Das Flugzeug ist direkt vor der Tür geparkt. Es gehört zur Dekoration der Eventlocation, die das deutsche Radteam Red-Bull-Bora-hansgrohe am Medientag während des Teamtrainingslagers im Dezember auf Mallorca gemietet hat – und steht für mehr: Es symbolisiert einen Anspruch, den Ralph Denk, der CEO des Teams, später so formulieren wird: „Wir wollen das attraktivste Radsportteam der Welt werden.“ Dieses Vorhaben schließt Erfolg mit ein. Aber wenn Red Bull dabei ist, geht es oft nicht nur darum, zu gewinnen. Es geht auch um die Show. Deshalb steht das kleine Flugzeug direkt vor der Tür, das sieben Fahrer des Teams ein paar Tage zuvor mit ihren Rädern in den Himmel gezogen haben, medienwirksam inszeniert. Ein PR-Stunt, in dem auch eine Botschaft steckt: Der Himmel ist die Grenze. Doch Radrennen werden noch immer auf der Erde gewonnen. Und dort war es schon ein wenig überraschend, wie sehr sich die jüngst zu Ende gegangenen Rundfahrten unter einem Titel zusammenfassen ließen, der nicht so recht zu Red Bull zu passen scheint: die Show der anderen. Zum Einstieg in die Saison hatte Remco Evenepoel, der neue Star des Teams, noch fünf eindrucksvolle Siege eingefahren. Der sechste kam beim Einzelzeitfahren der UAE-Tour dazu. Bis dahin lief alles voll nach Plan für die Equipe mit den großen Zielen. „Er könnte sogar noch größer werden als Tadej“ Doch dann konnte der Belgier auf zwei Bergetappen in den Emiraten den Besten nicht folgen, verlor viel Zeit. Im Gesamtklassement betrug der Rückstand auf Sieger Isaac Del Toro letztlich knapp zweieinhalb Minuten. Bei der Algarve-Rundfahrt landete der Deutsche Florian Lipowitz, Dritter bei der Tour de France 2025, 2:15 Minuten hinter Sieger Juan Ayuso. Die Doppelspitze für die Frankreich-Rundfahrt im Sommer wurde abgehängt. Das muss kein Alarmsignal sein. Evenepoel war im Gegensatz zu vielen Konkurrenten noch nicht im Höhentrainingslager. Lipowitz verbrachte Anfang Februar eine Woche krankheitsbedingt im Bett. Beide Fahrer befinden sich im Formaufbau für die Katalonien-Rundfahrt Ende März, die der erste Höhepunkt werden soll. Dort wird das Duo erstmals gemeinsam über eine Woche zum Einsatz kommen. Doch der Saisonstart zeigt: 2026 wird das Team nicht nur Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard im Blick haben müssen, sondern auch eine Reihe von Super-Talenten, die zwar noch kein Flugzeug in den Himmel gezogen haben, aber nach oben schießen wie Raketen. Del Toro, Ayuso und Seixas überzeugen Da wäre zuallererst Del Toro. Der Mexikaner hätte schon im vergangenen Jahr den Giro d’Italia gewinnen können, verlor ihn jedoch aufgrund einer taktischen Fehlentscheidung. Bei der UAE-Tour präsentierte sich der Zweiundzwanzigjährige so stark, dass hinterher Vergleiche mit dem Größten angestellt wurden: „Isaac ist ein großartiger Champion, genau wie Tadej“, sagte Antonio Tiberi: „Er könnte sogar noch größer werden als Tadej.“ Möglich sein wird das vorerst wohl kaum: Del Toro fährt im selben Team wie Pogačar, was im vergangenen Jahr auch für den 23 Jahre alten Juan Ayuso galt, dem ebenfalls großes Potential nachgesagt wird. Der Spanier hat die Flucht ergriffen, um mehr Freiheiten zu haben, fährt nun für den seit diesem Jahr unter deutscher Flagge startenden Rennstall Lidl-Trek und demonstrierte bei der Algarve-Rundfahrt gleich seine starke Frühform, als er Pogačars Teamkollegen João Almeida distanzierte. Im Sommer dürfte Ayuso sich Hoffnungen auf das Podium bei der Tour machen. Die kommt für das vielleicht größte Talent womöglich noch zu früh. Doch seit den Auftritten von Paul Seixas an der Algarve, wo ihm 14 Sekunden auf Sieger Ayuso fehlten, ist selbst das nicht mehr sicher. Die Begeisterung um ihn in Frankreich ist schon jetzt riesig. Der Neunzehnjährige aus Lyon errang in Portugal auf dem zweiten Teilstück seinen ersten Profisieg. Pogačar gelang dies 2019 ebenfalls auf der zweiten Etappe dieser Rundfahrt, sogar der Zielort war derselbe. Der Unterschied: Seixas war 370 Tage jünger. Die Konkurrenz staunt: „Er wird einer der Größten werden“, sagt Ayuso. Drei junge Fahrer, drei womöglich große Karrieren, die gerade erst so richtig beginnen: Red-Bull-Bora-hansgrohe ist nicht das einzige Team, das nach oben will. „Wir sind happy, wo wir gerade sind“, sagte Lipowitz gegenüber Eurosport an der Algarve und fügte noch etwas hinzu, das beim Blick auf die Konkurrenz treffender kaum sein konnte: „Aber wir haben noch viel Arbeit vor uns.“
