FAZ 21.12.2025
08:30 Uhr

Sexueller Missbrauch: „Täter planen ihre Übergriffe, indem sie eine Beziehung zu dem Kind aufbauen“


Sexueller Missbrauch ist in der Gesellschaft weit verbreitet. Eine Expertin erklärt, wie viele Kinder davon betroffen sind, wo Übergriffe stattfinden und wie Eltern erkennen können, dass etwas nicht stimmt.

Sexueller Missbrauch: „Täter planen ihre Übergriffe, indem sie eine Beziehung zu dem Kind aufbauen“

Frau Strnad, Sie sprechen in Ihrem Buch „Kein Kind ist sicher – Wie wir wachsam bleiben und unsere Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen“ von sexualisierter Gewalt als einem gesellschaftlichen Massenphänomen, das in seiner Verbreitung mit einer Volkskrankheit vergleichbar sei. Wie viele Kinder und Jugendliche sind betroffen? Man sagt, dass etwa zwei bis drei Kinder pro Schulklasse Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben. Zu bedenken ist, dass das Hellfeld sehr klein ist, das Dunkelfeld hingegen unglaublich hoch. Wir brauchen noch viel mehr Forschung zu dem Thema. Wo findet sexualisierte Gewalt besonders häufig statt? Was sind Orte, die wir im Blick haben sollten? In etwa 75 Prozent aller Fälle kennen die Kinder den Täter schon vor der Tat. Das ist etwas, was viele Menschen nicht wahrhaben wollen. Ich verweise gerne auf eine Umfrage, in der fast 90 Prozent der Teilnehmenden gesagt haben: Ja, sie können sich vorstellen, dass Taten im sozialen Umfeld des Kindes, vor allem in Familien, begangen werden. Bei der Frage, ob sie sich auch vorstellen können, dass eine solche Tat in der eigenen Familie stattfindet, haben dann aber 85 Prozent verneint. Leider ist es bei vielen Erwachsenen noch nicht angekommen, dass alltägliche Kontakte für Kinder am gefährlichsten sind. Ist es zum Beispiel übergriffig, ein Kind tröstend auf den Schoß zu nehmen? Das ist je nach Situation unterschiedlich zu bewerten und hängt auch davon ab, welche Beziehung ich zu dem Kind habe. Das wichtigste Kriterium ist aber, dass das Kind Signale sendet, die ich beachten muss. Letztlich bestimmt jedes Kind selbst, was es als unangenehm und übergriffig empfindet. Es gibt viele verschiedene Begriffe, die im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen kursieren: Belästigung, Grenzverletzung, sexualisierte Gewalt, Missbrauch. Können Sie uns die Begriffe eine bisschen einordnen? Im Umgang mit Kindern gibt es immer einen Graubereich. Manchmal ist es schwierig zu entscheiden: Ist hier eine Grenze überschritten worden oder nicht? Wenn Sie beispielsweise an den Abschiedskuss eines Vaters denken, dann kann das eine ganz normale Interaktion sein. Wenn der Vater dem Kuss aber eine sexuelle Bedeutung beifügt, dann kann das schnell zu einem sexuellen Übergriff werden. Das Wort „Missbrauch“ finde ich im Übrigen sehr schwierig. Warum? Das ist ja ein Begriff, der in den Medien häufig genutzt wird. Ja, auch ich benutze ihn, weil er im Alltag sehr gängig ist und ihn nach wie vor das Strafgesetzbuch verwendet. In Missbrauch steckt das Verb „brauchen“. Man kann Menschen aber nicht gebrauchen und entsprechend auch nicht missbrauchen. Dadurch weist man den Kindern einen Objektstatus zu. Sie sind Individuen mit einer Würde. Außerdem impliziert das Wort „Missbrauch“, dass es einen „richtigen Gebrauch“ von Kindern gäbe. Täter missbrauchen nicht das Kind, sondern ihre körperliche und psychische Macht über das Kind. Passender finde ich deswegen den Begriff „sexueller Machtmissbrauch“. Sind Übergriffe, bei denen ein Kind angefasst wird, immer schlimmer als solche, die ohne Berührungen passieren? Das kann man so nicht sagen. Es wird zwar zwischen „Hands-on“ und „Hands-off“- Handlungen unterschieden, die Begriffe beinhalten aber keine Bewertung der Schwere der Taten. Wenn man etwa kleine Kinder dazu zwingt, Gewaltvideos mit sexualisierten Inhalten anzuschauen oder demütigende sexualisierte Fotos von ihnen aufnimmt, dann kann das schwer traumatisierend sein, ohne dass das Kind von dem Täter angefasst wurde. Wie gehen Täter üblicherweise vor? Gibt es wiederkehrende Muster? Zunächst einmal: Missbrauch ist keine spontane Tat und vor allem keine Einzeltat. Täter planen ihre Übergriffe und wählen ihre Opfer bewusst aus. In der Regel ist es so, dass ein Täter zunächst eine Beziehung zu dem Kind aufbaut. Er hilft bei den Hausaufgaben, macht Versprechungen oder schmeichelt dem Kind mit Geschenken. Dann finden leichte Übergriffe statt, um zu testen: Wehrt sich das Kind dagegen, und wie reagiert das soziale Umfeld? Wenn sich der Täter sicher fühlt, kommen sexualisierte Inhalte ins Spiel – etwa in Gesprächen oder in Form von Fotos. Und dann findet womöglich ein sexualisierter Übergriff statt. Der Täter zieht das Kind immer mehr in eine Spirale der Gewalt und des Schweigens hinein. Er zwingt das Kind zur Geheimhaltung. Dadurch wird es für das Kind immer schwerer, sich Hilfe zu holen. Hinzu kommt, dass Täter auch das soziale Umfeld manipulieren. Inwiefern? Missbrauch muss man sich als Dreiecksbeziehung zwischen Täter, Opfer und dem sozialen Umfeld vorstellen. Und alle drei bedingen sich wechselseitig. Der Täter manipuliert Kind und Umfeld. Er vermittelt dem Kind das Gefühl: Wenn du jemandem von uns erzählst, dann glauben sie dir nicht. Schon gar nicht die Erwachsenen. Manchmal versucht er auch, einen Keil zwischen die Beziehung von Eltern und Kind zu treiben. Der Täter redet die Eltern schlecht, damit das Kind verwirrt ist und sich nicht mehr traut, seine engen Bezugspersonen um Hilfe zu bitten. Oder der Täter demonstriert dem Kind, wie eng er sich mit den Bezugspersonen versteht und dass daher ihm als Erwachsenem eher geglaubt wird. In Ihrem Buch gibt es ein langes Kapitel über gängige Mythen rund um sexualisierte Gewalt, die Aufklärung und Strafverfolgung erschweren. Können Sie uns dazu ein paar Beispiele geben? Kurz vorweg: Dieses Kapitel war mir wirklich ein großes Anliegen. Denn auch wegen dieser zahlreichen Mythen ist sexueller Missbrauch in unserer Gesellschaft immer noch ein so großes Tabu und wird häufig verschwiegen. Es gibt Mythen in Bezug auf die Täter, die Opfer und das soziale Umfeld. Ein gängiger Mythos ist etwa der des fremden Mannes als Täter – aber sexualisierte Gewalt findet vor allem im nahen sozialen Umfeld statt. Ein weiterer Mythos betrifft die Mütter. Viele denken, Mutterliebe sei naturgegeben, und Kinder seien bei ihren Müttern komplett sicher. Mütter spielen jedoch in familiären Missbrauchskontexten zum Teil eine ambivalente Rolle. Mitunter halten sie die Gewalt durch Wegsehen und Schweigen aufrecht, selbst wenn sie sie nicht selbst ausüben. Ein weiterer Mythos ist, dass Kinder eine blühende Phantasie hätten und man ihnen nicht alles glauben darf. Oder dass weibliche Jugendliche die Täter verführt hätten. Nach dem Motto: „Die Dreizehnjährige hatte ja Lippenstift drauf, Minirock an und so weiter. Der arme Mann konnte nix dafür.“ Gibt es Kinder, die besonders gefährdet sind? Ja, zum einen sind das Kinder mit Behinderungen. Ein leichteres Spiel haben Täter außerdem bei Kindern, die eine schlechte Beziehung zu ihren Eltern haben, sei es aus Gründen von Vernachlässigungen oder weil die Eltern stark mit sich selbst beschäftigt sind. Da können hoher Stress oder psychische Erkrankungen eine Rolle spielen. Wenn das Kind unerfüllte emotionale Bedürfnisse hat und nach Anerkennung, Wertschätzung und Liebe sucht, dann kann der Täter es leichter manipulieren. Was sind Anzeichen, auf die man bei Kindern und Jugendlichen achten sollte? Bei welchem Verhalten sollten wir alle hellhörig werden? Es gibt kein typisches Merkmal für sexuellen Missbrauch. Man kann nicht sagen: Wenn sich das Kind so verhält, dann liegt das an sexuellem Missbrauch. Und das macht es so schwierig. Natürlich gibt es offensichtliche medizinische Indikatoren: eine Schwangerschaft, sexuell übertragbare Krankheiten, Spermaspuren. Aber solche Beweise sind sehr selten. Die Täter achten in der Regel darauf, keine Spuren und Verletzungen zu hinterlassen. Anzeichen, bei denen man hellhörig werden sollte, sind hingegen jegliche Art von Verhaltensänderungen des Kindes. Wenn es aggressiver wird, wenn es rebellischer wird, wenn es plötzlich eine sexualisierte Sprache nutzt oder sexualisiertes Verhalten zeigt. Auch das gegenteilige Verhalten sollte uns aufhorchen lassen: Wenn das Kind stiller wird, plötzlich viel müder ist und schlecht schläft. Kleinere Kinder fallen oft in Entwicklungsstufen zurück. Sie nässen sich zum Beispiel wieder ein oder fangen an zu stottern. Das ist natürlich nicht immer auf sexuellen Missbrauch zurückzuführen, aber man sollte diese Option im Hinterkopf behalten. Auffällig ist auch, wenn das Kind plötzlich nicht mehr in den Sportverein gehen möchte oder die Besuche beim Vater verweigert. Dann sollte man handeln. Was mache ich, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Kind in meinem sozialen Umfeld von sexualisierter Gewalt betroffen sein könnte? Und welche Fehler sollte ich vermeiden? Zunächst ist es wichtig, selbst ruhig und besonnen zu bleiben. Das Kind sollte spüren, hier ist ein erwachsener Mensch, der Interesse an mir zeigt, der sich wirklich für mich interessiert. Man sollte das Gespräch mit dem Kind suchen, um herauszufinden, welches Bedürfnis des Kindes im Mangel ist. Dabei sollte man aber das Kind nicht mit Vermutungen zu sexualisierter Gewalt konfrontieren und auch keine Suggestivfragen stellen. Viel wichtiger ist es, sich als ansprechbarer Erwachsener zu präsentieren und dem Kind zu signalisieren: Ich bin da, gemeinsam finden wir eine Lösung für deine Probleme. Ich empfehle, sich dann möglichst professionellen Rat zu suchen, sei es beim Kinderschutzbund, Jugendamt, medizinischer Kinderschutzambulanz oder Fachberatungsstellen. Im Buch habe ich auch Hilfs- und Beratungsangebote im Internet sowie anonyme Hotlines aufgelistet, die weiterhelfen oder Beratung vor Ort vermitteln. An die Polizei sollte man sich wenden, wenn es konkrete Beweise für den Missbrauch gibt und man das Kind in großer Gefahr sieht. Dadurch setzt man Ermittlungen in Gang, die man selbst nicht mehr stoppen kann. Und wie sieht es mit der Konfrontation des Täters aus? Hilft es, ihn mit meinem Verdacht zu konfrontieren? Auf keinen Fall. Denn dann übt der Täter noch mehr Druck auf das Kind aus. Häufig traut es sich dann noch weniger zu sprechen und seine emotionale Not zu zeigen. Schlimmstenfalls bringt man das Kind also noch mehr in Gefahr. Was weiß man über die Täter? Es gibt kein klassisches Täterprofil. Die Missbrauchskomplexe der vergangenen Jahre haben uns vor Augen geführt, dass die Täter aus allen sozialen Schichten kommen und verschiedene Nationalitäten haben. Eine Auffälligkeit aber ist, dass 80 bis 90 Prozent der Täter Männer sind. Außerdem nimmt der Anteil der jugendlichen Täter zu. Das liegt vor allem an Straftaten, die im Internet begangen werden. Und das ist eine Entwicklung, die zutiefst besorgniserregend ist. Welche Rolle spielen soziale Medien in Bezug auf sexuelle Übergriffe? Unsere Kinder werden heutzutage mit sozialen Medien groß. Über Chats, Computerspiele et cetera gibt es für Täter viele Möglichkeiten, auch mit völlig fremden Kindern in Kontakt zu treten. Die Täter erstellen sich dann zum Beispiel ein falsches Profil und treten als Jugendliche auf. Aber die Strategien, die Täter im digitalen Raum nutzen, ähneln denen in der analogen Welt. Sie sind Familienrichterin und haben mit dem Thema Missbrauch auch beruflich immer wieder zu tun. Als Kind haben Sie selbst sexualisierte Gewalt erlebt. Welche Rolle spielt diese Betroffenheit für Ihre Arbeit? Das ist heute eine große Stärke für mich, weil ich die Fälle sexualisierter Gewalt von verschiedenen Seiten aus betrachten kann. Ich weiß, wie sich Kinder in solchen Situationen fühlen, wie sie ticken und was der Missbrauch mit ihnen macht. Als Mutter kann ich gut nachvollziehen, wie es für Eltern sein muss, mit so einem Tatverdacht konfrontiert zu werden. Im Rahmen meiner eigenen Aufarbeitung habe ich außerdem erlebt, was es heißt, auf der anderen Seite der Richterbank zu sein. Zudem habe ich mir umfangreiches Fachwissen angeeignet. All das kommt meiner Arbeit zugute. Wer oder was hat Ihnen damals geholfen, den Kreislauf des Schweigens und der Gewalt zu durchbrechen? Ich hatte tatsächlich niemanden in meinem nahen Umfeld, der auf meine Hilferufe reagiert hat. Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der das Thema noch ein absolutes Tabu war und es noch kein Internet gab. Im Schnitt wenden sich Kinder und Jugendliche an sieben Erwachsene, ehe sie Hilfe erfahren. Deswegen tut Aufklärung so not. Jeder Einzelne, der mit Kindern zu tun hat, ist hier angesprochen. Gewalt an Kindern ist keine Privatsache, sondern geht uns alle an. Dr. Eva Strnad, „Kein Kind ist sicher: Wie wir wachsam bleiben und unsere Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen“, Beltz-Verlag, 2025, 256 S., 22 Euro.