Herr Shapira, wie geht es Ihnen und wie haben Sie die vergangenen Tage in Tel Aviv erlebt? Geht, danke! Bibi und Trump waren so gütig und haben meine Israelreise verlängert. Ich sitze tatsächlich gerade im Bunker mit meiner Familie, die Alarme läuten Tag und Nacht, und wir müssen ständig rein und raus. Momentan kann man das Land nicht verlassen – Luftraum ist geschlossen. Man kommt höchstens mit einem Boot nach Zypern oder mit dem Auto nach Ägypten und fliegt von dort aus für sehr viel Geld. Ich leide unter Depressionen, leider habe ich nicht genug Antidepressiva mitgebracht. Das ist schon komisch, wenn man im Bombenkeller sitzt und anfängt, darauf zu hoffen, dass einen die Raketen treffen. Sie sind erst mit 14 Jahren aus einer Siedlung im Westjordanland nach Deutschland gezogen. Als Kind waren Sie während des zweiten Golfkriegs schon einmal im Luftschutzbunker – kommen da Erinnerungen hoch? Schon – wobei wir damals Gasmasken aufsetzen mussten. Es bebte auch mehr. Aber als Kind nimmst du die Gefahr nicht wahr. Was halten Sie von dem Angriff auf Iran? Wir müssen unterscheiden: Der Angriff zielt auf das Islamische Regime, nicht auf die iranische Bevölkerung. Zwar macht sich niemand vor, dass es Trump und Netanjahu um die Menschen in Iran geht – man kann aber auch nicht ignorieren, dass die Menschen in Iran so verzweifelt sind, dass sie die Luftangriffe gegen dieses mörderische Regime bejubeln. Die Situation der Iraner haben viele Menschen in den vergangenen Monaten ignoriert, die sich sonst für humanistisch halten. Ich bin kein Experte im Stürzen von Theokratien, daher weiß ich nicht, was der effektivste und gerechteste Weg wäre, die Menschen in Iran zu unterstützen. Luftangriffe sind es wohl nicht, aber ich weiß auch, dass nichts zu tun und sie ihrem Schicksal zu überlassen, keine Option ist. Ein Ende des islamischen Regimes könnte sehr wohl ein Ende für seine Proxies bedeuten – Hamas, Hizbullah und die Huthis –, die die Islamische Revolutionsgarde finanziert, um den Nahen Osten zu terrorisieren. Daher halte ich es auch für verkürzt, von einem „nicht provozierten Angriff“ zu sprechen. Auf Instagram haben Sie geschrieben, dass Sie den Angriff auf Iran kritisch sehen. Es sei aber „etwas schwierig, sich ständig rechtfertigen zu müssen, während der Boden unter einem bebt, weil irgendein Arschloch-Regime, das mit seinen Terror-Verbündeten den ganzen Nahen Osten destabilisiert, versucht, dich umzubringen – und ignorante Europäer ärgern sich darüber, dass du überlebst“. Was für Reaktionen haben Sie auf Ihre Posts aus dem Luftschutzbunker erreicht? Zuerst gab es nur positive Reaktionen, vor allem von Iranern. Dann habe ich den Fehler gemacht, meinen Twitter-Account zu reaktivieren, und eine Wut auf Israelis erlebt, weil sie einen Schutzraum haben, während Menschen in Iran oder Palästina diesen nicht haben. Es ist eine merkwürdige Verschiebung, bei der nicht Raketen auf Zivilisten kritisiert werden, sondern die Tatsache, dass diese Zivilisten Schutzräume haben. Diese Wut gilt nicht etwa auch den Menschen in Abu Dhabi oder Qatar, die ebenfalls bombardiert wurden, und sie ist noch absurder, wenn man sie aus seinem sicheren Wohnzimmer in Deutschland ausrichtet. Ich erkläre mir diese Reaktionen damit, dass die Menschen, die sie schreiben, noch nie einen Krieg erlebt haben, nie ihre Kinder aufwecken mussten, um in den Bombenkeller zu gehen, und nie die Angst spüren mussten, als die Erde unter ihnen bebte. Und dass wir diese Angst nicht nach außen tragen, sondern Fotos und Videos aus dem Schutzraum posten, als wäre nichts gewesen, macht diese Menschen umso wütender. Ich bewundere die geistige Akrobatik, die es braucht, um das Bombardieren von Zivillisten mancher Herkunft zu verurteilen und das Bombardieren anderer zu bejubeln. Aber wer das macht, ist moralisch verkommen. Teile der Linken, Teile der Grünen und die AfD haben den Schlag gegen Iran verurteilt, Sie haben zum Beispiel Annalena Baerbock dafür kritisiert. Warum? Weil die sogenannte Kritik nie mit einer Alternative kommt, außer dass man die Revolutionsgarde die Iraner weiter abschlachten lässt. Wegsehen ist kein Pazifismus. Annalena Baerbock erzählt etwas von UN-Charta und „internationalen Streitigkeiten friedlich beilegen“, und das halte ich, bei dem was hier passiert, für unsensibel und ignorant. Wir haben ein Islamisches Regime, das Zehntausende seiner eigenen Leute hinrichtet – das ist keine Streitigkeit. Ich weiß, das nervt zu hören, aber es ist sehr europäisch, an den Seitenlinien zu stehen und Menschen das Regelbuch vorzulesen, während sie abgeschlachtet werden. Das gilt genauso für Gaza, Kongo, Jemen oder das Mittelmeer. Was stört Sie sonst an der öffentlichen Debatte in Deutschland? Mich stört die westliche Arroganz. Iranische Stimmen werden in der Mehrheit komplett ignoriert. Natürlich sind Iraner auch kein Monolith, aber wenn die Menschen in Teheran den Tod des Ajatollahs bejubeln und Sebastians auf Twitter uns lieber das Völkerrecht vorlesen wollen, nachdem sie bei mehr als 35.000 toten Iranern den Mund gehalten haben, dann gibt es eine Diskrepanz, die wir uns näher anschauen sollten. Sie haben auf X geschrieben: „Schon krass in einem Bunker/Parkplatz zu sitzen, umgeben von Familien mit Kleinkindern und von ehemaligen Freunden im sicheren Deutschland dafür angegangen zu werden.“ Ist das eine wiederkehrende Erfahrung, dass sich Freunde aus Deutschland von Ihnen abwenden, weil diesen Freunden Israels Politik nicht gefällt? Niemandem gefällt Israels Politik weniger als mir. Es ist eher so, dass ich mich von Menschen abgewendet habe, die sich nie mit der Region auseinandergesetzt, sondern Radikalität für sich als moralische Identität entdeckt haben. Bei dem Post, den Sie ansprechen, geht es konkret um eine ehemalige Freundin, die mir öffentlich schrieb, ich solle „mein Maul halten und meine Parkplatzpizza fressen“. Damit spielte sie auf einen Post von mir an, in dem wir mit einer Familie in einem Untergrundparkplatz eine Pizza teilen, während Raketen einschlagen – um uns zu verspotten, während wir in einem Schutzraum sitzen. Es gibt dann auch keine sachliche Auseinandersetzung, sondern nur persönliche Diffamierungen, die von vielen Accounts verbreitet werden, bis ein gewisses Profil einer Person etabliert ist. Das tut schon weh, vor allem wenn es von jemandem kommt, mit dem man jahrelang befreundet war und viel erlebt hat. Aber diese Erfahrung mussten viele jüdische Menschen in den vergangenen Jahren leider machen. 2024 wurde Ihr Bruder von einem Antisemiten in Berlin schwer verletzt. 2025 waren Sie mit Depressionen in einer psychiatrischen Klinik. Ende des Jahres sind Sie dann nach Südostasien geflogen, dort wirkten Sie zumindest auf Instagram sehr glücklich. Haben Sie dort etwas gefunden, was Ihnen in Berlin gefehlt hat? Ich war in einer psychosomatischen Klinik, keiner psychiatrischen. Das kam durch viele Dinge zustande, die mich seit langer Zeit belasten, und nicht alle haben mit Krieg und Antisemitismus zu tun. Jedenfalls war ich an einem Punkt, an dem ich keine Perspektive mehr gesehen habe. Zum Glück hatte ich gute Freunde und Ärzte um mich herum, die mir geholfen haben, dabei anzufangen, mich selbst da rauszuholen. Auf Instagram wirkt man oft glücklicher, als man ist, aber es war zumindest weniger schlecht. Ich konnte nicht in Berlin bleiben, weil ich meine frühere Freundin sehr vermisst habe und mich das einfach auseinandergenommen hat. Da bin ich halt auf eine Insel voller Hippies in Thailand gegangen und habe mich mit tropischem Wetter, Freunden, Mondlicht, Kokosnüssen und 7-Eleven-Käsetoasts rehabilitiert. Was war der Grund für den Stopp in Israel auf der Rückreise? Ich habe an einer Veranstaltung vom Tel Aviv Institute teilgenommen. Wir hatten intensive Gespräche mit Holocaustüberlebenden, Geiseln vom 7. Oktober und Vertretern aus dem Parents Circle – einer unheimlich wichtigen israelisch-palästinensischen Organisation, die Menschen zusammenbringt, die Familienangehörige im Gazakrieg verloren haben und den Kreis des Hasses brechen wollen. Den ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Naftali Bennett haben wir auch getroffen, es gibt ja immer einen Haken. Das war ein guter Vorwand, um meine Familie zu besuchen – ich habe neun Nichten und Neffen, so nenne ich die Kinder meiner Cousins, und sie sind alle sehr niedlich. Fühlten Sie sich vor dem Ausbruch des Kriegs bereit für eine Rückkehr nach Deutschland – und hat sich das jetzt geändert? Ich weiß nicht, ob ich langfristig wieder in Deutschland leben möchte. Ich weiß vieles an Deutschland und den Deutschen zu schätzen, auch wenn es selten so klingt, aber die vergangenen Jahre haben mich sehr entfremdet. Ich sehe meine Zukunft woanders, auch wenn ich noch nicht weiß, wo. Sie haben auf Instagram geschrieben, dass Sie in einem Jahr gern in Teheran als Komiker auf der Bühne stehen würden. Glauben Sie, das könnte klappen? Hoffentlich dauert es kein ganzes Jahr. Und ja, ich glaube, es könnte klappen. Iraner sind intelligente, findige, lustige Menschen in einem wirklich schönen Land. Iran war auf dem Weg zu einer Demokratie, bevor er in den Fünfzigerjahren von den Vereinigten Staaten und Großbritannien destabilisiert wurde, und es gibt eine historische Verantwortung, das zu korrigieren. Ein freier, aufblühender Iran wäre wichtig für die ganze Region. Die Iraner haben so viel für ihre Freiheit geopfert, und ich wünsche ihnen, dass sie diese so schnell wie möglich bekommen – genau wie alle anderen, die unterdrückt sind. Mir persönlich wünsche ich eine ausverkaufte Show in Teheran, von mir aus gleich nächste Woche.
