Als der Zeiger in der Mailänder Messehalle auf Mitternacht vorrückte, standen die deutschen Spieler noch auf dem Eis. Sie erhielten Beifall von den Rängen und sagten selbst Danke, indem sie mit einer Hand Richtung Publikum winkten und mit der anderen ihre Schläger auf das Eis klatschen ließen, um auf ihre Art zurück zu applaudieren. Für eine kurze Ehrenrunde war nach dem 3:1 gegen Dänemark (1:1, 2:0, 0:0) noch Zeit, und auch dabei machte Leon Draisaitl deutlich, dass er in diesen Tagen den Kurs der Eishockey-Nationalmannschaft bestimmt: Der 30-Jährige lief vorneweg, der Rest der Truppe folgte, und unter den Visieren blitzte in manchen Gesichtern ein knappes Lächeln hervor: Der Auftakt ist geschafft! 23 Sekunden hatte es gedauert, bis die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) im Turnier ankam. Draisaitl leitete seinen Treffer selbst ein, kombinierte sich mit Frederik Tiffels, mit dem er in Kölner Kindertagen auf der Straße gespielt hatte, nach vorne und gab dem Puck aus dem Handgelenk die unhaltbare Richtungsänderung. „Man hat gesehen, wir sind bereit“ Die Deutschen suchten danach zunächst weiter das hohe Tempo, wollten die Partie kontrollieren, doch nach einem Schuss an die Latte von Moritz Seider (3. Minute) kam vieles nicht über Ansätze hinaus: Pässe versprangen, in der eigenen Zone fehlte die Konsequenz, sodass sich Dänemark aus der Umklammerung lösen konnte. Mitte des ersten Drittels geriet die DEB-Auswahl merklich aus dem Tritt. Seider sprach später von einem Wechselbad der Gefühle: „Man hat gesehen, wir sind bereit. Aber es gibt schon noch was, woran wir arbeiten müssen. Nach der Führung waren wir zu passiv.“ Unter dem Forechecking des Gegners reihten die Deutschen Zweikämpfe aneinander, die von Nervenflattern zeugten; die Hände wirkten nicht minder zittrig. Besonders Kai Wissmann, ein in der Deutschen Eishockey Liga gestandener Verteidiger, der mit den Berliner Eisbären viermal Meister wurde, war nach monatelanger Pause wegen einer Fußverletzung erst zu vier Saisonspielen gekommen und tat sich schwer, sich zu behaupten. Beim Ausgleich durch Oscar Mølgaard in der 14. Minute sah Philipp Grubauer unglücklich aus, weil der Puck unter seinem Beinschoner hindurchglitt. Doch den Torhüter irritierte der Lapsus nicht; er wurde danach mit 37 Paraden zu einem Erfolgsfaktor. Seider nannte den Abend einen „guten Startschuss für ein hoffentlich langes Turnier“. Er selbst konnte es kaum erwarten, „dass es endlich losging, ich kam mir schon vor wie ein Tourist im Olympischen Dorf – die anderen Athleten sind immer aufgebrochen zu ihren Wettkämpfen und wir haben nur trainiert“. Als er und die Nebenleute die Scheibe wieder schneller verschoben, sei das Momentum zurückgekehrt. Im zweiten Drittel sieht man, warum die Erwartungen hoch sind Tatsächlich zeigte sich: Ohne Ordnung hilft auch Talent nur bedingt. Die von Bundestrainer Harold Kreis zusammengestellte Mannschaft ist prominent besetzt wie nie, doch sie hatte in dieser Konstellation noch kein Spiel absolviert. Goldstandard konnte dieses Debüt – bei realistischer Betrachtung – daher nicht erfüllen. Im zweiten Drittel offenbarte sich, weshalb die Erwartungen an den Silbermedaillengewinner von Pyeongchang 2018 dennoch hoch sind. Als sich die Dänen einen Spannungsabfall leisteten, ließen die Deutschen die Muskeln spielen. Tim Stützle traf in der 25. und 31. Minute, jedes Mal mit einer Mischung aus Wucht und Willen. Die zweite Angriffsreihe mit ihm, JJ Peterka und Wojciech Stachowiak schuftete generell viel, setzte mit Speed und Skill wiederholt Nadelstiche. Viel künstlerischer Glanz lag nicht über dem Auftritt, eher die Anmutung einer Arbeitsbrigade in Schwarz-Rot-Gold, die sich über Fleiß definierte. In den entscheidenden Sequenzen genügte die individuelle Qualität von Draisaitl, Stützle oder Grubauer, um dem dänischen Verbund zuzusetzen. Draisaitl, der mit 21:46 Minuten neben Seider (26:18 Minuten) bei dieser Spätschicht am intensivsten gefordert war, ordnete den Einstand nüchtern ein: „Alles in allem haben wir es gut gemacht. Im letzten Drittel haben wir es gut wegverteidigt.“ Er verschwieg nicht, dass man „anfangs ein bisschen den Fuß vom Gas genommen“ habe. Sein erstes Tor sei wichtig, mehr aber noch ein „emotionaler Moment“ gewesen, gerade wegen des Zusammenspiels mit „Kumpel Freddy“. Zudem betonte er, dass sämtliche Mitspieler zum Gewinn der drei Punkte beigetragen hätten. Diese schufen in Gruppe C – in der als Favorit die USA gelten, die zuvor Lettland 5:1 bezwungen hatten – eine vernünftige Grundlage. Draisaitls Hinweis auf das Kollektiv verdeutlichte noch einmal die Schwierigkeit ihrer Mission unter hohem Zeitdruck: Aus klangvollen Namen muss rasch eine kraftvolle Einheit werden, wenn sie in diesem Elite-Umfeld etwas Glanzvolles mitnehmen möchten. An diesem Samstag geht es für die Deutschen gegen Lettland weiter (12.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport). Klugheit im Schlussabschnitt „kann wegweisend sein“ Im Schlussabschnitt demonstrierten die Deutschen, dass sie es verstehen, Kontrolle zu übernehmen, wenn sie Konzentration und Kraftaufwand vernünftig bündeln. Sie spielten „smart“, wie Seider hervorhob. Sie hätten den Dänen nicht den Gefallen getan und seien auf deren Provokationen hereingefallen: „Wir haben die Scheibe und die Beine bewegt und ihnen keine Chance gegeben, eine Strafe gegen uns zu ziehen. Das kann wegweisend sein.“ Dass von der dänischen Bank ständig Proteste kamen, hätten er und die anderen registriert, sagte Seider, „aber das hat uns nicht irritiert. Sie können alle gerne die Jobs der Schiedsrichter machen. Bei der IIHF (dem Weltverband, d. Red.) gibt es viele Plätze.“ Auch das ist Olympia: Emotion und Ironie liegen mitunter dicht beieinander. Stützle wurde in seiner Analyse zu grundsätzlich, ehe auch er schon weiterblickte auf das, was als Nächstes kommt: „Für einen Athleten gibt es nichts Größeres, als sein Land bei Olympia zu vertreten“, sagte der Stürmer der Ottawa Senators – und machte klar, dass seine ersten Länderspieltore den eigenen Ehrgeiz nur noch weiter vergrößert hätten. „Wir können noch eine Schippe drauflegen“, kündigte er an. Genau das war die deutsche Kernbotschaft dieses Abends: Es war ein Sieg zur Premiere – alles in allem unspektakulär, vor allem aber stabilisierend.
