Jeden Morgen zwischen 6 und 7 Uhr steigt Fredy Glanzmann auf seine Langlauf-Ski. Der 62 Jahre alte Schweizer skatet dann fünfzehn Kilometer, ohne gefrühstückt zu haben. Seine Stammloipe ist die Loipe-Langis auf 1440 Meter Höhe am Glaubenberg, einem Pass zwischen den Kantonen Obwalden und Luzern. Danach, zwischen 7 und 8 Uhr, bespricht Glanzmann ein sogenanntes Loipentelefon, auch Schnee- und Wettertelefon genannt. Das ist ein Anrufbeantworter, den man über diese Festnetznummer anruft: +41416751146. „Guten Tag. Ihr hört den Schnee- und Wetterbericht vom Langis-Glaubenberg vom 26. Januar, Zeit 7:15, es schneit ganz leicht bei minus vier Grad, Straße im obersten Teil leicht schneebedeckt. Loipenzustand: Gespurt ist Klassisch und Skating, es ist sehr schön zum Laufen, ganzes Loipennetz ist gespurt. Der Glanzmann Sport hat offen von 9 bis 17 Uhr, ebenfalls offen Hotel Langis und das Restaurant Schwendi-Kaltbad. Wir wünschen Euch einen schönen Tag und natürlich viel Freude auf den Langlaufski. Danke für euren Anruf und auf Wiederhören.“ Auch Digital Natives vertrauen auf die Ansagen vom Band Gut vierzig Sekunden dauert die Bandansage, hier vom Schweizer- ins Standarddeutsch übersetzt. Loipen- und Wettertelefone gibt es noch in vielen Schweizer Langlauf- und Skigebieten. Wie viele genau lässt sich nicht erheben. Sie stammen aus der vordigitalen Zeit, als man Wetter- und Loipeninfos nicht mit ein paar Klicks checken konnte. Damals riefen Wintersportler die Festnetznummern an und schauten sogar im Teletext nach (auch heute noch möglich auf Seite 513 für Loipe Langis bei SRF1). „Loipentelefone gehören einfach dazu“, sagt Glanzmann. „Wenn es sie nicht mehr gibt, würde etwas fehlen.“ Er ist ehemaliger Nordischer Kombinierer aus den Achtzigern (Langlauf und Skisprung) und gewann als erster Schweizer einen Weltcup in der Nordischen Kombination sowie jeweils einmal Teamsilber bei Olympischen Spielen und bei einer Weltmeisterschaft. Doch auch in der Wintersportnation Schweiz verschwinden die Bandansagen nach und nach. Meist sind es kleine Langlauf-Vereine, Gemeinden und Tourismusbüros, die sie noch betreiben. Es ist ein Service, auf den besonders ältere Menschen vertrauen, den aber auch Digital Natives nutzen, weil er häufig detailliertere Infos bietet als das Internet. Im Netz werden die Daten meist standardisiert angezeigt: gespurt/nicht gespurt/fahrbar/fahrbar-gut/gut. Wer die Infos liefert, weiß man häufig gar nicht. Fredy Glanzmann spricht die Bandansage „automatisiert“ auf, wie er sagt. Nur wenn die Wetter- und Schneelage komplizierter sei, benötige er einen zweiten oder dritten Anlauf. Etwa wenn im hinteren, bergigeren Teil des Gebiets nicht genug Schnee liege. Dann müssen Wintersportler genau hinhören und auf Glanzmanns Betonung achten, ob es sich lohnt zu kommen. Wichtig ist auch zu wissen, ob das Loipengebiet nebelfrei ist. Bei einer Hochdruckwetterlage können Wetter-Apps Sonne anzeigen, obwohl im Tal Nebelsuppe herrscht. Glanzmann spricht in einen schwarzen Apparat, der aussieht wie ein Kassettenrekorder. Auf einem roten Sticker, der links oben auf dem Apparat klebt, steht „Wettertelefon 0416751196“. Es handelt sich um einen Anrufbeantworter des Typs Tiptel 331, der in einer Ecke bei „Glanzmann Sport“ an der Wand hängt. Das Sportgeschäft und eine dazugehörige Langlaufschule betreibt Fredy Glanzmann hauptberuflich. Das Loipentelefon Langis bespricht er seit dreißig Jahren und macht das „einfach so“, ehrenamtlich. Bandansagen seien „authentischer und persönlicher“, sagt auch Ueli Spöring. Er ist 59 Jahre alt und Präsident des Vereins Pro Eigenthal-Schwarzenberg, der ebenfalls ein Loipentelefon betreibt. Eigenthal-Schwarzenberg liegt am Fuß des Luzerner Hausbergs Pilatus. Als man Spöring per Mail nach der Nummer für das Loipentelefon fragt, schreibt er, mit einem Smiley versehen, zurück: „Die Nummer gehört zur Allgemeinbildung und lautet +41414972727.“ In vielen Gebieten sind die Nummern seit Jahrzehnten dieselben geblieben. Man muss lange suchen, um in Deutschland Vergleichbares zu finden. Loipentelefone gibt es an mindestens zwei Orten: in Herrenwies im Schwarzwald und im Langlauf-Zentrum Hoherodskopf im hessischen Vogelsberg-Gebirge. Die dazu gehörige Homepage begrüßt einen mit dem Hinweis auf die „Service Hotline Schnee- & Wetterlage und Loipenzustände“. Für größere Skigebiete in Deutschland erhält man Infos aber eher über Portale wie „Bergfex.de“ und „Loipenportal.de“. Im schweizerischen Eigenthal-Schwarzenberg macht der Pistenbully-Fahrer „Meldung“ an zwei Vereinsmitarbeiterinnen, die sie dann auf Band sprechen. Das Telefon werde betrieben, „weil es immer noch häufig genutzt wird“, sagt Spöring. Es erhält täglich zwanzig bis dreißig Anrufe, an Spitzentagen sind es achtzig. Die Website hingegen habe mehrere Tausend Aufrufe im Monat. Alle zwei, drei Jahre überprüfen sie in Eigenthal-Schwarzenberg, ob sich der Betrieb des Anrufbeantworters noch lohne. Bis jetzt sei das der Fall. Wie viele Leute jeden Tag das Loipentelefon in Langis anrufen, kann Fredy Glanzmann nicht sagen. Er weiß nur, dass sich die Leute beschweren, wenn sein Bericht mal nicht abrufbar ist, etwa weil bei einem Schneesturm der Strom ausfällt. Die Leute schrieben sofort Mails und fragten, was los sei. Dennoch erhält er einen Hinweis, dass viele Leute seine Ansage abhören und seine Infos relevant sind. Immer wenn jemand anruft, piepst das Gerät kurz. Und wenn der Apparat mal „rausfliegt“, wie Glanzmann sagt, leitet die Nummer auf sein Handy um. Er hat dann viele verpasste Anrufe. Geht er ran, erschrecken manchmal die Leute, dass plötzlich jemand abnimmt. Ein echter Mensch.
