Seit dem Fall der Berliner Mauer hat kaum etwas die Europäische Union so stark verändert wie ihre Erweiterung. Indem die EU ihre Institutionen, Regeln und Märkte auf neue Mitglieder ausdehnte, trug sie dazu bei, Demokratie, Stabilität und Wohlstand in weiten Teilen des Kontinents zu verankern. Kein anderes politisches Instrument hat Europa tiefgreifender oder friedlicher verändert. Doch seit 2013 ist kein neues Mitglied mehr der EU beigetreten. Auch wenn dies nicht unbedingt mangelndes Engagement widerspiegelt, sondern ein komplexeres Umfeld – interne Reformen, geopolitische Spannungen, institutionelle Beschränkungen und legitime Bedenken in den Mitgliedstaaten –, bleibt die harte Wahrheit: Diese traurige und entmutigende Realität dauert schon viel zu lange an. Die Errungenschaften des europäischen Projekts sind unbestreitbar. Keine Generation von Europäern hat einen solchen Frieden, eine solche Mobilität und einen solchen Wohlstand erlebt. Die Erweiterung spielte dabei eine zentrale Rolle, indem sie eine Gemeinschaft ausdehnte, die auf Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftlichem Austausch beruht. Die Bedenken haben Gewicht In unserem Teil Europas, dem Westbalkan – einer Region, die geographisch von der EU umgeben und historisch mit Europas Schicksal verbunden ist –, bleibt die Aussicht auf Mitgliedschaft der stärkste Motor für Reformen, Investitionen und Versöhnung. Die EU ist durch finanzielle Unterstützung, politischen Dialog und sektorale Integration weiter stark engagiert. Dafür sind wir dankbar. Doch die transformative Wirkung einer Vollmitgliedschaft wurde bisher nicht verwirklicht. Es ist höchste Zeit, dass die EU erkennt: Im Westbalkan liegt eine neue Frontlinie für Investitionen in die Stärke der EU. Viele Europäer fragen, ob die EU mit deutlich mehr Mitgliedern noch wirksam funktionieren kann. Sorgen über Entscheidungsfindung, institutionelles Gleichgewicht und politischen Zusammenhalt sind legitim. Führende Politiker in Paris, Berlin und anderswo haben betont, dass interne EU-Reformen nötig sein könnten, damit eine erweiterte EU fähig bleibt, entschlossen zu handeln. Wir sind nicht naiv. Diese Argumente haben Gewicht. Wir haben – oft auf die harte Tour – gelernt, wie schwierig es ist, alle Mitgliedstaaten davon zu überzeugen, unsere Beitrittsprozesse zu beschleunigen, und wie leicht Fortschritt blockiert werden kann, oft aus Gründen, die in innenpolitischen Erwägungen einzelner Mitgliedstaaten wurzeln. Künftigen Mitgliedern zu sagen, sie müssten EU-Reformen abwarten, bevor sie beitreten, käme aber einer Schließung der Tür gleich: Noch mehr feierliche Reden, in denen ein Bekenntnis zur Aufnahme neuer Mitglieder bekräftigt wird, während tatsächlich wenig oder gar nichts passiert. Das wäre falsch, kontraproduktiv und in diesen Zeiten sogar gefährlich. Reformen, die Angleichung an EU‑Standards in praktisch jedem Bereich des öffentlichen Lebens. Das ist kostspielig und politisch schwierig – wird aber unternommen, weil das Ziel es wert ist. Schmerzhafte Reformen Unsere beiden Länder und die gesamte Region – mit all ihren Unterschieden und gemeinsamen Herausforderungen – haben sich in einer Weise verändert, die noch vor einem Jahrzehnt unvorstellbar gewesen wäre. Reformen und Fortschritt können aber nicht allein auf Glauben beruhen. In Teilen des Westbalkans hält die Begeisterung für die EU trotz schmerzhafter Enttäuschungen an. Albaner sind und bleiben optimistisch. Serben sind skeptischer. Doch in der Region gibt es einen gemeinsamen Nenner: Die Menschen müssen sehen, dass der Prozess glaubwürdig und die Mitgliedschaft in angemessener Zeit erreichbar ist. Wir haben diesen Beitrag gemeinsam verfasst, da wir erkennen, dass Europa heute zwei gleichermaßen legitime Ziele verfolgt: Kandidatenländer suchen einen realistischen Weg zur Vollmitgliedschaft. Mitgliedstaaten wollen die Handlungsfähigkeit und Einheit der EU bewahren. Diese Spannung muss kein Nullsummendilemma sein. Mit Vorstellungskraft und politischem Willen kann – ja muss – daraus eine strategische Chance werden. Deshalb plädieren wir für eine beschleunigte Integration vorbereiteter Kandidatenländer in den Binnenmarkt und den Schengenraum. Dies könnte den Bürgern spürbare Vorteile bringen und zugleich die wirtschaftliche und geopolitische Position der EU stärken, ohne die Entscheidungsarchitektur der EU zu belasten und ihr institutionelles Gleichgewicht zu verändern. Gegenseitige Vorteile Er würde weder Vetorechte noch zusätzliche Kommissare, Abgeordnete im Europaparlament oder Änderungen der Abstimmungsstrukturen bedeuten. Wir sind überzeugt, dass dies die Bedenken jener Mitgliedstaaten mildern würde, die einer größeren Erweiterung zögerlich gegenüberstehen – auch weil es für sie deutlich leichter würde, den Prozess in ihrer Öffentlichkeit überzeugend darzustellen. Die EU-Erweiterung war nie ein Akt der Wohltätigkeit. Sie war eine gegenseitig vorteilhafte Investition. Die EU gewann Märkte, Talente, strategische Tiefe und politische Stabilität. Neue Mitglieder gewannen Wohlstand, Sicherheit und eine Stimme bei der Gestaltung Europas. Vor allem gewann der Frieden auf unserem Kontinent weiter an Boden – in einem Ausmaß, wie es in der europäischen Geschichte zuvor nie der Fall war. Europas Gegner leben von Narrativen des Niedergangs und der Spaltung. Europas Stärke kam stets aus seiner Fähigkeit, Krisen in Integration und Vielfalt in Einheit zu verwandeln. Das nächste Kapitel dieser Geschichte ist noch nicht geschrieben. Bei sorgfältiger Gestaltung, gegenseitigem Vertrauen und neuem politischem Mut kann daraus eine neue europäische Erfolgsgeschichte werden – nicht nur für den Westbalkan, sondern für Europa insgesamt. Edi Rama ist Ministerpräsident Albaniens, Aleksandar Vučić Präsident Serbiens.
