Die ersten Abfahrten kosten weder Geld noch Mühe. Die Skifahrer und Snowboarder können an den Drehkreuzen vorbeigleiten und direkt in den Schlepplift steigen. „Genießt die freien Stunden, heute ist Weihnachten“, ruft eine Mitarbeiterin aus dem offenen Fenster des Kassenhäuschens in der Ski- und Rodelarena Wasserkuppe. Dabei ist am Dienstag doch eigentlich Dreikönigstag. Scharen von Wintersportlern aus Hessen, wo Schulkinder noch die gesamte Woche über Ferien haben, und aus Bayern, wo der 6. Januar ein Feiertag ist, sind auf den mit 950 Metern höchsten Berg des hessischen Mittelgebirges geströmt. Doch auf der Wasserkuppe ist am Morgen das Internet gestört: Probleme mit dem Netzwerk. Die Kassen funktionieren nicht, und so müssen Schneefreunde erst einmal nichts zahlen, um die 600 Meter lange Piste am Märchenwiesenlift zu nutzen. Der Lift ist der einzige von vier Schleppliften in dem hessischen Skigebiet, der in diesem Winter bisher läuft. Außerdem schiebt sich an einem benachbarten Hang noch der Zauberteppich nach oben, jenes Förderband für ganz kleine und ganz unerfahrene Skifahrer. Am Wochenende könnten mehr Lifte öffnen Mehr ist bei drei Zentimeter Naturschnee trotz der effizienten Arbeit der Kunstschneekanonen noch nicht drin. Aber Florian Heitmann setzt darauf, „dass Frau Holle uns noch ein bisschen unterstützt“. Der Betriebsleiter der Ski- und Rodelarena Wasserkuppe steht am Rand der Piste. Die Strecke füllt sich immer mehr, seit der Lift sich um 10 Uhr in Gang gesetzt hat. Es ist der sechste Skitag an der Märchenwiesenabfahrt, seit Neujahr ist sie nach Angaben des Betriebsleiters geöffnet. „Betrieb bis 20 Uhr“, steht an der Talstation des Schlepplifts. Dann haben die Mitarbeiter längst das Flutlicht angeschaltet. Am Samstag und Sonntag fährt der Lift sogar bis 22 Uhr. Der Zauberteppich ist schon seit dem 28. Dezember in Betrieb. An der Rodelbahn gegenüber läuft eine Schneekanone. Heitmann will den Lift dort ebenfalls bald öffnen. Am Donnerstag, sagt er, solle laut Wetterbericht auch wieder Schnee vom Himmel kommen. Die wenigen Flocken, die am Dienstagmorgen durch den Nebel stieben, sind für den Betriebsleiter jedenfalls noch kein ernst zu nehmender Schneefall. Entgangene Einnahmen Lägen statt der drei hingegen zehn Zentimeter echter Schnee, wäre es etwas anderes. Aber nächstes Wochenende könnte noch mehr gehen auf den Pisten. Es sei nicht ausgeschlossen, dass dann außer der Rodelbahn auch noch eine weitere Skipiste aufmache, sagt der Betriebsleiter. Bisher ist in der Region nur noch ein weiterer Schlepplift am Zuckerfeld ebenfalls in der hessischen Rhön geöffnet. Kein Wunder also, dass über das vergangene Wochenende mehrere Tausend Skifahrer, Snowboarder, Rodler und Wanderer zur Wasserkuppe gekommen sind. Auch bis zum Dienstagmittag wird es immer voller. Viele Gäste bedauern die Betreiber wegen der frei zugänglichen Liftanlage. „Was denen für Einnahmen entgehen“, sagt eine Frau. Andere freuen sich über die Freifahrten. Warum genau die Lifte unentgeltlich benutzbar sind? „Keine Ahnung.“ Auch die Kasse des Skiverleihs zickt, als ein Mann mit Karte zahlen will, aber dann klappt es doch. Die Mitarbeiterin hinter der Theke ist trotz des Andrangs ausnehmend freundlich. Sie kann auch mehrere Gespräche gleichzeitig führen. Zum Beispiel mit dem Kunden, der wissen will, ob die Quittung für ihn ist oder an der Kasse bleibt, und mit der Mutter, deren Tochter einige Meter entfernt am Rand der Piste feststeckt, weil die Snowboardbindung klemmt. Schnell ist ein Mitarbeiter herbeigerufen, der dem Mädchen hoffentlich helfen kann. Auch bei den Kunden des Skiverleihs ist die Stimmung entspannt. Mehrere schätzen, dass sie etwa eine Dreiviertelstunde für die Ausrüstung angestanden haben. „Das ist okay“, findet einer, als er das kleine Gebäude mit einem Paar Skier verlässt. Ein anderer resümiert sogar: „Geht flott.“ Ein Vater wartet seit vielleicht 20 Minuten mit zwei kleinen Kindern auf einer Bank in dem engen Raum. In Seelenruhe verspeisen die beiden erst Lebkuchen, dann Milchschnitten, während die große Schwester und deren Freundin beim Verleih anstehen. Die Kleinen wollen Schlitten fahren. Sie kommen aus Wertheim, wie der Mann sagt. Auch in Baden-Württemberg ist Feiertag. Aber vor allem die Gäste aus dem anderen südlichen Nachbarland treiben die Besucherzahlen nach oben, wie es an der Kasse heißt. „Ab morgen gehen die Bayern wieder in die Schule, dann wird es hier sehr viel ruhiger werden.“ Etwa 250 Paar Leihski gehen täglich über die Theke. Mit Skischuhen kostet das 23 Euro Leihgebühr. Snowboards sind deutlich weniger gefragt, vielleicht 20 werden am Tag gebraucht. Als der Skilift vor ein paar Tagen noch geschlossen war, waren alle 120 Schlitten verliehen. Ein Vater und sein erwachsener Sohn aus Aschaffenburg haben sich je einen Holzschlitten gemietet. „Wir sind nicht so die Skifahrer“, sagt der jüngere der beiden Männer. Viele andere dagegen schwingen, wedeln oder zuckeln die Märchenwiesenabfahrt hinunter. Zwei Jugendliche brauchen dafür ziemlich lange. Das junge Mädchen ist offensichtlich erfahren, der Junge eher nicht. Er lässt sich immer wieder fallen und jammert, er könne nicht aufstehen. „Meine Skier sind zu lang.“ Sie antwortet: „Meine sind sogar noch länger.“ Aber sie lässt ihn nicht allein. Dafür, dass erst so wenig Naturschnee liegt, ist die Schneequalität sehr ordentlich. Raser gibt es in der Rhön zumindest an diesem Vormittag nicht. In der Schlepplift-Schlange schiebt ein Vater den Sohn, der noch ohne Stöcke unterwegs ist, vor sich her. „Du machst das super“, lobt er das Kind. Eine Großmutter und eine Enkelin im Teenageralter scheren aus der Schlange aus. „Wo ist Opa?“ Niemand meckert, niemand drängelt. Auch Erwachsene fahren Zauberteppich Der Chef der Skischule Märchenwiese am Zauberteppich ist gerade auf der Piste und gibt Kurse. Aber in dem Häuschen unten am Hang ist dennoch zu erfahren, dass die von der Ski- und Rodelarena unabhängige Schule am Wochenende täglich mehr als 100 Skischüler unterrichtet. Zwei Stunden Schnupperkurs kosten 50 Euro, für eine Stunde Einzelkurs müssen Eltern oder erwachsene Skianfänger 80 Euro zahlen. Am Einstieg des Zauberteppichs kommt gerade eine Gruppe Jugendlicher mit Leibchen in Neonorange an. Auf dem Förderband stehen vor allem jüngere Skifahrer. Von sechs Jahren an können Kurse bei einem der 40 Skilehrer gebucht werden. Aber auch Erwachsene lassen sich auf dem schwarzen Kunststoffband nach oben tragen. Manche fahren als Begleiter mit: „Hat der Parallelschwung geklappt?“, fragt ein Vater die Tochter. „Jo.“ Andere große Skifahrer lernen selbst. Ein Mann schaut in die Handykamera eines Bekannten, der am Rand des Zauberteppichs steht und filmt oder fotografiert. „Ja, ich bin’s wirklich.“ Ein paar Meter weiter unten blickt ein Junge durch seine Skibrille in die Landschaft. Vermutlich ist der Schnee auf den Fichten entlang des Hangs für ihn in Goldbraun getaucht. „Boah, diese Brille aufzuhaben ist voll geil.“ In der Märchenwiesenhütte ist um die Mittagszeit kaum noch ein Sitzplatz zu bekommen. Auf den meisten Tellern liegen Schnitzel und Pommes. Auf Wiener Art kostet das 12,70 Euro, als Jäger- oder Paprikaschnitzel etwas mehr. Auch Germknödel mit Mohn und Gulaschsuppe sind beliebt. Kleine Kinder bekommen beim Skistiefel-Ausziehen eingebläut: „Es ist ganz wichtig, dass deine Füße nicht nass werden.“ Das ist bei der Kälte draußen nur zu empfehlen. Zumal der Nebel wahrscheinlich dazu beiträgt, dass die gefühlte Temperatur für manch einen niedriger liegt als die tatsächliche. Das Thermometer zeigt minus sieben Grad an. Vielen anderen dürfte dagegen schön warm werden. Vom Skifahren, das in diesen Tagen eben nicht nur in den Alpen möglich ist, sondern auch bei einem Ausflug in ein hessisches Wintersportgebiet. Und anfangs sogar gratis. Ebenfalls um die Mittagszeit ist das Netzwerkproblem behoben. Wer jetzt weiterfahren will, muss sich für einen Skipass anstellen. Die Tageskarte für Erwachsene kostet 24 Euro, zwei Stunden Skifahren sind für 13 Euro zu haben. Wer nur eine Fahrt machen will, zahlt 3,50 Euro. Der Betriebsleiter nimmt den Einnahmenverlust am Dreikönigstag gelassen. „Das ist manchmal so im Leben, die Technik versagt eben manchmal“, sagt Florian Heitmann. Viel schlimmer wäre es aus seiner Sicht gewesen, wenn der Lift ausgefallen wäre. „So konnten die Skifahrer zwei Stunden umsonst genießen.“
