FAZ 09.01.2026
10:47 Uhr

Senioren in Japan: Im Land der alten Arbeiter


Jeder dritte Japaner ist älter als 65 Jahre. Das Rentensystem stößt an seine Grenzen. Rund die Hälfte der Rentner arbeitet deshalb einfach immer weiter.

Senioren in Japan: Im Land der alten Arbeiter

Als der Taxifahrer erst einmal auf Betriebstemperatur ist, hört er gar nicht mehr auf mit dem Schimpfen. Seine Rente sei viel zu niedrig, sagt er, als man ihn auf sein offensichtlich hohes Alter anspricht. Natürlich müsse er weiterarbeiten. Auch all seine Freunde müssten weiterarbeiten. Obwohl sie alle schon über 70 seien. Dass Japaner einfach gerne arbeiten würden, sei natürlich Quatsch, sagt der Fahrer mit Glatze und tief sitzender Brille, der in seinem eleganten Anzug etwas verloren wirkt. Er mache das nur, weil ihm das Geld aus der Rente nicht reiche – und wer wisse schon, wie lange noch. Offiziell dürfen Taxifahrer in Tokio Fahrgäste befördern, bis sie 85 Jahre alt sind. Die Grenze wurde hochgesetzt, weil nach der Corona-Pandemie an allen Ecken Fahrer fehlten. Der Mann am Steuer sagt, er kenne viele Kollegen, die sogar noch jenseits der Altersgrenze immer weiter führen. Wo sollten sie denn sonst das Geld hernehmen? An jeder Baustelle stehen alte Herren Taxifahrer als Stimme des Volkes zu zitieren, ist unter Journalisten eigentlich aus der Mode gekommen – viel zu oft wurde das gemacht und häufig ist es ein Zeichnen für eilige Recherche. Aber eine Geschichte über die vielen Rentner in Japan, die einfach immer weiterarbeiten, ist ohne Taxifahrer nicht denkbar. Wird mit ihnen doch die oftmals vergreiste Arbeitswelt in Japan evident. Älter als die Fahrer wirken oft nur die gehäkelten Spitzendeckchen auf der Rückbank der optisch oft nostalgisch anmutenden und doch extrem zuverlässigen Taxis. In Japan gehören Arbeiter, die das übliche Rentenalter offensichtlich weit überschritten haben, zum Stadtbild. An jeder Baustelle stehen alte Herren mit grauen Haaren und lenken den Verkehr mit roten Leuchtstangen oder winken ihre ebenfalls längst ergrauten Kollegen am Steuer der Lastwagen aufs Baugelände. In der Bäckerei bedient die 81 Jahre alte Besitzerin mit ebenso großer Selbstverständlichkeit wie Freundlichkeit. An den großen Kochtöpfen vieler Ramen-Bars rühren ebenfalls oft Männer die Kochlöffel, die das offensichtlich schon seit vielen Jahrzehnten tun. Darüber sprechen, warum sie auch im hohen Alter noch jeden Tag zur Arbeit gehen, wollen die meisten aber nicht. Über sich selbst sprechen Japaner grundsätzlich nicht gerne – schon gar nicht übers Geld, und noch weniger mit einem Fremden. Fast jeder Dritte in Japan ist älter als 65 Das offizielle Renteneintrittsalter liegt in Japan bei 65 Jahren. Doch fast die Hälfte der Rentner – 43 Prozent – geht nach Regierungsangaben auch danach noch einer bezahlten Arbeit nach. Der Anteil der Erwerbstätigen, die älter als 65 sind, ist nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in keinem anderen Land so hoch wie in Japan. Das ist politisch gewollt. Denn kein anderes Land in der Welt überaltert so rapide wie Japan. Fast jeder Dritte ist hier schon heute älter als 65, die Zahl der über Hundertjährigen hat in diesem Jahr erstmals die 100.000-Marke überschritten. Gleichzeitig kommen seit Jahren immer weniger Babys nach. Allein im vergangenen Jahr ist die japanische Bevölkerung nach Regierungsangaben um 910.000 Menschen auf 120,65 Millionen geschrumpft, der größte Rückgang seit Beginn der Erhebung im Jahr 1968. Japan fehlen die Arbeitskräfte Dass die Alten möglichst lange weiterarbeiten, ist eines der zentralen Ziele der japanischen Regierung, um die Wirtschaft trotz der schrumpfenden Bevölkerung am Laufen zu halten. Denn schon jetzt fehlen an vielen Stellen geeignete Arbeitskräfte. In der Pflege kommt manchmal auf vier offene Stellen nur ein Bewerber, am Bau sieht es ähnlich aus. Und in der Logistikbranche warnen die Arbeitgeber, dass sie schon im Jahr 2030 ein Drittel weniger Lastwagenfahrer haben werden als benötigt. Während Deutschland das Schrumpfen seiner Erwerbsbevölkerung zu einem guten Teil über Migration auffängt, setzt das fremdenskeptische Japan lieber auf eine andere Devise: Länger arbeiten. Kazuo Onozawa leitet die Beschäftigungsunterstützung für ältere Menschen in der Stiftung für Arbeit in Tokio. Gemeinsam mit dem Arbeitsamt hat die Stiftung die „Job-Challenge 65“ ins Leben gerufen, die Rentnern nach dem Ende ihres normalen Berufslebens den Einstieg in einen neuen Job erleichtern soll. An einem Montag im Dezember sind etwa 20 Senioren für ein erstes Beratungsgespräch mit Onozawa und seinem Kollegen Hiroyasu Yamanaka in einen Seminarraum des Arbeitsamtes in der Nähe der Kaisergärten gekommen. Die beiden stellen ihnen mehrere offene Stellen vor, die für Rentner gedacht sind, die noch zusätzlich arbeiten wollen. Viel Geld bekommen die Senioren meist nicht Die Arbeit als Einweiser auf Baustellen sei unter den Senioren besonders beliebt, berichtet Onozawa. Gerade Menschen, die ihr Leben lang im Büro gearbeitet hätten, würden sich für so einen Job an der frischen Luft, wo sie etwas Bewegung bekommen, interessieren. Viel Geld bekommen sie dafür nicht. Laut der Jobbeschreibung, die Yamanaka vorstellt, ist ein Tageslohn von 10.500 Yen vorgesehen. Das sind etwa 60 Euro. Über Bonuszahlungen sind bis zu 30.000 Yen am Tag drin. Eine Stelle als Buchhalter, für die Excel-Erfahrungen und Fähigkeiten im Onlinebanking verlangt werden, wird dagegen mit bis zu 250.000 Yen, 1400 Euro, im Monat vergütet. Ein Altenheim sucht eine Reinigungskraft und stellt die Weiterbildung zur Altenpflegerin in Aussicht. Ein Kindergarten wirbt für eine Stelle als Aushilfskraft damit, dass die Senioren dort „die Energie der Kinder“ spüren könnten. Viele Rentner brauchen das Zusatzeinkommen Als wichtigen Grund, warum die Alten solche Stellen noch annehmen, nennt Onozawa „Ikigai“ – einen dieser japanischen Begriffe, die in wenigen Schriftzeichen eine ganze Lebenshaltung ausdrücken. Übersetzen lässt er sich etwa mit „der Grund, morgens aufzustehen“ oder „das, wofür es sich zu leben lohnt“. Darin ist einerseits enthalten, dass die Arbeit Geld bringt, aber andererseits eben auch, dass sie Sinn stiftet und glücklich macht. „Die Menschen empfinden Freude daran, auch im Alter noch gebraucht zu werden und Teil der Gemeinschaft zu bleiben“, sagt Onozawa. Eine Umfrage der Regierung, die im Sommer veröffentlicht wurde, brachte dagegen nüchternere Ergebnisse. 55 Prozent der Rentner, die noch arbeiteten, gaben darin das benötigte Zusatzeinkommen als Hauptgrund für diese Entscheidung an. 20 Prozent sagten, die Arbeit sei gut für ihre Gesundheit und verlangsame das Altern. Zwölf Prozent gaben an, dass sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten weiter einsetzen und weitergeben wollten. Grundrente beträgt umgerechnet rund 400 Euro Wie der Taxifahrer schon sagte: Für viele Japaner ist die Rente, die sie erhalten, schlicht zu niedrig. Eine Frau, die an diesem Tag ebenfalls auf dem Arbeitsamt war, berichtet, dass sie 30 Jahre lang in einem Bürojob gearbeitet hätte, bis sie 73 war, und nun gerade einmal 500.000 Yen im Jahr erhalte – umgerechnet rund 2750 Euro. Inzwischen sei sie 75 und habe schon einen Aushilfsjob in einem Supermarkt ausprobiert. Doch der sei ihr mit den vielen Menschen zu anstrengend gewesen. Das Rentensystem in Japan beruht auf drei Säulen: einer Grundrente, in die jeder Japaner pauschale Beträge einzahlt, sobald er zwanzig ist, einer Betriebsrente, die größere Konzerne ihren Mitarbeitern anbieten, sowie einer möglichen privaten Zusatzvorsorge. Wer nur die Grundrente bekommt, hat im Monat nicht mehr als umgerechnet 400 Euro zum Leben. Das ist auch in Japan nicht viel. Die ungewohnt hohen Preissteigerungen der vergangenen Jahre gelten dementsprechend als ein Hauptgrund für die schlechten Wahlergebnisse der ewigen Regierungspartei LDP in den vergangenen Wahlen. Japan will mehr Beitragszahler ins Rentensystem einschließen Dass dem Rentensystem trotz der rapiden Alterung der Gesellschaft nicht das Geld ausgeht, gehört seit vielen Jahren zu einem der zentralen Ziele der Regierungsarbeit in Tokio. Ein wesentlicher Schritt war es, im Jahr 2006 neben der reinen Umlagefinanzierung einen Pensionsfonds aufzusetzen, der an den internationalen Aktien- und Anleihemärkten investiert. Mit einem Volumen von 277 Billionen Yen (1,5 Billionen Euro) trägt der Fonds den Spitznamen „Wal“ und wirft regelmäßig Milliardenbeträge für die Rentenkasse ab. Jenseits davon versucht die Regierung die Masse der Beitragszahler auszuweiten. Zunächst wurden auch Selbständige und Teilzeitkräfte verpflichtet, mehr Rentenbeiträge als bisher zu zahlen. Die Regierung von Ministerpräsidentin Sanae Takaichi will nun auch die zunehmende Zahl von Ausländern im Land stärker in die Pflicht nehmen. Um die Menschen möglichst lange im Arbeitsleben zu halten, hat die Regierung im Jahr 2021 ein „Gesetz zur Stabilisierung der Beschäftigung von älteren Personen“ verabschiedet. Es sieht unter anderem vor, dass Unternehmen die Arbeitsbedingungen so gestalten sollen, dass Mitarbeiter bis 70 weiterarbeiten können. Zudem sollen Angestellte ihren Renteneintritt leichter aufschieben können, bis sie 75 sind, und erhalten dann Zuschläge auf ihre Rente. Arbeitsverträge werden oft mit 60 Jahren aufgelöst Doch in der Praxis führt das nun oft zu negativen Auswirkungen für die Betroffenen, wie Arbeitsmarktexperten bemängeln. Weil in Japan das Gehalt von Angestellten immer noch streng nach Betriebszugehörigkeit steigt und somit die ältesten Mitarbeiter die teuersten sind, werden deren Verträge oft mit 60 aufgelöst, gegen Zahlung einer Abfindung. Die Unternehmen müssen den Senioren dann zwar qua Gesetz ein neues Angebot machen, das bietet aber oft deutlich schlechtere Konditionen. Gehaltseinbußen um bis zu 40 Prozent sollen üblich sein. Viele müssen ihre letzten Jahre im Beruf mit langweiligen und im Grunde unwichtigen Aufgaben absitzen. Auch dafür gibt es im Japanischen einen passenden Begriff: Madogiwa Zoku, „Fenstergucker“. Wer wichtig im Betrieb ist, sitzt nah am Chef, also zentral in der Mitte des Großraumbüros. Wer unwichtig ist, wird an den Rand gesetzt – ans Fenster.