Die Perfektion, von der beim Blick auf Max Verstappen gerne gesprochen wird, ist eine Illusion. Selbst der viermalige Formel-1-Weltmeister kommt nicht ohne Fehler über die Runden. Sosehr ihm in diesen Tagen eine Unfehlbarkeit nachgesagt wird angesichts seiner makellos erscheinenden Rennen im Kampf um den WM-Titel gegen Lando Norris und Oscar Piastri im McLaren: Es ist deren Rennstall, der den Niederländer noch größer erscheinen lässt, als er ist. Nicht möglich? Aber ja: Vor dem Rennen in Qatar sprach Zak Brown ehrfurchtsvoll von Verstappen als „Horrorfigur“, die immer dann als Schrecken auftrete, „wenn man nicht damit rechne“. Man kennt solche Techniken aus der Kunst der Einschüchterung. Aber dass der Amerikaner Brown, Geschäftsführer von McLaren aus dem Land der Größermacher, den Österreicher Helmut Marko, Sportdirektor von Red Bull, beim Maßnehmen für die Dimension Verstappens gehörig übertrumpft, ist ein kurioses Kunststück. Eigentlich sollten die eigenen Fahrer ständig von ihrer Dominanz überzeugt, in ihrem Glauben daran bestätigt werden. Aber ist das nötig? Die Fehlentscheidung des Jahres McLaren hat einen größeren Schuss Selbstbewusstsein nötig als seine Piloten. Piastri dominierte alle Wettrennen in Qatar, führte souverän im Grand Prix. Und Norris hätte auf Rang drei hinter Verstappen erreicht, was er brauchte, um als Führender der Fahrerwertung mit einem beruhigenden Vorsprung zum Finale um den Titel nach Abu Dhabi reisen zu können. Aber dann katapultierte die Fehlentscheidung des Jahres Verstappen zum Sieg, machte den Schnellsten Piastri zum ersten Verlierer und schickte Norris auf Rang vier. Fehler passieren, vor allem unter dem gewaltigen Zeitdruck. Aber warum verfolgten fast alle Rennställe dieselbe Idee, als in der siebten Runde das Safety-Car ausrückte, nur McLaren nicht? Warum fuhren Piastri wie Norris weiter, während alle zum Reifenwechsel an die Box kamen? Weil das Simulationsergebnis vor dem Rennen dazu drängte. Der Reifenhersteller Pirelli ließ aus Gründen der Sicherheit nur 25 Runden auf seinen Pneus zu, macht mindestens zwei Boxenstopps zur Pflicht bei 57 Runden. Nach sieben in der Safety-Car-Phase zum Service abzubiegen und sich dann wieder bis zur Freigabe des Rennens hinten dem vergleichsweise „schleichenden“ Safety-Car anzustellen, sparte einen Boxenstopp, rund 25 Sekunden. McLaren erklärte, nicht mit der Massenbewegung gerechnet zu haben. Andernfalls hätte die Gefahr wenigstens für den Dritten Norris bestanden, nach dem Pit-Stopp hinter andere zurückfallen zu können, weil Piastri als Erster und er ein paar Sekunden später abgefertigt worden wäre. Also pokerten die Strategen, rechneten mit einer weiteren Safety-Car-Phase und schlossen auch eine Splittung aus: Sie hätten Piastri fahren lassen und Norris reinholen können, um Verstappens Sieg so oder so zu verhindern. Dass McLaren ein hohes Risiko einging, spricht für eine schmale Brust. Denn wer beim Start des vorletzten Rennens wie Norris mit 25 Punkten führt, im schnelleren Auto sitzt, den könnte man selbstbewusst hinter dem Jäger ins Ziel sausen lassen. Immerhin ist McLaren zweierlei gelungen: Das Team beschert den Fans ein spannendes Finale und Verstappen die Chance auf Übergröße. Von 104 Punkten Rückstand Ende August hinter dem Führenden sind noch zwölf übrig geblieben: „Jetzt ist alles drin.“
