FAZ 19.12.2025
18:07 Uhr

„Silent Reading“: Wie Lesepartys junge Menschen verbinden


Der Trend zum gemeinsamen Schweigen und Lesen breitet sich aus. Von Wiesbaden bis Wien verbinden junge Menschen konzentrierte Lektüre mit Gesprächen und Austausch.

„Silent Reading“: Wie Lesepartys junge Menschen verbinden

Es ist still im Literaturhaus Wiesbaden. Die berühmte Stecknadel würde man fallen hören. Der Straßenlärm der breiten Wilhelmstraße dringt nur als leises Hintergrundrauschen durch die Fenster. Ab und zu wird die Stille durchschnitten vom scharfen Geräusch, wenn die Seite eines Buchs umgeblättert wird, oder dem dumpfen Laut, wenn ein Glas auf dem Tisch abgesetzt wird. Im gedämpften Licht der Kronleuchter, die von der mit Blumen bemalten Holzdecke hängen, sitzen Menschen zusammen und lesen. Schweigend, konzentriert, jede und jeder für sich und doch irgendwie alle gemeinsam. Ein wohliges Gefühl, das sich zwischen Buchrücken, Farbschnitten und Blumentapete ausbreitet, untermalt von Rotwein, Limonade, Kuchen und Tee. Es ist ein kalter Samstagabend, und im Literaturhaus steigt eine Party – still, heimlich und beruhigend. Keine Arme, die der Clubdecke entgegengestreckt werden, keine Füße, die im Rhythmus des Beats tanzen, keine Nachbarn, die sich wegen Ruhestörung beschweren. Entspannte Konzentriertheit füllt den Raum. Etwa 35 Menschen sind zu einer Leseparty zusammengekommen. Sie sind unterschiedlich alt, die meisten sind Frauen, viele stehen noch ganz am Anfang ihres Buchs. Und haben an diesem Abend die Möglichkeit, das zu ändern. Trend aus den Vereinigten Staaten Der Trend des „Silent Reading“ kam in den Vereinigen Staaten auf und ist seit einiger Zeit auch in Deutschland angekommen. Katharina Dietl ist stellvertretende Leiterin des Literaturhauses Wiesbaden und erklärt, wie die amerikanische Idee in die hessische Landeshauptstadt kam: „Wir waren auf der Suche nach neuen Veranstaltungen und wollten ein Angebot schaffen, bei dem die Menschen nicht nur rezipierend, sondern auch aktiv sind und ins Gespräch kommen können.“ Die Lesepartys, die seit März 2025 stattfinden, seien gut besucht und träfen ganz offensichtlich einen Nerv. „Der gesellige und kommunikative Charakter ist wichtig“, sagt Dietl zum Reiz der Veranstaltungen, bei denen sich konzentriertes Lesen in geselliger Runde mit der Möglichkeit zu Gespräch, Austausch und Büchertipps verbindet. Denn bei den Wiesbadener Lesepartys werden die drei Stunden konzentrierter Stille von kurzen Diskussionspausen unterbrochen. Impulsfragen erleichtern es, ins Gespräch zu kommen. „Was sagt mein Lesezeichen über mich aus?“, fragt Sarah Beicht, die die Lesepartys als freie Mitarbeiterin betreut, die Lesenden nach einer Stunde. Exakt sechzig Minuten später sollen sich die Teilnehmer die ersten Sätze ihrer Bücher vorlesen. Vielleicht erkennt man ja ungeahnte Parallelen. Wenn Beicht den Blick über die Besucher schweifen lässt, freut sie sich vor allem darüber, wie gemischt das Publikum ist. „Wir sprechen auch junge Menschen an, obwohl Wiesbaden keine studentische Stadt ist“, sagt sie. Bei den Lesepartys seien nahezu alle Plätze besetzt. „Es ist toll, sich zusammen allein der Lektüre zu widmen. Eine Stammgästin hat einmal gesagt: Da ist richtig Energie im Raum“, sagt Beicht. Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. In vielen Großstädten, zunehmend aber auch in kleineren Universitätsstädten, sprießen seit einiger Zeit Lesepartys aus dem Boden. In Mainz und Darmstadt lädt die Buch-Influencerin Jasmina, die auf Instagram „lieselotteliest“ heißt, zu Lesefeten ein. In Frankfurt trifft sich im Café Mina an der Dreieichstraße in Sachsenhausen schon seit Anfang 2024 der Shelf Care Club. Von Wien aus ausgebreitet Etwas später kam im Café auch der Read-up-Club dazu. In weniger als zwölf Monaten haben sich die Read-up-Treffen, erfunden von den österreichischen Schwestern Maiken und Nina Greimel, von Wien aus im deutschsprachigen Raum ausgebreitet. In zehn Städten finden Read-ups statt, weitere sollen 2026 folgen, unter ihnen Wiesbaden und Darmstadt. „Wir sind beide begeisterte Leserinnen – aber es ist ein bisschen ein einsames Hobby, bei dem man wenigen anderen Leserinnen begegnet“, sagt Maiken Greimel zur Entstehung der Treffen im Dezember 2024. Wie im Wiesbadener Literaturhaus wechselt das gemeinsame Lesen sich auch bei den Read-ups mit Austausch und Gesprächen ab. „Wir haben Opening-Traditionen, damit die Menschen sich kennenlernen können“, sagt Greimel. Mal gehe es zu Beginn des Treffens darum, einen Begriff aus dem „Buch-Universum“ zu erraten und zu erklären, mal werde eine Abwandlung von „Stadt, Land, Fluss“ gespielt, oder Bücher würden anhand von Emojis erraten. „Die Leute kommen aber ohnehin schnell in Kontakt“, beobachtet Nina Greimel. Und ihre Schwester ergänzt: „Wir sind sehr zusammenhaltsgetrieben und fragen immer nach Feedback und Wünschen.“ Die beiden sind viel unterwegs, um bei den Treffen in verschiedenen Städten möglichst oft persönlich dabei zu sein. „Wir stehen mit der Community auch immer über Social Media in Kontakt“, sagt Maiken Greimel. Die sozialen Netzwerke sind ein starkes Zugpferd der sich ausbreitenden Lesepartys. Nina Schäfer hat über Instagram von dem Treffen im Wiesbadener Literaturhaus erfahren. Sie hat einen ruhigen Platz ganz hinten links in der Ecke des Raums gefunden und liest „A different kind of power“ der ehemaligen neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern. „Ich fand das lustig, das ist mal etwas ganz anderes“, sagt sie über die Veranstaltung und lässt den Blick durch den prächtigen Raum schweifen. „Irgendwie ist es ein bisschen surreal, in dieser pompösen Villa zu sitzen und ein Buch zu lesen“, sagt sie und lacht. Entspannung und Ruhe Renata Hartrumpf ist ebenfalls zum ersten Mal bei einer Leseparty dabei. Die Pflegefachfrau kommt gerade aus einem Wochenenddienst im Krankenhaus. Sie fühle sich wohl in der Atmosphäre und genieße die Entspannung und Ruhe nach einem anstrengenden Arbeitstag, sagt sie. Auch Pascal Ackermann lobt die angenehme Atmosphäre, die ihm helfe, sich auf sein Buch – er hat „Die Einladung“ seines Lieblingsautors Sebastian Fitzek mitgebracht – zu konzentrieren. „Ich lese jeden Tag vor dem Einschlafen so zwischen zwei und zwanzig Seiten“, sagt der junge Mann – einer der wenigen Männer bei der Leseparty. Dass das gemeinschaftliche Lesen vor allem Frauen anspreche, erleben auch Maiken und Nina Greimel. „Wir würden uns über mehr Männer bei unseren Treffen freuen“, sagt Nina Greimel. Nicht nur Vielleser nähmen an den Treffen teil, ein Grundinteresse am Lesen müsse aber natürlich vorhanden sein. „Viele haben sonst nicht so die Möglichkeit, ihr Hobby mit anderen Menschen zu teilen. Aber die Menschen suchen auch einen Ausgleich zum virtuellen Austausch über Social Media“, sagt ihre Schwester. Boom in den sozialen Netzwerken Dabei boomt das Lesen scheinbar gerade in den sozialen Netzwerken. Booktok und Influencer sind erfolgreich, der bekannte Content von Hugendubel hat allein auf Instagram regelmäßig Aufrufe im siebenstelligen Bereich. „Das Interesse an Literatur und Geschichten ist in der jungen Generation ungebrochen“, beobachtet Katharina Dietl vom Literaturhaus Wiesbaden. Und Maiken Greimel vermutet, dass junge Menschen alles in allem heute mehr läsen als vor zehn Jahren. „Es gibt mehr Vielleserinnen, aber nicht unbedingt mehr Leserinnen. Vor zehn Jahren war man noch ein Nerd und langweilig, wenn man Lesen als Hobby hatte. Das ist heute anders“, sagt sie. In Zukunft sei noch mehr „Hype“ um das Lesen möglich, wenn man Zielgruppen adäquat abhole. „Es fehlt Lektüre für junge Männer, die ihre Lebensrealität abbildet. Auch für Frauen, die mit Ende zwanzig aus dem ‚New Adult‘-Alter heraus sind, brauchen wir neue Literatur“, sagt Maiken Greimel. Und ihre Schwester ergänzt: „Aktuell bewegen wir uns in einer Bubble. Unser Wunsch ist es aber, Lesen noch cooler zu machen, nicht nur für junge Frauen.“ In Hamburg, erzählen die Schwestern, hätten sie vor Kurzem ein Partyschiff im Hafen gesehen und sich gedacht: Wenn man 300 Menschen an einem Samstag zum Tanzen auf einem Schiff bewegen kann, warum sollte man dann nicht auch 300 Menschen für eine Leseparty auf einem Schiff gewinnen können? Vielleicht steigt also auch dort bald eine Samstagabendparty – still, konzentriert und schweigend. Man würde die berühmte Stecknadel fallen hören. Das sanfte Rauschen der Wellen dränge leise durch die Fenster. Und ab und an würde die Stille unterbrochen werden, durchschnitten vom scharfen Geräusch, wenn die Seite eines Buches umgeblättert wird.