FAZ 10.02.2026
15:12 Uhr

„Sichelschnitt“-Plan: Die Legende von Hitlers Generalen


Der „Sichelschnitt“-Plan war ein genialer Einfall. Der Historiker Roman Töppel zeigt, wie die Idee entstanden ist.

„Sichelschnitt“-Plan: Die Legende von Hitlers Generalen

Am Freitag, dem 10. Mai 1940, überfiel die deutsche Wehrmacht die Niederlande, Belgien und Luxemburg. 2,8 Millionen deutsche Soldaten waren zur Westoffensive angetreten, die das Ziel hatte, Frankreich zu besiegen und Großbritannien zum Frieden zu zwingen. Der Schwerpunkt der deutschen Operationen lag dabei nicht im Norden der Front, sondern im Süden. Die Alliierten hatten eine Wiederholung des Schlieffen-Plans aus dem Ersten Weltkrieg erwartet: einen starken Stoß durch Frankreichs nördliche Nachbarn, um dann nach Süden in Richtung Paris einzudrehen. Der deutsche Plan sah jedoch anders aus: Starke Panzerverbände sollten durch die südlichen Ardennen und Luxemburg hindurchstoßen, dann nach Nordwesten wenden und schnellstmöglich die Kanalküste an der Mündung der Somme erreichen. Ziel war es, die gegnerischen Kräfte im Norden abzuschneiden und zu vernichten. Urheber dieses später „Sichelschnitt“ genannten Plans war Erich von Man­stein. So wurde es zumindest nach dem Krieg von der Generalität – auch von Manstein selbst – immer wieder kolportiert und größtenteils akzeptiert. Dass dies jedoch nicht vollständig der Wahrheit entspricht, zeigt nun der Historiker Roman Töppel in seiner Edition von Mansteins Kriegstagebüchern und Briefen. Töppel nutzt dabei die gleiche Herangehensweise wie die kommentierte Edition von Hitlers „Mein Kampf“ aus dem Jahr 2016, an der er auch mitarbeitete. Gestützt auf andere umfangreiche Primärquellen ergänzt er das Bild, das sich aus den Überlieferungen Mansteins ergibt. Töppel kann damit zeigen, dass Man­stein zwar tatsächlich die Idee des Stoßes durch die Ardennen entwickelte, gleichzeitig aber noch ein anderer wichtiger Akteur diese Idee hatte, dem die früheren Generale nach dem Krieg solche taktischen Ideen vollkommen absprachen: Adolf Hitler. Der habe schon Tage bevor Manstein erstmals Stellung zur Angriffsplanung nahm, dem Generalstabschef Franz Halder gegenüber die Idee vorgebracht, durch die Ardennen vorzugehen, schreibt Töppel. Ausführlich zeichnet er die Planung für den „Fall Gelb“ nach. Manstein war bis Ende Februar 1940 Generalstabschef der Heeresgruppe A, die für den südlichen Frontbereich vorgesehen war. Er erkannte die Schwäche der Planung im Oberkommando des Heeres (OKH) und drang in mehreren Denkschriften immer wieder darauf, den Angriffsschwerpunkt zu seiner Heeresgruppe zu verlegen. Im OKH war man jedoch anderer Ansicht und versuchte mit allen Mitteln, auch Hitler von dieser Idee abzubringen. Besonders Halder tat sich dabei hervor, der Manstein sogar belog, ihm sagte, das OKH sei ja ganz auf seiner Seite, aber Hitler lehne den Ardennen-Vorstoß ab. Erst Anfang Februar 1940 gelangte eines von Mansteins Memoranden zu Hitler. Der fühlte sich in seinen Annahmen bestärkt und befahl, die Offensive nach seinen Vorstellungen durchzuführen. „Das Verdienst Mansteins lag darin, Hitler durch seine Denkschrift dazu ermutigt zu haben, den ,Sichelschnitt‘-Plan gegen den Widerstand seiner gesamten militärischen Berater zu befehlen.“ Dieser sei, auch auf Betreiben Halders, in wesentlichen Punkten von Mansteins Vorstellungen abgewichen und habe nur Erfolg gehabt, weil den Alliierten ebenfalls massive Fehler unterliefen, schreibt Töppel. Wie kam es nun zu der Überlieferung, Manstein sei der Vater des Gedankens gewesen? Dieser selbst ging davon aus, da er es nicht besser wusste. Er, der im März 1940 ein Armeekorps übernommen und nichts mehr mit der Planung zu tun hatte, war auch nach dem Krieg noch überzeugt, die Planung beruhe auf seinen Ideen. Halder wiederum versuchte nach dem Krieg, Hitler als militärischen Dilettanten darzustellen, um das OKH reinzuwaschen und von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Die Erfolge in der ersten Phase des Krieges hätten demnach die Generale errungen. Erst als Hitler sich immer weiter in die militärische Planung einmischte, sei es bergab gegangen. Ein ähnliches Vorgehen ist im Fall des Haltebefehls von Dünkirchen zu beobachten. Die Generale schoben diesen nach dem Krieg dem „Führer“ zu, der damit dafür verantwortlich gewesen sei, dass die britischen Streitkräfte über den Kanal entkommen konnten. Hitler habe die vorstoßenden Panzer zwar tatsächlich anhalten wollen, schreibt Töppel, doch sei die Initiative von Generaloberst Gerd von Rundstedt ausgegangen, dem Befehlshaber der Heeresgruppe A. Der habe sich Sorgen um eine Flankenbedrohung gemacht und wollte deshalb die Panzer warten lassen, bis Infanteriekräfte aufgeschlossen hatten. Aus den Tagebüchern und dem Briefwechsel Mansteins mit seiner Frau – 590 Briefe und Postkarten lagen Töppel für den Zeitraum von 1939 bis 1941 vor – tritt aber nicht nur der hochbegabte Soldat zutage, sondern auch der Mensch Erich von Manstein. Einerseits fällt das ständige Lamentieren über sein Schicksal ins Auge. Manstein wurde 1936 Stellvertreter des Generalstabs des Heeres, und viele Beobachter – und nicht zuletzt auch Manstein selbst – sahen ihn als dessen Nachfolger. 1938 wurde er jedoch versetzt und Halder übernahm diese Stelle. Immer wieder kommt in den Briefen zum Ausdruck, dass Manstein seine Talente nicht entsprechend gewürdigt sah. Auch, dass er nach dem Polen-Feldzug nicht mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet wurde, nagte an Manstein. Wirklich frei gefühlt zu haben schien er sich nur während des Frankreich-Feldzugs. Aus den Tagebucheinträgen geht hervor, wie sehr er das Leben als Befehlshaber eines Armee-Korps genoss. Mansteins Beiträge zeugen auch von einer gewissen politischen Naivität. Wenn er sich über den Krieg äußerte, wiederholte er die Propaganda. So sei Deutschland der Krieg – besonders von England – aufgezwungen worden, schrieb er. Außerdem sah er im Krieg lediglich eine Auseinandersetzung um ein Regierungssystem. Töppel merkt dazu an, dass Manstein die weltanschaulichen Ziele der Nationalsozialisten gar nicht „in ihrer ganzen Dimension und Gefährlichkeit“ erfasst habe. Roman Töppel hat mit „Manstein – Kriegstagebücher und Briefe 1939–1941“ ein wichtiges Buch – gut 550 Seiten, nebst Karten und einem umfassenden Anmerkungs- und Quellenapparat – zur Geschichte des Westfeldzugs im Zweiten Weltkriegs vorgelegt. Man darf gespannt sein auf die angekündigten zwei weiteren Bände, die sich mit Mansteins Wirken in der Operation „Barbarossa“ befassen ­werden. Roman Töppel: Manstein. Kriegstagebücher und Briefe 1939 – 1941.Brill Schöningh Verlag, Paderborn 2025. 672 S., 49,90 €.