralschweiz. Für Skispringer sind das äußerst schwierige Bedingungen. Doch trotz dieser meteorologischen Spezialsituation behaupteten sich die erstaunlich konstanten Deutschen Felix Hoffmann und Philipp Raimund abermals sehr weit vorn in der Ergebnisliste und damit zwei Athleten, die in der vorigen Saison noch zur zweiten Reihe des deutschen Kaders zählten. Hoffmann belegte bei den beiden Engelberger Wettkämpfen nach Rang zwei bei ruhigen Verhältnissen am Samstag schließlich im leichten Sturm des Sonntags Platz drei. Raimund wurde zweimal Vierter. Vor allem Hoffmann lag die Engelberger Schanze, er hat viele Durchgänge im Training und auch beide Qualifikationen dominiert, die er jeweils gewann. Damit erreichte er mit nunmehr 28 Jahren quasi auf dem zweiten Bildungsweg endgültig die Weltspitze seines Sports. Denn Hoffmann gelang es jahrelang nicht, den B-Kader zu verlassen. Zu seinem Aufschwung fiel ihm unten im Auslauf der Schanze klassische Skisprung-Prosa ein: „Wenn es läuft, dann läuft es. Gerade kann ich meine Flüge genießen, es ist Freude dabei und nicht so viel Arbeit.“ Viel Arbeit verrichtete Hoffmann hingegen im Sommer. Bundestrainer Stefan Horngacher betont, dass Hoffmann „körperlich und athletisch sehr gut dabei ist“. Seine Stärken – „ein technisch guter Absprung und ein wahnsinnig starkes Fluggefühl“ – hat er in den vergangenen Monaten deutlich ausgebaut. Dabei half ihm auch eine Verlegung seines Trainingsschwerpunkts von seiner thüringischen Heimat in den Chiemgau, wo er mit den etablierten A-Kader-Mitgliedern Pius Paschke und Andreas Wellinger trainierte. „Das hat dem Felix viel gegeben“, erklärt Horngacher. Paschke, Wellinger und Geiger schwächeln Vor allem konnte er Paschke und Wellinger dabei klar überholen und distanzieren – und Karl Geiger, den bisher dritten fest gesetzten deutschen Springer, gleich mit. Während Paschke derzeit in der Weltcup-Gesamtwertung auf Rang 22 auftaucht und weiter seine Form sucht, wurden Geiger und Wellinger wegen akuter Leistungsschwäche aus dem Weltcup-Team genommen, um separat zu trainieren. Für Horngacher ist das eine völlig ungewohnte Situation in seinem Team. Sie wirkt sich nicht in Form einer ansteckenden Negativspirale aus, weil Hoffmann und Raimund die Chance genutzt haben, sich selbst als Vorspringer des deutschen Teams zu etablieren. Raimund ist ein quirliger, 25 Jahre alter Mann, der so viel Energie in sich vereint wie niemand sonst im Kader. Übertragen auf die Schanze hat ihm diese Wildheit allerdings nicht geholfen. Nach eingehender sprungtechnischer Beratung durch das Trainerteam des Deutschen Ski-Verbandes hat sich Raimund mittlerweile selbst gebremst und erkannt: „Jetzt weiß ich, dass 80 Prozent Kraftaufwand vor dem Absprung reichen, damit ich top abhebe. Danach ist der Übergang perfekt, und ich kann mich aufs Fliegen konzentrieren.“ Zurzeit verfängt dieses Prinzip, und mit den starken Ergebnissen – ein zweiter Rang, drei dritte und zuletzt zwei vierte Plätze in elf Weltcup-Springen – „wächst das Selbstvertrauen, und auf einmal ist Konstanz vorhanden“. Domen Prevc ist der große Favorit Wellinger und Geiger hingegen durchlebten zuletzt das Gegenteil. Sie schafften es partiell nicht mal mehr, sich für das Feld der besten 50 Springer zu qualifizieren. Horngacher hat den beiden deshalb eine intensive und spezielle Sprungschulung verordnet, die er vor allem auf den Kleinschanzen von Oberstdorf, Planica und den Olympia-Schanzen von Predazzo angesetzt hat. Geiger, der schon eine Woche vor Wellinger zum Üben delegiert wurde, bringt es bis zum Beginn der Vierschanzentournee am kommenden Montag auf gut 80 Sprünge, Wellinger auf um die 60. Bei beiden habe sich laut Horngacher eine Sprung-Vorstellung etabliert, die aktuell nicht mehr verfange. Dieses Problem aufzubrechen, sei schwer, betont Horngacher, doch zuletzt habe Wellinger wieder gespürt, was derzeit in Bezug auf die Anfahrt, den Absprung und die Flugphase nötig sei, um mit nun laut Reglement enger geschnittenen Anzügen weit springen zu können. Bei Geiger sei es ähnlich. Beide gehören auch zum deutschen Aufgebot für die Vierschanzentournee. Doch gewinnen könnten sie dort laut Horngacher nicht. Hoffmann und Raimund reisen deutlich erfolgsorientierter zur ersten Tournee-Station nach Oberstdorf. Doch zu den großen Favoriten zählt Horngacher die beiden nicht. In dieser Rolle sieht er vor allem den Slowenen Domen Prevc, der fünf der letzten sechs Wettkämpfe gewonnen hat. Gleichwohl könnten Hoffmann und Raimund „eine sehr gute Tournee springen“.
