FAZ 30.12.2025
16:56 Uhr

Silvesterfeuerwerk: Böller stoppen Brut der Reiherenten


Vogelexperten warnen vor den Wirkungen des Silvesterfeuerwerks auf die heimische Vogelwelt. In Wiesbaden verhinderten Böller den Bruterfolg seltener Arten.

Silvesterfeuerwerk: Böller stoppen Brut der Reiherenten

Zum Schutz von Wildvögeln hält der Wiesbadener Biologe und kommunale Vogelschutzbeauftragte Oliver Weirich eine feuerwerksfreie Zone mit einem Radius von zwei Kilometern um ausgewiesene Vogelschutzgebiete für unerlässlich. „Wer möchte, dass Wildvögel sicher durch den Winter kommen, sollte aufs Böllern verzichten“, so Weirich. In der aktuellen Ausgabe des Jahrbuchs des Nassauischen Vereins für Naturkunde hat der Vogelexperte den wissenschaftlichen Kenntnisstand zu den Auswirkungen von Feuerwerken auf Wildvögel zusammengefasst. Gemeinsam mit den Ko-Autoren Sonja Gärtner und Witiko Heuser hatte Weirich zudem vogelkundliche Untersuchungen zu den Folgen von Feuerwerken an besonders wertvollen Naturschutz-Standorten in Wiesbaden vorgenommen. Aus den Aufzeichnungen von Wetterradar-Anlagen und aus der Auswertung der Bewegung von Vögeln, die mit Sendern versehen waren, schließt Weirich, dass das traditionelle Silvesterfeuerwerk Wildvögel „in Massen zum Auffliegen in große Höhen zwingt“. Vor allem Schwarmvögel, große Vögel und in offenen Landschaften lebende Vögel reagierten empfindlich auf Böller und Raketen. Die „Scheuchwirkung“ von Feuerwerk auf Wildvögel nehme erst bei einer Entfernung von 1500 Metern langsam ab. Kameras in Nistkästen haben laut Weirich dokumentiert, dass in ihren Höhlen verharrende Singvögel durch die Böller um den Schlaf gebracht werden und ihre energiesparende Kugelform aufgeben. Die Folgen seien Energieverluste und „problematische Gebietswechsel“, die bei Kälte und Nahrungsmangel lebensbedrohlich sein könnten. Laut Weirich warnen Forscher darüber hinaus vor den Kollisionsrisiken tagaktiver Vögel bei der Flucht in der Dunkelheit. Feuerwerke zur Brutzeit könnten zudem den Fortpflanzungserfolg beeinträchtigen. Belege dafür sieht Weirich im Schiersteiner Teichgebiet. Dort habe es im Sommer 2024 die „sehr wahrscheinliche“ Brut von Reiherenten und mindestens eine Brut der Zwergdommel gegeben. Beide Vogelarten seien in Hessen vom Aussterben bedroht, was den außergewöhnlichen Wert des Schiersteiner Teichgebiets im Vogelschutzgebiet Inselrhein belege. Während die Jungvögel der Zwergdommeln das Feuerwerk anlässlich des Schiersteiner Hafenfests überstanden hätten, sprächen Beobachtungen über viele Wochen jedoch für eine Brutaufgabe der Reiherenten. Zu einer weiteren Brut der Zwergdommeln an einem zweiten Nistplatz sei es nach dem Feuerwerk nicht mehr gekommen. Der Floßhafen Mainz-Kostheim sei einer der wichtigsten Winterrastplätze der Krickente am Inselrhein. Durch den Neubau des Wohngebiets „Linde-Quartier“ werden künftig Feuerwerke bis an den Floßhafen heranrücken. Derzeit wird das Gebiet laut Weirich von den scheuen Krickenten spätestens einen Tag nach dem Silvesterfeuerwerk wieder als Rastplatz genutzt. Schwarmvögel in Kollisionsgefahr Der hessische Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland hat abermals ein „vollständiges und landesweites“ Verbot privater Feuerwerke gefordert. Der Vorsitzende des NABU Hessen, Maik Sommerhage, teilt die Einschätzungen von Weirich. Vögel reagierten stark auf Böller und Raketen: „Sie fliehen in große Höhen, landen für lange Zeit nicht und kehren nur zögerlich zu ihren Rast- und Schlafplätzen zurück.“ Wasservögel reagieren laut Sommerhage noch in vier bis sieben Kilometern Entfernung auf Feuerwerk mit Flucht. Wenn Schwarmvögel in Panik flüchteten, könnten sie gegen Glasscheiben oder Stromleitungen prallen. Der Rheingau-Taunus-Kreis bittet, wegen der Afrikanischen Schweinepest außerhalb geschlossener Ortschaften, insbesondere in der „Weißen Zone“, auf Knallkörper zu verzichten. Infizierte Wildschweine sollten nicht aufgeschreckt werden, um das Virus nicht zu verbreiten. Grundsätzlich gelte: Feuerwerk im Wald sowie im Abstand von weniger als 100 Metern zum Waldrand sei nicht erlaubt. Zwar seien in den vergangenen Monaten keine weiteren Fälle festgestellt worden. Dennoch mahnt der Kreis zur Vorsicht: Die bisher erzielten Erfolge dürften nicht aufs Spiel gesetzt werden. „Wenn wir im Februar ein Jahr seuchenfrei sind, wäre das ein wichtiger Meilenstein. Diesen Erfolg wollen wir nicht gefährden“, so der Leiter des ASP-Krisenstabs im Rheingau-Taunus-Kreis, Ralf Bachmann.