Es war schon eine Weile dunkel, als ich Winterberg erreichte. Die letzten Schneereste am Straßenrand, von Pflügen aufeinandergeschichtet, waren voller Äste und Steine. Hin und wieder tauchte ein Fachwerkhaus mit Schindeldach im Nebel auf, dann ein beleuchtetes Schild. Über den Bürgersteig stapfte ein Mann in Skischuhen, die Skier über der Schulter. Ich fragte mich, wo er verloren gegangen war, die Pisten hatten schon seit Stunden geschlossen. „Skiverleih“ stand auf den Schildern, oder, auf Niederländisch, „Verhuur“. Jeder Niederländer kennt Winterberg. Es ist das größte Skigebiet Deutschlands nördlich der Alpen und nur ein paar Autostunden von unseren Nachbarn entfernt. Nur ich hatte bislang nichts von der 13.000-Seelen-Gemeinde im Sauerland gehört. Winterberg war mir unheimlich, kam mir vor wie die Erinnerung an einen verworrenen Traum. Am nächsten Morgen war alles wieder wie auf null gestellt. Der Himmel war klar, es würde ein strahlender Wintertag werden. Ich fuhr wieder rein in den Ort, sah viele niederländische Kennzeichen, einen Baumarkt, ein Autohaus (Audi), ein anderes Autohaus (Volkswagen), ein Möbelgeschäft. Beim Skiverleih war ich der erste Kunde, die Verleiherin freute sich über meinen Besuch. Ich hätte mir den perfekten Tag ausgesucht, sagte sie, heute sei es leer und das Wetter phantastisch. Kurz vor neun Uhr dann erwachte das „Skiliftkarussell Winterberg“ ratternd zum Leben, das heißt, die 46 Lifte, welche die sieben Berge und deren 45 Pistenkilometer miteinander verbinden, wurden angeschmissen. An der Station Rauher Busch fuhr ich mit einem Sessellift ein paar Meter hoch. Die Sonne war inzwischen aufgegangen, die Piste unter mir fast noch unberührt. Der Frost in den Bäumen und auf den Böden hielt die Illusion eines verschneiten Wintertages aufrecht. Ich sah geradeaus, das Gewerbegebiet mit seinen Autohäusern im Rücken. Noch Ende des 19. Jahrhunderts war das abgelegene Sauerland im Winter abgeschlossen vom Rest der Welt. Das änderte sich, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Eisenbahn gebaut wurde. Einige der Ingenieure hatten vorher im Schwarzwald gearbeitet und erzählten von Touristen, die mit Skiern den Feldberg hinabfuhren. Den Sauerländern schien das in hohem Maße unvernünftig: Warum sollten sie mit Brettern den Berg hinauflaufen, um dann auf diesen Brettern den Berg herunterzufahren? Doch dann bestellten sich die ersten Winterberger Skier und erkannten, dass Skifahren nicht nur Spaß macht, sondern dass sich mit Unterkünften und Fuhrdiensten auch Geld verdienen lässt. Griffiger Beginn Die erste Abfahrt Rauher Busch war ein schöner Anfang, breit und flach. Ich war schon lange nicht mehr gefahren und hatte keine Ahnung, was gute Skipisten ausmacht, aber diese gefiel mir, war griffig und crisp. Ich hatte mir vorgenommen, jeden der 45 Winterberger Pistenkilometer zu fahren. Doch jetzt, als ich nach einer halben Minute unten ankam, nahm ich Abschied von diesem Plan, wollte mich lieber umsehen. An der Skischule am Waltenberg gaben Eltern ihre Kinder ab. Nebenan stieg Dampf aus den Schornsteinen des Vakantiehotels „Der Brabander“. In den Achtzigerjahren hatte man in Winterberg begonnen, sich dem Nachbarland als Wintersportplatz zu empfehlen. Das ging voll auf. Bei einer Umfrage vor ein paar Jahren benannten die Niederländer Winterberg als die bekannteste deutsche Kleinstadt. Im Keller der Skischule warteten die Skilehrer in roten Jacken auf ihren Einsatz und tranken Kaffee. Achtzig Skilehrer beschäftige er insgesamt, sagte der Besitzer Marc Buhl, an guten Tagen seien vierzig im Einsatz, heute seien es zehn. Diese Woche sei die einzige, in der keines der Winterberger Einzugsgebiete Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Niederlande und Belgien Schulferien habe. Ganzen Sommer für die Planung Buhls Großvater hatte in Österreich Skilehrer gelernt und die Skischule von einem Kumpel übernommen. Es war die erste in Winterberg. Vor elf Jahren übernahm Enkel Marc, damals zweiundzwanzigjährig. Im Sommer arbeitete er als Kaufmann, im Winter als Skilehrer. „Doch wenn man das richtig machen will und weiterkommen will, kann man es nicht im Nebenerwerb machen, da braucht man den Sommer für die Planung.“ 2017 kündigte Buhl. Seitdem ist die Skischule sein Job, sieben Tage die Woche, von Anfang Dezember bis Ende März. Die Skilehrer brachen auf, ihre Schuhe knallten auf der Treppe. Seine Kunden, sagte Buhl, seien Deutsche und Niederländer, mehr aber Deutsche. Die meisten blieben ein bis drei Tage, bereiteten sich auf den Urlaub in den Alpen vor oder testeten erst mal, ob Skifahren überhaupt etwas für sie sei. Skifahren in Winterberg, sagte Buhl, sei deswegen auch nachhaltig. Etwa 60 bis 70 Prozent aller Emissionen eines Skiurlaubs entfallen auf die Anreise. Und da sei es doch besser, zwei Stunden nach Winterberg zu fahren als zehn nach Österreich. Ich nahm wieder Platz im Skiliftkarussell, ließ mich zum Bremberg und zum Poppenberg und zum Sürenberg bringen, zu Winterbergs höchster Stelle auf 841 Metern. Der Blick ins Rothaargebirge war makellos schön. Auf den Pisten war ich oft fast alleine, sie waren eher kurz, aber breit und gut präpariert. Noch für jede Hundert-Meter-Strecke gab es einen Sessellift, in den man sich direkt hineinsetzen konnte. Früher habe es überall Schlepplifte gegeben, hatte Marc Buhl gesagt, jetzt müsse man sich schon Mühe geben, einen zu finden. Für ihn sei Winterberg das modernste Skigebiet Deutschlands. Ich folgte der Abfahrt „Schneewittchen“, die vor ein paar Jahren gebaut wurde, um zwei Skigebiete miteinander zu verbinden. Am Schneewittchenhaus saßen die Urlauber in der Sonne und aßen zu Mittag. Am Verleih traf ich Fabian Klante. Klante stammt aus einer der Winterberger Familien, die Lifte betreiben, er hat in Hannover Wirtschaftsingenieurwesen studiert, war dann in die Heimat zurückkehrt. Langsam übernimmt er jetzt die Geschäfte seiner Eltern. „Ich mache alles, was so anfällt“, sagte er. „Ich kümmere mich um die Lifte, fahre abends auch mal mit der Raupe, plane das Personal.“ 220 Mitarbeiter beschäftige die Familie im Winter. „Die Saison muss gesichert sein“, sagte Klante, „du musst ja auch deine Angestellten bezahlen.“ Deswegen hielten die Liftbetreiber in Winterberg ihre Schneekanonen auf dem neuesten Stand. „Es müssen keine Minusgrade sein, damit diese Maschinen Schnee produzieren können.“ Mit ihnen seien die Hauptpisten ausgestattet, sodass dort unabhängig von der Temperatur die ganze Saison über gefahren werden kann. Aber braucht es nicht trotzdem Naturschnee? „Schon“, sagte Klante, „für das Ambiente“. Ambiente ist durchaus auch in Winterberg vorhanden, wie sich in der erstaunlich langen Fußgängerzone feststellen lässt. Es gibt die Eisdiele „Cortina“, ein paar Outdoorgeschäfte, den Modeladen „Bonita“, eine Parfümerie, ein Strumpfhaus, ein Dekogeschäft, eine Lakritzmanufaktur (die nicht nur den Niederländern gefällt), ein Restaurant mit dem Namen „Alt Amsterdamer Stuben“ und ein Geschäft für Hörgeräte mit dem Werbespruch „Klarer Vorsatz für 2026: besser hören“. Es fühlte sich nach einer gut laufenden NRW-Kleinstadt der 2010er-Jahre an. Zwei Drittel aller Arbeitsplätze hängen in Winterberg mit dem Tourismus zusammen, so auch „Bei Möppi“, einer Hütte am Poppenberg, in der ich mich nach kurzer, weicher Abfahrt auf der Sonnenterrasse wiederfand. Die Karte war deutsch und niederländisch, das Kratzen der Skier übertönt von irgendwelchen Schlagern. Ich bestellte „Friet Speciaal“, Pommes mit rohen Zwiebelwürfeln also, die dagegen aber auch nicht ankamen.
