Die Gesichter sind entspannt im sogenannten „Krisengruppenraum“ des Mönchengladbacher Borussia-Parks, als Matthias Neumann vor rund 25 Personen seinen Vortrag beginnt. In drei Stunden wird unten auf dem Rasen die Bundesligapartie zwischen Borussia Mönchengladbach und RB Leipzig angepfiffen. Erwartet werden rund 100 Ultras aus Sachsen, darunter 80 der Kategorie B, die als „gewaltbereit/-geneigt“ gelten, referiert der Bereichsleiter des vereinseigenen Ordnungsdienstes. Leute aus der Kategorie C („gewaltsuchend“) seien nur im Heimbereich anwesend, ungefähr 50. Das Verhältnis der Ultras zueinander: „rivalisierend“. Störungsgefahr durch Ultras: „mittel“. Alltag in der Bundesliga. Die am vergangenen Wochenende in allen Stadien zu sehenden und zu hörenden Proteste gegen die Pläne der Innenministerkonferenz (IMK) sind hier kaum der Rede wert: Der Widerstand in den Kurven richtet sich gegen den Vorschlag, Stadionverbotsverfahren nicht mehr von den Klubs, sondern von einer zentralen Stelle durchführen zu lassen. Abgelehnt wird zudem die Einführung personalisierter Tickets, über die Straftäter eventuell leichter ermittelt werden, die zugleich aber den Einlassprozess in großen Stadien und die Weitergabe von Karten an Freunde deutlich erschweren würden. Außerdem fordern manche Politiker eine KI-gestützte Gesichtserkennung sowie die Streichung der Ticketkontingente für Gästefans bei Hochrisikospielen. „Damit droht der Stadionbesuch seinen freiheitlichen Charakter zu verlieren“, steht auf Plakaten, die am Freitagabend im Borussia-Park hängen. Wobei sich der Charakter dieser Freiheit aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten lässt. Am Ende der Proteste wird ein Banner in der Nordkurve entrollt, auf dem Fans trotzig verkünden: „IMK: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt.“ Übersetzt heißt das ungefähr: Ihr könnt uns mal, wir machen sowieso, was wir wollen. Eine von vielen Provokationen, die in den vergangenen Wochen von den Fanszenen ausgingen. Während die Praktiker aus den Klubs und Verbänden eher auf Dialog setzen wollen als auf Konfrontation. Ein zentrales Instrument dabei: die Stadionallianzen, die auf der IMK als Teil der Lösung in die Debatten einfließen werden. Im Rahmen dieses bereits 2017 in Baden-Württemberg entwickelten Verfahrens wird am Verhältnis von Klubs, Fans, Sicherheitsdiensten und Polizeien gearbeitet, sodass am Ende alle profitieren, nicht zuletzt der Staat, weil Polizeikosten sinken. Vor der Umsetzung dieser Idee „gab es immer sehr schnell Druck und Zwang“ im Verhältnis zwischen Klubs, Polizei, Fans und Verbänden“, sagt Bernhard Nießen, der Direktor für Stadionsicherheit und Veranstaltungsleiter bei Borussia Mönchengladbach. Die Stadionallianzen werden in vielen Klubs und Verbänden als Schlüsselinstrument auf dem Weg zu mehr Sicherheit wahrgenommen, das praxisnäher ist als die Forderungen der Hardliner auf der IMK. Dialog statt Härte Vier Tage vor dem Spiel gegen Leipzig sitzt Alexander Stoll in einer Runde mit dem Gladbacher Fanbeauftragten Thomas Weinmann sowie mit den bei der Borussia für die Stadionsicherheit zuständigen Mitarbeitern Nießen und Neumann im Krisengruppenraum des Borussia-Parks und sagt: „Der kontinuierliche Austausch ist ein großer Vorteil.“ Stoll ist Leiter der Direktion Gefahrenabwehr/Einsatz der Polizei Mönchengladbach und schätzt gerade „die anlassunabhängigen Treffen“. Statt immer nur zu diskutieren, wenn alle im Angesicht eines Hochrisikospiels angespannt sind oder unter Druck stehen, weil es einen Vorfall gab, entstehe im Rahmen der Stadionallianzen eine erheblich entspanntere und auch offenere Gesprächsatmosphäre. Der Staat und die Polizei können sich von ihrer anklagenden Rolle lösen und die Vereine sind frei von Rechtfertigungszwängen. „Der Ton hat sich geändert, und dazu tragen auch die Stadionallianzen bei“, sagt der Fanbeauftragte Weinmann, während Nießen ein paar Folien auf einen Bildschirm wirft: Neun Vereine haben sich in NRW unter der Leitung von Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) dem Konzept der Stadionallianzen angeschlossen. Viele Akteure aus der Praxis glauben, dass Ansätze dieser Art im Gesamtbild eine bessere Wirkung haben als eine immer härtere Konfrontation mit den Fans, von denen einige explizit gewalttätige Auseinandersetzungen suchen, viele Pyrotechnik cool finden, die Mehrheit aber einfach ein zwar intensives, aber friedliches Stadionerlebnis wünscht. Die Fanorganisationen, die Klubs und die Verbände weisen immer wieder darauf hin, dass die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei (ZIS) in ihrer neuesten Erhebung einen deutlichen Rückgang von Gewalttaten und Verletztenzahlen sowie Polizeiaufwand festgestellt hat. Die Forderungen einiger Politiker nach weiteren Repressalien werden daher in den Kurven als „Populismus“ bezeichnet, der Polizist Stoll sagt: „Klammert man das Thema Pyrotechnik mal aus, kann man meiner Meinung nach sagen: In Mönchengladbach müssen wir die Diskussion, ob Stadien sicher sind, nicht führen, denn wir können grundsätzlich sagen: Hier ist der Stadionbesuch sicher.“ „Darüber müssen wir weiter sprechen“ Das Hauptproblem liege anderswo: „Wir schauen als Polizei Mönchengladbach kritisch auch auf das, was außerhalb vom Stadion passiert. Darüber müssen wir weiter sprechen“, sagt Stoll. Schlägereien auf Autobahnraststätten und Randale auf Bahnhöfen lassen sich mit keiner der bekannten Forderungen bekämpfen. Durch eine offenere und besser funktionierende Kommunikation aber vielleicht schon. Stadionallianzen sollen Barrieren aufbrechen sowie die in der komplexen Gesamtlage sehr unterschiedlichen und mitunter widersprüchlichen Perspektiven zusammenführen. Zu den Zielen gehört zum Beispiel die Schaffung eines gegenseitigen Rollenverständnisses: Die Polizei soll Denkmuster und Motivationsstrukturen der Fans verstehen. Fans sollen Handlungszwänge und gesetzliche Verpflichtungen der Sicherheitsdienste und der Polizei kennen. Eine „Willkommenskultur“ für Gästefans So sieht das Stadionallianz-Modell vor, Gästefans an den Spielorten nicht mehr als Störer und potentielle Gefahr zu empfangen, wünschenswert sei stattdessen eine „Willkommenskultur“. Dazu können reisende Fans über Whatsapp-Gruppen mit Informationen über passende Aufenthaltsorte, Begegnungsmöglichkeiten, Ansprechpartner und Verkehrsfragen versorgt werden. Zudem ist eine Nachbereitung aller Spiele vorgesehen, in die explizit auch die Erlebnisse und Ansichten der Anhänger einfließen sollen. Immer im Wissen, dass sich auch gewaltsuchende Kriminelle unter diesen Leuten befinden, die schon eine Gefahr darstellen und die zum Ärger der Behörden oft von ihrer Gruppe geschützt werden. Beim Rundgang durch den Borussia-Park ist hinter der Nordkurve, wo absprachegemäß keine Polizei anwesend ist, die Macht der Gladbacher Ultras spürbar. Die Presseakkreditierung soll man hier lieber verstecken. Es ist nicht nur für manchen Innenminister schwer erträglich, die subversiven Kräfte der Szenen derart frei agieren zu lassen. Zur Realität gehört aber auch: Polizeiliche Härte trifft fast immer auch Unschuldige und schürt die Eskalationsgefahr. Ein Dilemma, das die Stadionallianzen zumindest abmildern können. Grundlage dafür ist in Nordrhein-Westfalen eine Kooperationsvereinbarung aus dem Jahr 2020, die derzeit auch noch einmal im Rahmen einer Überarbeitung optimiert werden soll. „Dabei geht es auch darum, die Fanbeauftragten der Vereine und die Fanprojekte stärker zu berücksichtigen, weil die bislang unterrepräsentiert waren“, sagt Nießen. Das kann beispielsweise helfen, Konfliktpotentiale an den Einlasstoren zu bekämpfen, wo es schnell aggressiv und manchmal auch gefährlich werden kann. „Wir haben generell die Situation, dass sich so die Szene ständig und sicher oft auch begründet verfolgt fühlt“, sagt der Gladbacher Fanbeauftragte Weinmann. Als Maßnahme der Entspannung findet im Borussia-Park wie vor jedem Heimspiel am Freitagabend rund eine Stunde vor dem Anpfiff ein sogenanntes „Kurvengespräch“ statt, in dessen Rahmen die Leipziger hinter dem Einlass in den Gästeblock empfangen werden. Anwesend sind Nießen mit seinem Team, die Leitung des Polizeieinsatzes, inklusive der szenekundigen Beamten, die Fanbetreuer beider Klubs und Mitarbeiter der Ordnungsdienste. Oft kommen auch die sozialpädagogisch arbeitenden Fanprojekte. Zweck dieser Begegnung ist eine Kontaktaufnahme. Sollte es später zu Zwischenfällen kommen, die Maßnahmen erfordern, ist man sich schon einmal begegnet, kennt Gesichter. Ist eine „Thermik“ spürbar? An diesem Abend ist in keinem der Fanlager eine „Thermik“ spürbar, erzählt Weinmann. Mit dem Begriff „Thermik“ werden aufkommende Spannungen beschrieben, wie sie über dem Spieltag zuvor lagen. Da war der Erzrivale aus Köln zu Gast. Die Anspannung der Mitarbeiter der Borussia war da groß während des Kurvengesprächs im Gästebereich. Aber der Austausch lohnt sich. „Durch die Kontakte der Fanbeauftragten und der Fanprojekte bekommt man fast immer die Informationen, die man für den friedlichen Veranstaltungsverlauf braucht“, sagt Weinmann. Durch die Stadionallianzen werde antizipiert, wann und wo es aus welchen Gründen zu Konflikten kommen kann. Das helfe, Konfrontationen zwischen Polizei und Fans in eigentlich unbedenklichen Momenten zu vermeiden. Denn wenn die Fans wissen, dass eine Polizei tatsächlich nur anlassbezogen eingreift, sorge das „in der Szene für eine gewisse Entspannung“, sagt Nießen. „Dann bekommen nicht alle direkt Verfolgungswahn, sobald die Polizei irgendwo auftaucht.“ Es ist gut möglich, dass die mittlerweile in neun Bundesländern eingerichteten Stadionallianzen entscheidend zu den Rückgängen der Verletztenzahlen und der kostenintensiven Polizeiaufwendungen beigetragen haben, die der ZIS-Bericht anführt. Hochproblematisch bleiben Auseinandersetzungen weit weg von den Stadien und der immer weiter eskalierende Einsatz von Pyrotechnik. Zwar sagt Weinmann: „Ich habe das Gefühl, in der Öffentlichkeit und in der Politik wird das Abbrennen von Pyrotechnik als Gewalt betrachtet, aber es gibt, abgesehen von seltenen Ausnahmen, einen Unterschied: Die Menschen, die Feuerwerk abbrennen, sind nicht aggressiv und wollen keine Gewalt ausüben. Sie tun Dinge, die sie als Form der Darbietung in der Fankultur betrachten.“ Der Polizist Stoll hält jedoch dagegen: „Das Abbrennen von Pyrotechnik ist verboten und sehr gefährlich.“
