FAZ 06.12.2025
18:51 Uhr

Serie „Fritzi & Sophie“: Das Verstummen des Ostens


Die Kinderserie „Fritzi und Sophie“ erzählt die Wende aus der Sicht von zwei Mädchen aus Leipzig. Warum nur hört man nicht, wo sie herkommen?

Serie „Fritzi & Sophie“: Das Verstummen des Ostens
Können mit der Auslosung zufrieden sein: Bundestrainer Julian Nagelsmann (Mitte) und Sportdirektor Rudi Völler (rechts). (Foto: Jia Haocheng/POOL Xinhua/AP/dpa)

Im Sommer 1989 war die DDR am Ende. Scharenweise verließen Bürgerinnen das Land. Eine Freundin von mir war im Februar 1989 in der sechsten Klasse, im letzten Grundschuljahr, als der Ausreiseantrag ihrer Eltern bewilligt wurde. Die Familie zog aus ihrer Altbauwohnung in Prenzlauer Berg ins Auffanglager Marienfelde, und nach den Winterferien ging meine Freundin in Reinickendorf zur Schule, in Westberlin. Gleich am ersten Tag wurde sie dort von ihren neuen Mitschülerinnen aufgezogen: „Wie redest du denn?!“ Das Berlinern gewöhnte sie sich sofort ab. Sprache ist Herkunft. An Wortwahl, Aussprache, Satzbau und Melodik lässt sich erkennen, wo eine Person geboren wurde, was sie arbeitet, welchen Dialekt die Eltern sprachen, welche Musik sie hört, welche Filme sie sieht und in welcher sozialen Schicht sie sich bewegt. In Ostberlin war Berlinisch die Sprache der Arbeiter und Intellektuellen. Mit ihr betonte man die eigene großstädtische Herkunft im Gegensatz zu den Parteikadern, denen nachgesagt wurde, sie kämen alle aus der sächsischen Provinz. In Westberlin dagegen berlinerte man in der Öffentlichkeit nur am unteren Ende der sozialen Leiter. Der Bezugsrahmen der „City West“ lag schon seit dem Großen Kurfürsten weit jenseits der Region, sogar jenseits der deutschen Grenzen. In Charlottenburg und Wilmersdorf sprach man Französisch oder Hochdeutsch. Berlinern durfte höchstens das Personal. Aber nicht vor den Kindern! Zurück in die DDR mit „Checker Julian“ Nun hat eine Kinderfernsehproduktion unter Federführung des MDR über die Friedliche Revolution 1989 in der DDR den internationalen Emmy, den Fernsehserien-Auslands-Oscar in der Kategorie Kids: Factual & Entertainment gewonnen. Und die Serie „Auf Fritzis Spuren“ gewährt Kindern Zugang zur jüngeren deutschen Geschichte. Kika-Moderator „Checker Julian“ Janssen und Nachwuchsschauspielerin Anna Shirin Habedank reisen per Tricktechnik als Avatare zurück in die DDR, genauer in das Leipzig der MDR-Zeichentrickserie „Fritzi und Sophie – Grenzenlose Freundschaft“ von 2024. In sechs kurzen Folgen à 15 Minuten wird die „Wendewundergeschichte“ (so der Titel des Kinderbuchs von 2009, auf dem die Serie basiert) einem Realitätscheck unterzogen. Mit Anna und Julian besuchen wir historische Orte wie die Nikolaikirche in Leipzig oder die ehemalige Leipziger Stasizentrale in der „Runden Ecke“. Die Erzähler lernen Breakdance und treffen ehemalige Dissidenten, Friedensaktivistinnen und Republikflüchtlinge. Folge für Folge nähern sich der 31 Jahre alte Stuttgarter Janssen und die 19 Jahre alte Berlinerin Habedank dem Weltbewegenden, das heute alltägliche Dinge wie demonstrieren gehen, ein Punkkonzert besuchen oder vor der ganzen Klasse seine Meinung sagen damals bedeuteten. Das ist alles sehr schön und rührend, wenn etwa erklärt wird, der Sozialismus sei die Idee gewesen, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, in welcher Unternehmen nicht einzelnen Industriellen, sondern der gesamten Bevölkerung gehören sollten. Hier wird das Befreiungsnarrativ der Friedlichen Revolution erneut gefeiert, auch wenn nachweisbar nur ein äußerst geringer Teil der DDR-Bevölkerung auf den Demonstrationen war. Der Fokus der Erzählung liegt auf der DDR und dem Willen zur Demokratie, der von Leipzig ausgehend das Land ergriff. Die Wiedervereinigung ist kein Thema und gen Ende wird betont, dass die Demokratie heute wieder in Gefahr sei. Der Westen ist dabei weder Heilsbringer noch Schlaraffenland, sondern lediglich der Weg raus aus der DDR, solange die Mauer noch stand. Die einzige Alternative. So weit, so erfreulich. Der Dialekt verschwindet, aber die Tonalität bleibt Erstaunlich ist jedoch, den Zeichentrickheldinnen zuzuhören. Denn obwohl „Fritzi und Sophie“ 1989 in Leipzig spielt, spricht hier im Gegensatz zu den Zeitzeuginnen in der Dokumentarserie fast niemand Sächsisch, weder Fritzi noch Sophie noch ihre Eltern. Tatsächlich reden fast alle Figuren astreines Hochdeutsch. Und das in der Universitäts- und Arbeiterstadt Leipzig, wo vor der Wende mit ähnlichem Selbstbewusstsein gesächselt wurde wie in Prenzlauer Berg berlinert. Regisseur Ralf Kukula ist selbst hörbar Dresdner. Man hätte sich bewusst dafür entschieden, die Serie hochdeutsch zu produzieren, um sie allgemein verständlicher zu machen, sagt er. Das Thema sei schließlich keine sächsische Regionalgeschichte, sondern das Ende des Kalten Krieges. Vermutlich wäre es auch schwierig geworden, genügend Kinder mit Sprechausbildung zu finden, die den Dialekt beherrschen. Seine eigenen Kinder sächselten nicht mehr, sagt Kukula. Ich weiß, was er meint. Mein Siebenjähriger redet auch wie Checker Tobi. Aber seine Tonalität ist flacher als die der Moderatoren des Bayrischen Rundfunks, niederdeutscher. Seine Stimme geht am Satzende runter. Das macht das „Abfällige“ aus, das gemeinhin mit dem Berlinischen assoziiert wird. Denn auch wenn Dialekte allgemein aus der Sprache verschwinden, die prosodischen Merkmale bleiben. Sprachmelodie und Tonalität werden unbewusst erlernt. Das ist die Art, wie wir Atmen und Laute bilden. Sie beeinflusst unser Denken und unsere Körperhaltung. Solche Merkmale sind resistenter gegen Dialektausgleich als Wortschatz oder Grammatik und bleiben auch im Hochdeutschen wie eine Erkennungsmelodie hörbar. Die Synchronkinder für die Serie seien alle aus dem Raum Halle, Leipzig gecastet, berichtet der Regisseur, auch Kirah Filter und Berenike Fröb, die die Hauptrollen sprechen. Dabei hätte ich schwören können, Fritzi hätte einen Kölnischen Einschlag. Die Art, wie sie die Stimme hebt an den Satzenden – wie die sprichwörtliche rheinische Frohnatur – scheint jedoch lediglich der inszenierten Unbeschwertheit der Figur geschuldet zu sein, während Sophie zurückhaltender intoniert wurde. Sie ist die Schüchterne. Ich dachte, die Sprecherin käme aus Hamburg. Camouflage ist keine Option In der Zeichentrickserie von 2024 begleiten wir die schüchterne Sophie, ihre Mutter und zwei Jungs aus der Friedensbewegung auf ihrer Flucht in den Westen. Rocco und Enrico sind von elf Hauptfiguren die einzigen, die mit ostdeutschen Sprechern besetzt wurden. Rocco ist auch derjenige, der an der neuen Schule im Westen seine ostdeutsche Herkunft verleugnet, um den Hänseleien der Mitschüler zu entgehen. Er behauptet, er hätte in New York gelebt. Die Ausgrenzung, die Sophie erfährt, kann dagegen nur behauptet werden. Denn sie spricht exakt wie ihre Mitschüler. Mobbing braucht keine Begründung, heißt es, aber Diskriminierung findet seine Angriffsfläche bei den Marginalisierten und vor allem dort, wo Camouflage keine Option ist. Eine Freundin sollte für einen Streamingdienstanbieter eine Hörspielserie besetzen, die in Sachsen spielte. Die Hauptrollen waren schon an berühmte West-Schauspieler vergeben, aber für die Ne­ben­rollen stellte sie ein diverses Ensemble an ost- und westdeutschen Theater- und Filmschauspielern zusammen, mit und ohne Migrationshintergrund, die an der Schauspielschule selbstverständlich alle hochdeutsch trainiert worden waren, von denen einige aber auch das sächsische Idiom beherrschten. Die Serie war schon fast im Kasten, da wurde die gesamte Produktion eingestampft, teilweise neu besetzt und komplett neu aufgenommen. Hauptkritikpunkt: Es durfte nicht gesächselt werden. Gesetze sind hochdeutsch, Gedanken berlinerisch Sächsisch ist der einzige Dialekt, der eindeutig als ostdeutsch identifizierbar ist. Zugleich ist Sächsisch laut Umfragen die mit Abstand unbeliebteste Varietät des Deutschen. Von den knapp 30 erwachsenen Sprechern, die an der Serie „Fritzi und Sophie“ mitgewirkt haben, wurden nur sechs im Raum Sachsen/ Sachsen-Anhalt geboren. Fast alle Sprecherinnen kommen aus der alten Bundesrepublik. Authentizität ist auch nur eine Illusion, schon klar. Aber Sprache ist mehr als der Austausch von Informationen. Das berlinische Idiom ist eine Theatersprache. Das Komische ist diesem Sprechen immanent, genau wie der Zweifel. Gesetze werden hochdeutsch verkündet, Gedanken sind berlinerisch. Wir eiern nicht rum, sondern sagen geradeheraus, was wir zu sagen haben, und dann arbeiten wir weiter. Die Stimme sitzt fest zwischen Brust und Bauch, ungefähr da, wo BH-Bügel sich kreuzen. Berlinisch ist reines Understatement. Wer so spricht, nimmt sich zurück. Es gibt Wichtigeres. Sächsisch dagegen ist die singende Sprache der Protestanten, der Pfarrer und Pfarrerinnen, die von den Kanzeln der DDR zum friedlichen Widerstand gegen das Regime aufriefen. Es ist die Sprache Martin Luthers, der die Bibel ins Deutsche übertrug, und Johann Sebastian Bachs, der sie vertonte. Es ist die Sprache der Verkündigung. Bis ins 18. Jahrhundert war Sächsisch die deutsche Leitsprache. Die Abwertung begann mit dem Aufstieg Preußens. Wie aber soll ich meinem Kind den habituellen Unterschied zwischen Ost und West, Süd und Nord erklären, wenn in einer Erzählung darüber ausgerechnet die Sprache fehlt? Wenn sogar DDR-Geschichte nicht mehr in ostdeutschen Idiomen erzählt wird, ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass sich Deutsche im Osten nicht gehört fühlen.