FAZ 19.11.2025
12:38 Uhr

Sippschaft als Farce: So sieht eine grandios groteske Familienaufstellung aus


Der Titel suggeriert einen Western, und es gibt Pistolen, Pferde und Prärie. Doch Mia Oberländers „Saloon“ ist etwas ganz anderes: High Noon im Wohnzimmer einer neurotischen Familie.

Sippschaft als Farce: So sieht eine grandios groteske Familienaufstellung aus

Man hätte gewarnt sein können vor diesem Clan, dessen Zwistigkeiten offenbar derart notorisch sind, dass ihm bei einer Famlienfeier gleich die öffentliche Streitschlichtung ins Haus geschickt wird. Vor der man allerdings auch gewarnt sein sollte, denn wer schon im weißen Ganzkörperschutzanzug mit Sonnenbrille mit einem Durchsuchungsbeschluss an die Tür klopft, um dann nach Inaugenscheinnahme als Therapie eine Linedance-Choreographie vorzuschreiben und schließlich, nach doch erfolgter Eskalation, die Zerstrittenen mit Pistolen aufeinander schießen lässt, der kann doch selbst nicht ganz normal sein. Willkommen in der Comicwelt von Mia Oberländer! Die seit ihrem Debütband „Anna“ von 2021, für den sie zuvor schon den Leibinger-Comicbuchpreis gewonnen hatte, internationale Aufmerksamkeit findet. Und lokale, denn in der jüngsten Ausgabe von „Ziegel“, dem Jahrbuch für Literatur, das die Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg (so viel Zeit für korrekte Bezeichnung muss sein) herausgibt, ist die dort lebende dreißigjährige Schwäbin mit einem Beitrag vertreten, der vom Eintreffen jenes Streitschlichter-Duos auf der Familienfeier erzählt. Und dort konnte man erfahren, dass es sich um einen Vorabdruck aus dem kommenden Comic „Saloon“ handelte. Der ist nun da, ein wenig später als erhofft, aber jede Wartezeit wert, wenn man ungewöhnliche Erzählweisen schätzt. Beim Titel „Saloon“ würde man einen Western erwarten, und die Handlung spielt auch in einer abgelegenen Gegend, deren Umgebung mit Prärien und Mesas wie eine amerikanische Musterlandschaft wirkt. Und das einsame Haus, in dem eine Familienmatriarchin wohnt, die ihre Sippe zusammengerufen hat, sieht auch aus, wie man sich einen Saloon vorstellt. Auf einem Foto sieht man die Hausherrin in jüngeren Jahren mit ihren drei Kindern und dem Ehemann, von dem nie die Rede sein wird. Der sieht aus wie Lucky Luke. Namen sind Schall und Rauch Mittlerweile sind die drei Kinder längst erwachsen und haben eigene Familien – entsprechend viele versammeln sich zur Feier. Und als externer Gast kommt noch die Verkäuferin des örtlichen Supermarkts dazu, der den schönen (total unamerikanischen) Namen „Ultraspar“ trägt, weshalb die Verkäuferin als „Frau Spar“ vorgestellt wird. Namen gibt es sonst keine: Die Gastgeberin redet ihre Verwandtschaft mit „Sohn“, „Schwiegertochter“, „Enkeltochter“ oder Vergleichbarem an; der missratene Sprössling unter ihren Kindern nennt sich nur „der lustige“ oder auch „der coole Onkel“. Er sieht übrigens aus wie Heino. Und damit ist er noch gut dran, denn sein Bruder, ein unter der Fuchtel seiner Frau stehender Pantoffelheld, tritt beim Eintreffen im Haus seiner Mutter erst einmal in der Gestalt eines Schoßhundes auf, ehe ihn die resolute Gastgeberin durch einen Appell an seine Menschlichkeit wieder zum Mann werden lässt. Aber das hält nicht lange vor; bald tritt er wieder als Hündchen auf. Während seine cholerische Gattin stets mit einem grotesk überdimensionierten feuerroten Kopf gezeichnet wird. Optisch drastisch, erzählerisch auch Dass Mia Oberländer keine Naturalistin ist, wurde schon in „Anna“ klar. Dieser Comic erzählt von drei Frauen – Großmutter, Mutter und Tochter –, die alle überdurchschnittlich groß gewachsen sind und entsprechende Probleme in der Öffentlichkeit haben. Aber „groß gewachsen“ meint da eher doppelt oder dreifach so groß wie die anderen Figuren. Drastik in der Optik geht bei Oberländers Comics Hand in Hand mit Drastik in der Handlung. Man sehe sich dazu auch den Zug an, mit dem ein Teil der Festgesellschaft anreist: gezeichnet wie aneinander gekoppelte Sektflaschen, die dadurch angetrieben werden, dass die hinterste ihren Korken herausknallt. Die Familienfeier im Saloon läuft aus dem Ruder, alte Wunden reißen auf, eingeschliffene Verhältnisse werden noch einmal bekräftigt. Bis die Streitschlichtung kommt, die per Pferd angereist ist, und das ist die einzige Figur, die einen echten Namen trägt: „Jumper“, wie Lucky Lukes treues Reittier, nur keineswegs jolly. Vielmehr hat das Pferd den Teufel im Leib und randaliert im Saloon – eine Szene, die Oberländer derart dynamisch-chaotisch in Bilder setzt, dass man nur staunen kann. Ausufernde Farben Der Gedanke an Picassos Kriegsbild „Guernica“ liegt mehr als nah, ist doch hier wie dort ein exaltiertes Pferd zentraler Blickfang. Allerdings ist bei Oberländer alles bunt – nein, nicht alles: Als die Streitschlichtung kommt, wird alles erst einmal farblos, aber das ändert sich bald wieder, wenn die beiden angeblichen Helfer ins familiäre Chaos hineingezogen werden. Bisweilen lässt die Comiczeichnerin ihre Farben in aktionsreichen Szenen auch über die Panelumrahmungen ausufern, als hätte sie vor lauter abzubildender Energie gar keine Rücksicht mehr auf Eingrenzungen nehmen können. Beim finalen Shoot-out dagegen ist wieder alles Bunte verschwunden, obwohl sich da jemand als heldenhaft erweisen wird, von dem man das nicht vermutet hätte. Was Mia Oberländer mit „Saloon“ gelingt, ist beachtlich. Strukturen und Motive klassischer Westernerzählungen überträgt sie auf ihre Version einer Familienaufstellung, die in eine gigantische Farce mündet, aus der aber doch einige Beteiligte geläutert hervortreten. Mag man anfangs meinen, dass kaum kühler über eine dysfunktionale Familie erzählt werden kann, entwickelt der Comic ein heißes Herz für sein Personal. Und am Schluss spielt der Fernseher im Schlafzimmer der nun wieder von allen guten Geistern verlassenen Großmutter jenen wehmütigen Gesang, den wir vom Abschiedsbild aller „Lucky Luke“-Comics kennen: „I’m a poor lonesome cowboy“. Nur dass es hier heißt: „I’m a poor lonesome cowgirl“. Emanzipation ist, wenn auch das Leid geteilt wird.