FAZ 10.02.2026
17:04 Uhr

Silber für Deutschland: „Ich war unfassbar aufgeregt bei Emmas Lauf“


Den Skirennläuferinnen Kira Weidle-Winkelmann und Emma Aicher fehlen nur 0,05 Sekunden auf Gold bei der Olympia-Premiere der neuen Team-Kombination. Sie belohnen das Wagnis des Trainers.

Silber für Deutschland: „Ich war unfassbar aufgeregt bei Emmas Lauf“

Kira Weidle-Winkelmann rannte mit Deutschland-Fahne um die Schultern in den Zielraum, fiel Emma Aicher um den Hals. Dann zog sie ihre Teamkollegin am Skistock hinter sich her. Das völlig überwältigte deutsche Alpin-Duo hat bei der Olympia-Premiere der neuen Team-Kombination Silber gewonnen. Für Aicher, die auf der „Olimpia delle Tofane“ weiter im Flow agiert, ist es schon die zweite Medaille bei diesen Spielen, nachdem sie bereits in der Abfahrt zu Silber gerast war. In der Addition von Weidle-Winkelmanns Abfahrt und Aichers Slalom fehlte dem deutschen Duo nur 0,05 Sekunden auf das siegreiche Duett aus Österreich. Ariane Rädler und Katharina Huber gewannen Gold in einer Gesamtzeit von 2:21,66 Minuten. „Emma hat zu einhundert Prozent abgeliefert“ Zu Bronze fuhr ein amerikanisches Team. Allerdings völlig unerwartet nicht die Abfahrts-Olympiasiegerin Breezy Johnson und Superstar Mikaela Shiffrin, sondern USA II mit Jacqueline Wiles und Paula Moltzan (+0,25). Shiffrin, die beste Slalomfahrerin, konnte die Vorlage von Johnson nicht nutzen und fiel nach schwacher Fahrt noch auf Rang vier zurück (+0,31). Im Glück zeigte sich dagegen das deutsche Team. „Wahnsinn“, sagte Kira Weidle-Winkelmann und bekannte: „Ich war unfassbar aufgeregt bei Emmas Lauf.“ Doch dafür bestand bei der wie immer äußerst gelassen auftretenden Aicher kein Grund. Sie hatte den Wettbewerb auf Zwischenrang sechs aufgenommen, fuhr Bestzeit im zweiten Lauf und brachte das deutsche Team so auf Medaillenkurs. „Emma hat zu einhundert Prozent abgeliefert“, rief ihre Teamkollegin jubelnd. Es war eine überraschende Aufstellung, die der deutsche Cheftrainer Andreas Puelacher wählte, indem er die Silbermedaillengewinnerin der Spezial-Abfahrt nicht in der Kombinations-Abfahrt starten ließ, sondern eben im Slalom. Aber das Wagnis ging auf. Es gibt ja Sportarten, in denen siegreiche Generalisten als „Könige der Athleten“ hofiert werden, ein Zehnkampf-Olympiasieger in der Leichtathletik zum Beispiel. Beim alpinen Skirennsport ist dies längst nicht mehr der Fall. Hier wurde die Kombinationswertung seit Jahren als Disziplin zweiter Klasse geführt. Emma Aicher beweist ihre Weltklasse eindrucksvoll Dabei galt auch einst bei den Alpinen diejenige, die Abfahrt und Slalom bestmöglich miteinander verbinden konnte, als wahre Championesse. Als bei den Olympischen Spielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen zum ersten Mal alpine Skirennen zum Programm gehörten, wurde bei Männern und Frauen jeweils nur ein Wettbewerb durchgeführt: die Kombination, bestehend aus Abfahrt und Slalom. Die deutschen Skiläufer waren seinerzeit die Besten: Christl Cranz gewann Gold bei den Frauen, Franz Xaver Pfnür bei den Männern. 90 Jahre später, in Italien, gehört die einfache Kombination nicht mal mehr zum Wettkampfprogramm. In den Jahrzehnten dazwischen war immer mal wieder am Wertungssystem herumgedoktert worden, der Name änderte sich von Alpine Kombination zu Super-Kombination und zurück. Doch das änderte nichts daran, dass der Wettbewerb seinen Reiz verloren hatte. Es gab schlicht zu wenige Generalistinnen und Generalisten, die beide Teil­disziplinen auf Weltklasse-Niveau beherrschten. Emma Aicher gehört dagegen zu den wenigen Rennläuferinnen, die auch allein aussichtsreich eine Kombination bewältigen könnte. Sie zählt sowohl in der Abfahrt als auch im Slalom zur Weltklasse, wie sie in Cortina d’Ampezzo eindrucksvoll bewies. Dem Trend zu Gemeinschaftserlebnissen folgend, wurde in diesem Jahr nun erstmalig eine Team-Kombination anstelle der Solo-Kombination ausgetragen. Der Grundgedanke daran ist weiterhin die Addition aus Schussfahrt und Stangentanz, nur mit dem feinen Unterschied, dass in jeder Teildisziplin eine Einzelkönnerin startet. Die Zeiten werden zu einer Teamwertung addiert. Obwohl jede für sich fährt, spielt der Gemeinschaftsgedanke dabei eine große Rolle. „Man will ja fürs Team, für den Skiverband, für Deutschland Medaillen gewinnen“, sagte Kira Weidle-Winkelmann. Deshalb sei diese Team-Kombination schon etwas Besonderes. Kira Weidle-Winkelmann mit 0,74 Sekunden Rückstand Um für den Wettbewerb Platz zu schaffen, wurde der Mixed-Event aus dem Programm gekickt, in dem die deutsche gemischte Mannschaft in Peking 2022 noch die Silbermedaille gewonnen hatte. Auch damals gehörte Aicher schon zu den erfolgreichen deutschen Alpinen. Und so ruhten auch am Dienstag die Hoffnungen abermals auf den breiten Schultern der jungen Deutsch-Schwedin. Doch zunächst war Kira Weidle-Winkelmann in der Abfahrt gefragt. Der 29-Jährigen, Neunte von Sonntag, gelang bei diffusen Sichtverhältnissen eine passable Fahrt. Im Ziel wies sie 0,74 Sekunden Rückstand auf Johnson auf, die als Olympiasiegerin abermals die Bestzeit vorlegte. In der Zwischenbilanz stand Platz sechs für Team Deutschland, die Medaillenränge waren noch in Sichtweite. Auf die Frage, was sie ihrer Teamkollegin denn nun an Ratschlägen mit auf den Weg gäbe vor dem Slalom, antwortete Weidle-Winkelmann trocken: „Möglichst wenig, weil ich keine Ahnung von Slalom habe.“ Ihr einziger Tipp: „Möglichst Vollgas.“ Dann warf sei noch etwas hinterher, dass den Wettbewerb und ihre Teamkollegin charakterisiert: „Ich vertraue der Emma zu 100 Prozent. Sie ist eine der besten Slalomfahrerinnen der Welt. Da brauche ich nicht viel zu sagen, außer: Spaß haben, möglichst befreit drauflosfahren, dann schauen wir, was dabei rauskommt.“ Geraten, getan und dann fast ungläubig hingeschaut: auf Silber.