FAZ 17.12.2025
09:41 Uhr

Sigourney Weaver: „Ich habe mehr Freude am Arbeiten denn je, weil ich weiß, was ich kann“


Sigourney Weaver spricht im Interview über den dritten Teil des Welthits „Avatar“, die Arbeit mit James Cameron – und verrät, was sie nach 50 Jahren noch immer am Schauspielen reizt.

Sigourney Weaver: „Ich habe mehr Freude am Arbeiten denn je, weil ich weiß, was ich kann“

Als Ellen Ripley in den „Alien“-Filmen wurde Sigourney Weaver Actionheldin. Doch sie feierte auch mit Blockbustern wie „Ghostbusters“, Komödien wie „Galaxy Quest – Planlos durchs All“ oder anspruchsvollen Dramen wie „Der Eissturm“ Erfolge. In keinem Film begeisterte Weaver ein größeres Publikum als mit James Camerons Welthit „Avatar“. Nun ist die Sechsundsiebzigjährige auch in dessen zweiter Fortsetzung „Avatar: Fire & Ash“ (von Mittwoch an im Kino) dabei. Frau Weaver, vor drei Jahren kam die späte Fortsetzung von „Avatar“ in die Kinos, nun folgt mit „Avatar – Fire & Ash“ der dritte Film. Dass Sie und die anderen Schauspieler dafür tatsächlich vor der Kamera von James Cameron standen, ist allerdings schon Jahre her, richtig? Das stimmt, gedreht haben wir die Filme 2017, beide in einem Rutsch. Und sogar schon den Anfang eines vierten Films. Aber es kam auch in den letzten paar Jahren, als Jim am Schnitt und visuellen Feinschliff von „Avatar: Fire & Ash“ arbeitete, immer mal wieder vor, dass er mich nach Los Angeles kommen ließ, um doch noch einmal eine Szene zu drehen. Manchmal neue, manchmal einfach anderen Versionen von welchen, die Jahre her waren. Gerade wenn es darum geht, wie meine Figur Kiri mit Eywa, diesem gottgleichen Bewusstsein, zu kommunizieren versucht, hatte Jim immer noch neue Ideen. Das ist schon ungewöhnlich, zumal auch wir den fertigen Film nicht vor der Premiere zu sehen bekommen. Aber jemandem wie ihm muss man da einfach vertrauen, selbst wenn es sich über Jahre hinzieht. Nicht einmal Ihnen zeigt er vorab, wie der Film am Ende aussehen wird? In diesem Fall durfte ich 20 Minuten vorab sehen. Natürlich in 3D, was ich überhaupt nicht mehr gewöhnt bin. Aber dass ich elektrisiert und überwältigt war und dieses kurze Screening wirklich bis in meine Magengrube spürte, lag nicht nur an der Brille, die ich auf der Nase hatte. Ich finde es vielmehr wirklich aufregend, wie Jim uns in eine Welt katapultiert, die so anders ist als alles, was wir aus unserer kennen. Ein Kinobesuch reicht gar nicht aus, um aufzunehmen, was man da zu sehen bekommt. Und dieses Mal nimmt die Geschichte noch einmal ganz unerwartete, gefährliche Wendungen. Ist die Arbeit denn auch aufregend? Oder machen all die modernen Technologien den Prozess eher ein wenig mühsam? Na ja, man muss sich zwar für die Dreharbeiten immer diese mit Sensoren versehenen engen Anzüge anziehen und ei­nen bestimmten Helm aufsetzen, damit jede Bewegung und jede Mimik in Jims Computersystem übertragen werden. Aber ist diese kleine Hürde erst einmal genommen, ist man als Schauspielerin frei. Es gibt keine Kulissen und keine Kostüme, kein Make-up und keine Beleuchtung. Es muss auch nicht ständig angehalten und die Kamera­position verändert werden. Man kann sich zu 100 Prozent auf seine Figur konzentrieren und alles ausprobieren. Ein so ungezwungenes Arbeiten kenne ich sonst bestenfalls noch aus den frühen Phasen von Theaterproben. Verglichen damit ist eher das herkömm­liche Drehen mühsam. Ich zumindest habe mich noch nie bei einem anderen Film so uneingeschränkt auf meine Rolle konzen­trieren und alle technischen Details und Einschränkungen des Filmemachens ausblenden können wie bei den „Avatar“-Filmen. Ahnten Sie eigentlich 2009, als der erste „Avatar“ in die Kinos kam, auf was für ein Projekt Sie sich da eingelassen hatten? Nein, wirklich nicht. Allerdings denke ich bei keinem Film darüber nach, was mit ihm passiert, sobald er einmal in den Kinos angelaufen ist. Auch bei „Alien“ hatte ich keine Ahnung davon, was für ein popkulturelles Phänomen und Franchise daraus erwachsen würden. Zumal bei „Avatar“ dazukam, dass ich im ersten Film die Wissenschaftlerin Grace spielte, die ge­gen Ende des ersten Teils stirbt. Es konnte ja niemand ahnen, dass Jim in seiner verrückten Genialität einen Weg finden würde, wie ich in den Fortsetzungen ei­nen Teenager namens Kiri spielen könnte, der dann auch noch zu einer zentralen Figur der Geschichte werden würde. Dass ich nach fast 20 Jahren immer noch mit der Welt von „Avatar“ beschäftigt bin, erstaunt mich weiterhin! Haben Sie schon in den Achtzigerjahren gespürt, dass er als Filmemacher in einer eigenen Liga spielt? Ich erinnere mich noch daran, wie ich damals gerade einen Film in Frankreich drehte, als Jims Drehbuch zu „Alien“ auf meinem Tisch landete. Der erste Teil war bereits phantastisch. Doch dieses Skript war nun etwas ganz anderes. Es hatte so viele Facetten, so viel Humor und so viel Action. Das war ein vollkommen neues Universum! Jims Weitblick als Geschichtenerzähler war also sofort unübersehbar, und in der Zusammenarbeit war er damals schon ein absoluter Perfektionist, der in jeden noch so kleinen Spezialeffekt persönlich involviert ist. Perfektionisten können anstrengend sein! Sicherlich, und gerade bei der Arbeit an „Aliens“ standen wir alle unter enormem Druck. Den privaten Jim habe ich des­wegen erst kennengelernt, als wir zum Kinostart auf Pressereise gingen. Ich weiß noch, wie ich eines Abends in irgendeiner europäischen Großstadt zu ihm sagte: „Ich hatte keine Ahnung, wie witzig du sein kannst!“ Im Übrigen wird viel zu wenig darüber gesprochen, wie unglaublich gut Jim in der Arbeit mit Schauspielern ist. Alle reden immer über diese unglaubliche Technologie, die er für die „Avatar“-Filme entwickelt hat, ohne zu begreifen, dass die in erster Linie im Dienst der Schauspieler steht. Sehen Sie sich nur einmal an, was Zoe Saldaña in diesen Filmen leistet. Neytiri ist für mich eine der eindrucksvollsten Frauenfiguren, die es im Kino der letzten 20 Jahre zu sehen gab. Und das liegt nicht an technologischen Innovationen, sondern daran, was Zoe geleistet und Jim aus ihr herausgeholt hat. Dass sie nicht schon für „Avatar“ den Oscar gewonnen hat, ist wirklich bedauerlich. Inzwischen lassen sich auch mithilfe von KI-Software erstaunliche, auch bewegte Bilder erstellen. Wie viel Sorge bereitet Ih­nen diese Entwicklung? Tatsächlich ist Jims Technologie im Grunde das Gegenteil von KI, eben weil sie ganz auf die Arbeit der Schauspielerinnen und Schauspieler ausgerichtet ist. Darin liegt für mich die Zukunft. Ich glaube fest daran, dass gute Kunst – Literatur, Musik, Film oder anderes – den Funken der Kreativität braucht. Deswegen macht mir KI nur bedingt Angst. Natürlich lassen sich auch heute schon Drehbücher und Bilder auf diese Weise herstellen. Aber die sind eben nicht einfallsreich, brillant oder originell, denn KI kann nur verwerten, was andere sich schon einmal ausgedacht haben. Herausragende Filme wird es auch in Zukunft nur geben, wenn echte Menschen sie mit ihren ganz eigenen Ideen, Perspektiven und Gedanken kreieren. Kürzlich erwähnten Sie, dass es inte­ressante Ideen für ein mögliches neues „Alien“-Projekt gebe und Sie sich doch noch einmal vorstellen könnten, Ellen Ripley zu spielen. Wie realistisch ist das? Da fragen Sie mich was. Mein guter Freund Walter Hill hat tatsächlich ein spannendes Konzept zu Papier gebracht, wo Ellen Ripley heute sein könnte. Seit ich das gesehen habe, war ich allerdings so beschäftigt mit anderen Dingen, dass ich gar keine Zeit hatte, weiter mit Walter oder anderen darüber zu reden. Ich habe nur gemerkt, dass ich nach all den Jahren, in denen dieses Kapitel für mich abgeschlossen war, plötzlich doch wieder Interesse daran habe, zu hören, wie es um Ripley bestellt ist. Sie hat ja so viel Erfahrung im Überleben, dass sie uns heute vielleicht etwas zu sagen hätte. Aber ob daraus etwas wird? Keine Ahnung. Ich habe keinen direkten Draht zu den Entscheidungsträgern bei den Filmstudios, deswegen weiß ich nicht, was sie planen. Ich drücke aber die Daumen, dass jemand das Geld zur Verfügung stellt, aus diesem Konzept ein Drehbuch zu entwickeln, damit wir sehen können, was sich daraus machen ließe. Finden Sie es nach 50 Jahren als Schauspielerin eigentlich schwierig, noch neue Herausforderungen zu finden? Diesen umfassenden Blick habe ich selbst gar nicht. Ich stecke viel mehr im Moment – und frage mich nur: Ist diese Geschichte gut oder nicht? Ich liebe es, in meinem Alter noch arbeiten zu können, und habe daran mehr Freude denn je, weil ich weiß, was ich kann. Aber ich konkurriere weder mit mir selbst noch mit anderen Schauspielerinnen und entscheide mich ganz ohne Kalkül für neue Projekte. Eher bin ich wie ein Matrose auf der Suche nach einem Schiff, das in eine Richtung aufbricht, die mich reizt. Packt mich die Story, und würde ich mir selbst den Film gern anschauen? Darauf kommt es an. Des­wegen hatte ich auch nie Vorbehalte ge­gen bestimmte Genres und habe Action- und Horrorfilme genauso gedreht wie Dramen und Komödien. Und für Science Fiction hatte ich immer besonders viel übrig. Denn nirgends lassen sich bei allen Ängsten und Sorgen über die Zukunft mehr Optimismus und Neugier finden.