Im Internationalen Postzentrum am Frankfurter Flughafen hat mitten im November die heißeste Jahreszeit begonnen. „Black Friday und Cyber Monday sind inzwischen stärker als das Weihnachtsgeschäft“, sagt Zentrumsleiter Lutz Weiß. In dem unscheinbaren Gebäude neben dem Terminal 1 wird alles an Post umgeschlagen, was mit dem Flugzeug nach Deutschland kommt oder von hier verschickt werden soll. Früher dominierten herkömmliche Briefe die Luftpost, doch inzwischen bestimmen kleinteilige Warensendungen das Geschäft, angeheizt durch die einschlägigen Sonderangebotstage und -wochen. „Wir sind zu einem Zentrum für internationale E-Commerce-Sendungen geworden“, sagt Weiß. Mehr als mannshoch sind die Paletten, die in China zusammengepackt und per Flugzeug nach Frankfurt geflogen wurden. Kräftige Männer öffnen die Riesenpakete, darin befinden sich Hunderte in Plastik verpackte Einzelpakete für Kunden in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Absender sind Billig-Einkaufsplattformen wie Temu, Shein oder Ali Baba, die seit einiger Zeit den weltweiten Onlinehandel aufrollen. Mehr E-Commerce-Sendungen als Briefe, Postkarten und Pakete Laut einem Ranking des Handelsforschungsinstituts EHI zählten Shein und Temu 2024 bereits zu den größten Onlineshops und Marktplätzen in Deutschland. Nach Angaben des Handelsverbandes Deutschland (HDE) versenden die beiden Portale täglich rund 400.000 Pakete nach Deutschland. Nicht nur über Frankfurt, sondern auch über andere Flughäfen gelangen die Sendungen in die EU. Der Umsatz der Portale hierzulande lag 2024 demnach zwischen 2,7 und 3,3 Milliarden Euro. Laut HDE kauften im vergangenen Jahr mehr als 14 Millionen Menschen aus Deutschland bei Temu und Shein ein. „Temu und Shein haben in relativ kurzer Zeit sehr viel Reichweite in der deutschen Bevölkerung erzielt“, sagt Ralf Deckers, Experte beim Handelsforschungsinstitut IFH Köln. Eine zentrale Rolle spielten dabei die niedrigen Preise. Deckers sieht aber weitere Gründe. So sei es möglich, dort außergewöhnliche Produkte zu entdecken, die auf dem deutschen Markt sonst schwer zu finden seien. Bis zu 370.000 E-Commerce-Sendungen kommen täglich im Internationalen Postzentrum Frankfurt an, mehr als alle Briefe, Postkarten und Pakete zusammen. „Der Sendungsmix wird immer internationaler“, sagt Zentrumschef Weiß. Sein größtes Problem: Die Sendungen sind nicht rechteckig. „Wir mussten eine spezielle Verteilmaschine entwickeln“. Sechs Kameras scannen nun die vorbeiflitzenden, meist grauen Pakete, lesen die Adresse aus und schicken sie in den jeweils richtigen Schacht des Bestimmungsortes. Auf Handarbeit kann die DHL trotz dieser Automatisierung nicht verzichten. Am „Einschuss“ legen Beschäftigte im hohen Tempo die Pakete im richtigen Abstand und mit der Adresse nach oben auf die Förderbänder.
