FAZ 12.12.2025
01:10 Uhr

Setfotografie: Im Fotolabor mit Yorgos Lanthimos und Emma Stone


Gerüste, Scheinwerfer, halbfertige Kulissen: Das Fotobuch „Dear God, the Parthenon is still broken“ macht sichtbar, was im Kinosaal sonst verborgen bleibt.

Setfotografie: Im Fotolabor mit Yorgos Lanthimos und Emma Stone

Setfotografie Im Fotolabor mit Yorgos Lanthimos und Emma Stone Von EVA NEUKIRCHNER 12. Dezember 2025 · Yorgos Lanthimos Aufnahmen vom Filmset eröffnen neue Perspektiven auf die opulente Welt aus „Poor Things“. Ohne Titel aus Dear God, the Parthenon is still brokenYorgos Lanthimos Dass die Zusammenarbeit zwischen Yorgos Lanthimos und Emma Stone zu sehenswerten Ergebnissen führt, haben mehrere Filme, darunter der zuletzt erschienene Bugonia, anschaulich bewiesen. Rund um die oft absurden oder unkonventionellen Geschichten in seinen Filmen baut der griechische Regisseur phantastische Bildwelten, die die bizarre Handlung auf visueller Ebene weiterführen. Die Ausstattung in Poor Things zählt mit Sicherheit zu den opulentesten seiner Produktionen; nicht umsonst wurden das Kostümbild, die Maske, das Szenenbild und Hauptdarstellerin Emma Stone mit Oscars ausgezeichnet. Neben seinen Filmprojekten hat Yorgos Lanthimos ein neues kreatives Ausdrucksmittel entdeckt: das Fotobuch. In seiner ersten Veröffentlichung Dear God, the Parthenon is still broken versammelt er analoge Fotografien, die er in Drehpausen oder nach Drehschluss in und um die Filmsets von Poor Things aufnahm. In einem Interview im Magazin „Aperture“ erzählt Lanthimos, wie die vergleichsweise langsame Arbeitsweise mit Analogfotografie zu einer Pause im hektischen Drehalltag wurde: „Wir waren in Ungarn, in riesigen Filmstudios, umgeben von Sets. Ich habe eine Großformatkamera benutzt, um all diese Schwarz-Weiß-Fotografien zu machen, und Mittelformat, um die Farbporträts aufzunehmen. Immer wenn ich ein paar Sekunden zwischen den Aufbauten hatte, rief ich „Portrait time!“ und holte die Großformatkamera heraus. Ich versuchte, das Ganze sehr schnell zu machen, was natürlich einer Großformatkamera völlig zuwiderläuft. Gleichzeitig war es dieses kleine Stück eingefrorener Zeit mitten im Filmemachen und Performen. Es war eine Art Spiel, an dem wir Freude hatten.“ Emma Stone, die im Film die Protagonistin Bella Baxter verkörpert, entwickelte auch schnell ein Interesse an den Fotos, vor allem am Entwicklungsprozess der Filme. Nach einem langen Drehtag entwickelten sie und Lanthimos die Negative gemeinsam in einer provisorischen Dunkelkammer im Badezimmer, was beiden ein kreatives Ventil jenseits der Arbeit an Poor Things bot. Die Arbeit mit den Filmen wurde für Stone zu einer Art Meditation: „Man muss die Kontrolle behalten, man will die Bilder nicht versauen, und klar, es sind nur Bilder, aber es sind seine Bilder, seine Kunst, nicht meine eigene. Ich erinnere mich, wie ich ein Porträt im Trocknungsprozess versehentlich zu weit unten abgeschnitten habe, und bis heute sehe ich die Spuren, die ich hinterlassen habe. Natürlich ist das alles, worauf ich mich heute konzentrieren kann, weil es ein Fehler war. Es erinnert daran, dass alles, auch Fotografie, Filme, das Leben, voller Fehler und menschlicher Irrtümer sind, die am Ende auch sehr schön und lebendig sein können.“ Die Aufnahmen, die in der Zusammenarbeit von Lanthimos und Stone am Filmset in Budapest entstanden sind, unterscheiden sich jedoch von herkömmlicher Setfotografie, die oft Regisseure und Schauspieler bei der Arbeit oder in Pausen in entspanntem Miteinander zeigt und primär zur Vermarktung eines Films genutzt wird. Die Fotografien öffnen einerseits ein Tor in das Universum von Poor Things und Lanthimos Vision des 19. Jahrhunderts, in dem der Film spielt; andererseits können die Bilder aber auch für sich selbst stehen. Auf vielen Aufnahmen erweitert Lanthimos bewusst den Bildausschnitt, so dass wackelige Gerüste, Aufbauten, Licht-Equipment und auch das Filmteam sichtbar werden. Diese flüchtigen Einblicke, die im Fotobuch immer wieder kurz aufblitzen, erinnern daran, dass die Welt, in der der Film und die Fotos entstanden sind, ein Konstrukt ist. Sie bewegen sich Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Realität. Diesen Effekt unterstützt auch die Struktur des Fotobuchs. In den Innenseiten wurden verschiedene Papiere und Schnitte verwendet, die die Opulenz des Films ins Buch übertragen. Es finden sich auch mehrere Ausklappseiten, die einzeln geöffnet werden müssen und Setaufbauten erst auf den zweiten Blick sichtbar machen. Der etwas kurios anmutende Titel des Fotobuchs Dear God, the Parthenon is still broken stammt von einer Postkarte, die die Protagonistin Bella Baxter aus Athen an ihren Vater, God, schicken sollte. Die Szene wurde in der endgültigen Fassung des Films gestrichen, Bellas Gruß ziert aber nun das Cover des Fotobuchs zum Film. Ebenso unerwartet ist ein weiteres Gimmick: Auf der ersten Seite des Buchs befindet sich ein Gedicht von Patti Smith, das von Poor Things inspiriert wurde. Details wie diese und die liebevolle Gestaltung, die Joao Linneu und Myrto Steirou vom Athener Verlag VOID zusammen mit Yorgos Lanthimos erarbeitet haben, machen das Buch zu einer Bereicherung für jeden, der sich für Fotobücher interessiert, nicht nur für Filmliebhaber. Ansicht einer Ausklappseite im Buch (zugeklappt)Yorgos Lanthimos/VOID Dear God, the Parthenon is still broken ist 2024 bei VOID erschienen. Es umfasst 120 Seiten und drei aufklappbare Doppelseiten. Japanische Bindung, Siebdruckverfahren, Leineneinband. Sofia Coppola Archive Lost in Pink Jessie Tarbox Beals Sie arbeitete bis zum letzten Bild