Es lief die 77. Minute, als Nico Schlotterbeck die Zeit gekommen sah, ein Signal zu setzen. Der Dortmunder Abwehrchef sprintete über das gesamte Feld bis in die Angriffszone und bot an, was Trainer eigentlich von ihren Offensivspielern verlangen: einen tiefen Lauf. Angespielt wurde er nicht, aber darum ging es gar nicht. Schlotterbeck stellte geschickt den Anschluss an all die Erzählstränge her, die sich an diesem vorweihnachtlichen Abend zu einem neuen, in diesem Moment noch unbekannten Kapitel ineinanderfügten. Nach den jüngsten Unentschieden gegen Bodö/Glimt und in Freiburg, wo – genau wie zuvor in Hamburg und gegen Stuttgart – in den Schlussphasen Führungen verspielt worden waren, bestand auch gegen Borussia Mönchengladbach am Freitagabend die akute Gefahr eines weiteren Rückschlags. Kleine Nachlässigkeiten ließen sich beobachten, die Spannung war groß. „Das spielt schon eine Rolle, du hast das ein bisschen im Hinterkopf“, sagte Felix Nmecha, nachdem Maximilian Beier in der siebten Minute der Nachspielzeit doch noch den erlösenden Moment geschaffen und zum 2:0 getroffen hatte. „Wir müssen das Spiel früher killen“ Aber in jener 77. Minute stand die Partie noch auf der Kippe. Die eingewechselten Angreifer Carney Chukwuemeka und Fabio Silva hatten zwar noch Kraft, es fiel den beiden aber erkennbar schwer, beim Verteidigen zu helfen. Immer wieder musste Trainer Niko Kovac sein Team zu einer konsequenten Arbeit gegen den Ball auffordern, während in der Offensive die letzte Konsequenz fehlte. Beinahe wortgleich erklärten Nmecha, Emre Can und Sportdirektor Sebastian Kehl: „Wir müssen das Spiel früher killen.“ Stattdessen mussten nach einer sehr starken ersten halben Stunde und einem schönen 1:0 durch Brandt (11.) alle Dortmunder bis zum letzten Moment fürchten, abermals wertvolle Punkte zu vergeuden. Dieses diffuse und seit Jahren permanent im Hinterhalt lauernde Krisenpotenzial war überall im Stadion spürbar in dieser Schlussphase, in der das Spiel „offen“ war, wie Kovac sagte. Wobei womöglich nicht jeder dieses Gespür für das Große und Ganze hat. Karim Adeyemi schien nämlich abermals mehr mit sich selbst als mit dem Gemeinschaftsprojekt beschäftigt zu sein und lieferte wieder einmal auf dem unrühmlichen Schauplatz am Spielfeldrand Stoff für neue Schlagzeilen. Nach auffallend schwacher Leistung reagierte er demonstrativ trotzig auf seine Auswechslung. Kehl musste ihn davon abhalten, beleidigt in der Kabine zu verschwinden. Adeyemi als Last für die Gemeinschaft Der mit so vielen besonderen Fähigkeiten ausgestattete Angreifer kann Spiele fast alleine entscheiden und ist deshalb von enormem Wert fürs Team. Zugleich ist der Nationalspieler nicht nur viel zu häufig auch eine Last für die Gemeinschaft, sondern offenbar auch entwicklungsresistent. Schlotterbeck, der nach seiner öffentlichen und klar an Adeyemi und Guirassy adressierten Kritik selbst im Fokus stand, setzte den Konfliktstoff in positive Energie um. Der Verteidiger habe „ein Bombenspiel“ gemacht, sagte Kovac. Solche Debatten seien geeignet, einen „Selbstreinigungsprozess“ anzutreiben, für den Adeyemi aber offenbar nicht empfänglich ist. „Er wird dafür eine Strafe kriegen, weil wir das Thema sehr intensiv mit der Mannschaft besprochen haben“, sagte Kehl nach dieser neuen egozentrischen Auffälligkeit. „Die Reaktion will ich nicht sehen, die will der Trainer nicht sehen, das geht so einfach nicht.“ Immerhin verhielt sich Serhou Guirassy, der im Herbst mit einem ähnlichen Verhalten aufgefallen war, nach seiner Auswechslung vorbildlich. Dass Guirassy weiterhin so formschwach ist und Adeyemi einfach nicht reifen mag, bleibt aber ein Schwachpunkt im BVB-Projekt, das sich jenseits der weiterhin vorhandenen Alltagsschwankungen auf der längeren Strecke schon gut entwickelt. „Wir können noch stabiler werden, aber wir haben einen Riesenschritt nach vorne gemacht“, lautete Kehls Halbjahresbilanz. „Wir haben in dieser Hinrunde nur ein einziges Bundesligaspiel verloren.“ Noch ist die Hinrunde zwar nicht vollständig absolviert, und ein wenig Glück hatte der BVB auch, weil das insgesamt schwache Schiedsrichterteam um Sven Jablonski im Vorfeld ein Foul von Guirassy an Philipp Sander übersehen hatte. Aber an diesem Freitagabend sah zumindest die Tabelle sehr erfreulich aus. Bevor München, Leipzig und Leverkusen gespielt hatten, war Dortmund Zweiter, gar nicht so gewaltig erscheinende sechs Punkte hinter dem FC Bayern. „Klar hätten wir gerne den einen oder anderen Punkt mehr“, sagte Kovac, „aber ich finde, dass die Mannschaft sich wehrt, dass wir die knappen Spiele gewinnen beziehungsweise nicht mehr verlieren.“ Seltsam nur, dass Karim Adeyemi nicht mitzukommen scheint in diesem Prozess des Fortschritts.
