Es gibt diese Momente nach besonderen Fußballspielen, die zu tiefergehenden Gedanken einladen, zur Erzeugung übergeordneter Zusammenhänge. So wie die Lage nach dem imponierenden 4:1-Erfolg des VfB Stuttgart bei Bayer Leverkusen, mit dem die Spieler der beiden Teams nicht einfach nur ihr Fußballjahr eröffneten. Die bevorstehenden Monate werden für die Beteiligten mit Bundesliga, Europapokal und Weltmeisterschaft Stoff für große Geschichten bereithalten, und so holte der Stuttgarter Sportvorstand Fabian Wohlgemuth nach dem Abpfiff weit aus, während die Spieler sich von ihren Anhängern für ein fast makelloses Fußballspiel feiern ließen. In den direkten Duellen der Schwaben und der Rheinländer habe sich „einiges aufgestaut“, sagte Wohlgemuth in Anspielung auf die jüngere Vergangenheit. Immer wieder hatten die Begegnungen dieser beiden Klubs zuletzt Sport auf höchstem Unterhaltungsniveau hervorgebracht, doch am Ende jubelte meist Leverkusen. Oft aufgrund sehr glücklicher Umstände. Der aufgestaute Frust hatte sich an diesem Abend krachend entladen, 4:0 führte der VfB nach 45 Minuten. „Das war eine perfekte erste Halbzeit, so was hatte ich noch nie“, sagte Deniz Undav. Doch diese denkwürdige Dominanz war nicht der einzige Grund, den Blick vom Spiel auf die Gesamtlage schweifen zu lassen: Julian Nagelsmann fehlte zwar im Publikum, irgendwie anwesend war er aber trotzdem im Kontext dieses Duells. Sieben aktuelle oder ehemalige deutsche Nationalspieler standen in der Stuttgarter Startelf: Undav, Jamie Leweling, Maximilian Mittelstädt und Angelo Stiller, dazu Alexander Nübel, Chris Führich sowie Josha Vagnoman. Die Stuttgarter haben nicht nur ihr Leverkusen-Problem bekämpft, sondern auch eine spektakuläre Werbeshow in eigener Sache aufgeführt. Leweling erzielte zwei Tore und war an etlichen weiteren guten Szenen beteiligt. Undav hatte Lewelings Treffer vorbereitet und das 4:0 selbst geschossen. Auf der linken Seite, wo Führich und Mittelstädt unterwegs waren, zeigten sich immer neue Leverkusener Blößen, weil alle Stuttgarter mit maximaler Intensität genau das Richtige taten. Es sei „natürlich viel zu früh, aber wenn man über die WM redet, hat der eine oder andere einen richtigen Schritt gemacht“, sagte Wohlgemuth. Zuletzt fehlten die Stuttgarter im Nationalteam Nach dem Spiel empfahl der TV-Experte Lothar Matthäus bei Sky, den Innenverteidiger Jeff Chabot ebenfalls in den Kreis der WM-Kandidaten für die DFB-Elf aufzunehmen. Nicht allein aufgrund seiner guten Leistung zum Jahresauftakt, sondern vor dem Hintergrund einer hervorragenden Entwicklung. „Jeff kann sehr gut verteidigen, ist aber mit seinen Pässen auch in der Lage, ein Spiel zu beschleunigen“, sagte der Stuttgarter Trainer Sebastian Hoeneß. „Ich finde, dass er da einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht hat.“ Spätestens mit dieser Machtdemonstration in Leverkusen ist klar, dass in Stuttgart wieder ein großes Reservoir an hochinteressanten Spielern für den Bundestrainer vorhanden ist. Das ist eine Erkenntnis, die einen Kontrast zur Lage des vergangenen Novembers bildet. Führich und Vagnoman spielen schon länger keine Rolle mehr, und als das Nationalteam gegen Luxemburg und die Slowakei seine noch fehlenden Punkte für die WM-Qualifikation einsammelte, fehlten auch noch die Stuttgarter Undav, Mittelstädt und Stiller im Aufgebot des Bundestrainers. Beim VfB hatte das nicht nur für Erstaunen, sondern auch für Verärgerung gesorgt. Eindrucksvolle Aufführung des Mann-gegen-Mann Undav war zwar gerade erst aus einer Verletzung zurückgekommen, und David Raum erfüllt die Rolle als Linksverteidiger derzeit etwas vielseitiger als Mittelstädt. Dennoch sagte Wohlgemut zur von Nagelsmann vorgenommenen Verkleinerung der VfB-Fraktion im DFB-Kader: „Er wird seine Motive gehabt haben, aber ich muss zugeben, das hat bei uns schon für eine Überraschung gesorgt.“ Es kann als wahrscheinlich gelten, dass im März wieder mehr Stuttgarter eingeladen werden, weil etliche von ihnen sehr gut in Form sind. Und vielleicht auch weil ein paar Überlegungen zur Spielweise relevant sein könnten. Im Herbst ist der FC Bayern beim 2:1-Sieg bei Paris Saint-Germain für eine nahezu perfekt umgesetzte Mann-gegen-Mann-Strategie gelobt worden, die derzeit en vogue ist im Spitzenfußball. In München haben Trainer Vincent Kompany und seine Spieler viele Monate an diesem Spielansatz gearbeitet, genau wie die Stuttgarter, die in der ersten halben Stunde von Leverkusen die vielleicht beste Aufführung des Mann-gegen-Mann hinbekommen haben, die es bisher jenseits der Bayern-Partien von einer deutschen Mannschaft zu sehen gab. Die fußballerisch eigentlich sehr starken Leverkusener wurden erdrückt und wirkten vollkommen hilflos. Mit Flügelspielern wie Führich oder Leweling, die derzeit jeden Defensivzweikampf mit Hingabe und Begeisterung zu führen scheinen, lässt sich so spielen. Mit auf ihre Offensivstärken fokussierten Leuten wie Leroy Sané oder Karim Adeyemi eher nicht. Sollte auch Nagelsmann sein Team – zumindest situativ – Mann-gegen-Mann über das ganze Feld spielen lassen wollen, dann bieten vor allen Dingen die Teams aus Stuttgart und München sehr interessante Kandidaten für die Umsetzung. Denn es dauert recht lange, diese Spielweise einzuüben, und Hoeneß sowie Kompany haben hier sehr gute Vorarbeit geleistet. Niko Kovacs Dortmunder hingegen, die dieses Element ebenfalls manchmal anwenden, tun dies noch fehlerhaft und längst nicht so homogen. Beim VfB, der nach diesem 4:1-Sieg punktgleich mit Bayer Leverkusen ist, fehlt zwar auch noch manchmal die Konstanz, unbestreitbar ist aber, dass Probleme der vergangenen Krisensaison überwunden sind. So habe beispielsweise Angelo Stiller „enorme Entwicklungsfortschritte gemacht“ und sei „wieder einer der zentralen, erfolgsbestimmenden Spieler“, hat Wohlgemut bereits im Spätherbst gesagt. Führich nähert sich der Superform, die ihm 2024 die Nominierung für die EM bescherte. Und Undav ist der Stürmer der Stunde. Undavs einzigartiges Gespühr Neun Tore hat der 29 Jahre alte Angreifer während der jüngsten neun Bundesligapartien erzielt. In Leverkusen ergänzte er diese Bilanz mit zwei sehenswerten Vorlagen auf Leweling. Der Stürmer bietet ein Profil, das als Ergänzung zum wuchtigeren Nick Woltemade taugen könnte. Sein Gespür für Räume ist einzigartig unter den deutschen Stürmern. Ziemlich forsch trug Undav im ZDF dann auch noch ein weiteres Argument für seine WM-Nominierung vor: „Wenn du so lange zusammen bist, dann ist es wichtig, dass man auch so eine geile Sau hat wie mich, die Stimmung macht.“ Das Selbstvertrauen ist also beachtlich bei diesen Stuttgartern, die längst von den reichen Klubs aus der Premier League umworben werden. In der Winterpause lag ein Angebot des AFC Bournemouth vor, der 40 Millionen Euro für Leweling geboten haben soll. Doch dieser erklärte am Samstag: „Ich will nicht gehen, ich will hierbleiben. Wir haben was vor hier als Mannschaft und ich selber auch.“ Nicht nur weil Stuttgart noch Titelchancen im DFB-Pokal und in der Europa-League hat, ist der VfB zu Beginn des Jahres 2026 definitiv spannender als irgendein Mittelklasseklub aus England.
