Den besten Witz des Tages gab es im Internet: Ein kleiner Videoschnipsel vom Weltwirtschaftsforum in Davos, den jemand auf der Social-Media-Plattform X hochgeladen und in einen anderen Kontext verpflanzt hatte. Wenn Alexander Zverev, der beste deutsche Tennisprofi, über seine Vorhand spreche, hieß es dazu, dann klinge das ungefähr so. Und dann stand da Emmanuel Macron mit der auffälligen, verspiegelten Sonnenbrille und sagte: „Ist sie manchmal zu langsam? Klar. Muss sie überarbeitet werden? Auf jeden Fall. Aber sie ist trotz allem verlässlich und stabil.“ Am Freitag hat Zverev bei den Australian Open in Melbourne das Achtelfinale erreicht. Für einen wie ihn, der hier im vergangenen Jahr im Endspiel stand, die Nummer drei der aktuellen Weltrangliste ist, ist das im Prinzip eine Selbstverständlichkeit. Beim 7:5, 4:6, 6:3, 6:1 gegen den Briten Cameron Norrie tat Zverev all das, was er meistens tut. Er schlug 16 Asse, servierte auch sonst stark und machte viel Druck mit der Rückhand. Und doch konnte man auch das, was der französische Staatspräsident eigentlich natürlich über die Europäische Union sagte, heranziehen, um zu erklären, warum Zverev auch diese Aufgabe letztlich ohne größere Probleme gemeistert hatte. „Wenn ich den Schlag treffe, dann wird es gut“ Wenn der zweite Aufschlag einen Blick in die Seele eines Tennisspielers freigibt, wie das unter anderem Boris Becker immer wieder sagt, erlaubt die Vorhand bei Zverev einen Blick auf die Tagesform. Es ist der Schlag, den viele für das stumpfeste Werkzeug in seinem Kasten halten. Doch wenn er mit der Vorhand punktet, dann kann man daran meist auch erkennen, dass der Rest seines Spiels stabil ist. „Ich glaube, ich habe meine Vorhand gut geschlagen heute“, sagte Zverev nach dem Match. „Das ist der Schlag, der mich gewinnen oder verlieren lässt. Wenn ich den Schlag treffe, dann wird es gut.“ Golden Set Analytics (GSA), der Marktführer in Sachen Datenanalyse im Tennis, hat für die F.A.Z. etwa vor einem Jahr einmal analysiert, dass Zverevs Vorhand besser ist als ihr Ruf. Über alle Beläge hinweg schlug er sie in der Vergangenheit meist genauso hart wie etwa Jannik Sinner und Carlos Alcaraz, die derzeit das Maß der Dinge im Männertennis sind. Gleiches gilt für die Länge der Schläge und die Fehlerquote. Allerdings umläuft Zverev die Rückhand deutlich seltener, natürlich auch weil er sich bei dieser sicher fühlt. Mit der Vorhand attackiert er häufiger cross als Alcaraz und Sinner, die öfter die Linie entlangschlagen. Seine Erfolgsquote ist in beiden Fällen niedriger. „Es war ein Match auf hohem Niveau“ Im zweiten Satz gegen Norrie donnerte Zverev aus vollem Lauf eine Vorhand mit einer Geschwindigkeit von fast 150 Kilometern pro Stunde die Linie herunter und traf genau. Und auch wenn er diesen Satz am Ende aufgrund einer kurzen Schwächephase im letzten Aufschlagspiel sogar verlor, war er von diesem Zeitpunkt an nicht mehr aufzuhalten. Zwölf Gewinnschläge mit der Vorhand waren ihm am Ende geglückt, dazu hatte er mit Vorhandschlägen 14-mal den Punkt erzwungen. „Ich war heute bereit für die Aufgabe“, sagte Zverev. „Cameron hat heute sein bisher bestes Tennis gegen mich gespielt, es war ein Match auf hohem Niveau.“ Nur die Möwen stören noch Gegen Norrie hatte Zverev vor dem Match am Freitag alle sechs bisherigen Duelle gewonnen, dabei aber – unter anderem zwei Jahre zuvor ebenfalls in Australien – mitunter schwer zu kämpfen gehabt. Der in Südafrika geborene, in Neuseeland aufgewachsene Sohn eines Schotten und einer Waliserin, der für den Tennisverband Großbritanniens antritt, ist vielseitig. Kein herausragender Aufschläger, kein herausragender Grundlinienspieler, kein herausragender Volleykünstler, aber doch in allen Bereichen so gut, dass er auch mit den Besten mithalten kann. Vor vier Jahren stand er sogar mal in den Top Ten der Weltrangliste, erreichte das Halbfinale in Wimbledon. Doch nach mehreren Verletzungen kam Norrie aus dem Tritt, versucht sich derzeit von Rang 27 aus im Ranking wieder nach vorn zu arbeiten. Ein „intensives Match“ hatte Zverev gegen den Linkshänder erwartet und gewann prompt von den ersten acht Ballwechseln lediglich einen. Nach 22 Minuten stand es gerade 2:2. Doch je länger das Match dauerte, umso besser wurde Zverev. Im vierten Satz war Norries Gegenwehr dann gebrochen. Einzig die Möwen, ein Dauerthema in Melbourne, beschäftigten ihn da noch. Immer wieder mussten beide Spieler mit Handtüchern Vogeldreck vom Court wischen, auf dem sie sonst hätten ausrutschen können. Zverev hat nun sein kniffliges Pflichtprogramm der ersten Runden mit für einen Spieler seines Formats angemessener Souveränität absolviert. Schon gegen den Kanadier Gabriel Diallo und den Franzosen Alexandre Muller, beide Spieler aus den Top 50 der Weltrangliste, hatte er zwar jeweils einen Satz verloren. In Gefahr geraten war er aber nie. Doch weil die Aufgaben im Laufe eines Grand-Slam-Turniers selten einfacher werden, wartet nun mit Francisco Cerundolo der nächste herausfordernde Gegner. Allein im vergangenen Jahr hatte Zverev dem Argentinier viermal gegenübergestanden, dabei zweimal verloren. Im Ranking, das die ATP für die beste Vorhand im Profitennis aus verschiedenen Parametern berechnet, steht Zverev auf Platz acht. Cerundolo ist zwei Plätze vor ihm positioniert.
