FAZ 06.05.2026
17:59 Uhr

Sicherheit in Innenstädten: Eine Lücke reicht


In Leipzig tötete ein Mann Menschen in der Fußgängerzone, weil eine Zufahrt nicht versperrt war. Was haben andere Städte unternommen, in denen es Amokfahrten gab?

Sicherheit in Innenstädten: Eine Lücke reicht

Ungehindert konnte ein 33 Jahre alter Deutscher am Montag durch die Fußgängerzone der Leipziger Grimmaischen Straße rasen, er tötete zwei Menschen und verletzte sechs weitere. Zum Stehen kam er erst an der Thomaskirche. Denn dort standen mehrere Poller. Am Augustusplatz hingegen, wo er in die Fußgängerzone eingebogen war, fehlten sie. Nun soll dort eine feste Zugangssperre aufgebaut werden, wie Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) ankündigte. Zugleich sagte er jedoch, dass es absolute Sicherheit nicht geben kann. Das stimmt. Aber ebenso stimmt, dass Poller Autos aufhalten oder stark abbremsen können. Dafür darf das Schutzsystem allerdings keine Lücken haben. In Leipzig gibt es zwar zahlreiche Poller rund um die Fußgängerzone, aber eben auch eine Lücke, die der Amokfahrer nun ausgenutzt hat. Journalisten der „Leipziger Volkszeitung“ haben zudem schon am Tag nach der Amokfahrt festgestellt, dass ein großer Teil der rund um die Fußgängerzone befindlichen Poller dauerhaft abgesenkt war. Zudem ließen sich viele Poller über Gehwege umfahren. Und es gibt darüber hinaus ein halbes Dutzend Passagen, durch die ein Auto in die Fußgängerzone einfahren könnte. Ein wirkliches Sicherheitskonzept für die Innenstadt fehlt also noch. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche deutsche Städte viele Millionen Euro ausgegeben, um Fußgängerzonen, Weihnachtsmärkte, Stadtfeste, Rathäuser, Synagogen und touristische Sehenswürdigkeiten mit Pollern zu schützen. Was haben die Städte getan, in denen es Anschläge und Amokfahrten gab? In Mannheim, wo im März 2025 ein Mann sein Auto in die Fußgängerzone steuerte, zwei Menschen tötete und elf verletzte, hat die Stadt mehrere Anlagen mit elektronisch versenkbaren Pollern in den Seitenstraßen und zusätzlich feste Poller an Fußgängerüberwegen installiert. Damit soll verhindert werden, dass Autos in den Bereich einfahren können. Neben Pollern sollen auch Bänke oder Pflanzkübel unberechtigte Zufahrten verhindern. Versenkbare Poller haben Vorteile – und auch Risiken Die Stadt Magdeburg war von einer Amokfahrt auf ihrem Weihnachtsmarkt betroffen. Dort wurden im Dezember 2024 sechs Menschen getötet und mehr als 320 verletzt. Für den Schutz des Weihnachtsmarktes schaffte Magdeburg daraufhin Betonblöcke und Sperrpoller, mobile „Roadblocker“ und weitere Schutzeinrichtungen für Großveranstaltungen an. Auch hier wird an einem breiteren Sicherheitskonzept gearbeitet. Die Stadt Trier erlebte ebenfalls eine Amokfahrt, am 1. Dezember 2020 fuhr ein Mann mit seinem Geländewagen in die Fußgängerzone, es gab sieben Tote und 22 Verletzte. Trier hat mittlerweile ein urbanes Sicherheitskonzept für die Innenstadt verwirklicht, das ein Durchfahren der Fußgängerzone verhindern soll. Im September wurden vier Reihen von Pollern rund um den besonders belebten Hauptmarkt in Betrieb genommen, eine weitere Reihe mit teils versenkbaren Sicherheitspollern wird bald fertiggestellt; dort hat es übergangsweise feste Sperren gegeben. Versenkbare Poller haben den Vorteil, dass der Verkehr für Lieferfahrzeuge, Rettungsdienste, Menschen mit Behinderungen oder Pflegedienste offen gehalten werden kann. In Trier werden dafür Vignetten ausgegeben, die an den Polleranlagen automatisch ausgelesen werden. Solche Poller sind allerdings anfällig für Verschmutzung und Frost, müssen also gewartet werden. Zudem muss geregelt sein, in welchen Zeiten und mit welchen Transpondern Zufahrten geöffnet werden, weil sonst Sicherheitslücken entstehen oder Rettungswege blockiert werden. In Berlin gab es etwa Fälle, in denen Rettungskräfte nicht vorankamen, weil ein Poller sich nicht absenkte oder entsprechende Funkzugriffe nicht funktionierten. Die Hauptstadt musste sich nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt 2016 am Breitscheidplatz mit zwölf Toten damit befassen, wie Großveranstaltungen vor Angriffen mit Fahrzeugen gesichert werden können. Damals hatte ein Mann einen schweren Lkw in den Weihnachtsmarkt gelenkt. Berlin sichert ihn seither mit Betonpollern und im Boden verankerten Gitterkörben, die mit Sandsäcken gefüllt sind. Nach dem Anschlag in Magdeburg hat man in Berlin das Sicherheitskonzept noch einmal überprüft, damit kein Pkw eine Chance hat, auf den Markt einzufahren. Zehn Jahre nach dem Anschlag will Berlin den Bereich um den Breitscheidplatz so umbauen, dass Poller dort dauerhaft installiert sind und nicht jedes Jahr neu aufgestellt werden müssen.