FAZ 29.01.2026
13:45 Uhr

„Send help“ im Kino: Die Natur als Büro des Teufels


Fressen und Gefressenwerden: In Sam Raimis Kinoschocker „Send Help“ stürzen ein Chef und seine Angestellten in die Wildnis und lernen schnell, was die nicht zivilisierte Wirklichkeit von unseren Arbeitsteilungs-Gewohnheiten hält.

„Send help“ im Kino: Die Natur als Büro des Teufels

Für viele Angestellte dürfte schon die Ausgangsidee für Sam Raimis neuesten Film „Send help“ nach Horror klingen: Linda strandet nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel, gemeinsam mit ihrem neuen Chef, der sie nur aus Schikane mit auf den Businesstrip Richtung Bangkok beordert hat. Der für seine Horrorfilme bekannte amerikanische Regisseur Raimi versucht hier aber weniger an sein Splatter-Frühwerk („Tanz der Teufel“) anzuschließen. Vielmehr inszeniert er einen Thriller rund um die Verschiebung von Machtverhältnissen. Denn für Linda ist die Vorstellung, allein in der Wildnis überleben zu müssen, kein Albtraum. Es ist der Moment, auf den sie sich seit Monaten vorbereitet hat. Neben ihrem Job in der Strategieabteilung trainiert sie für die Teilnahme bei einer Dschungel-Überlebenssendung. Auf ihrem Nachttisch stapeln sich Bücher über den richtigen Gebrauch eines Jagdmessers, das Erkennen essbarer Pflanzen und Biographien berühmter Abenteurerinnen. Sie kann klettern, Feuer machen und sich verteidigen. All das zeigt sie in einem Bewerbungsvideo, das ihre Kollegen gerade spöttisch anschauen, als ein Triebwerk Feuer fängt. Wie ernst es Linda mit dem Überleben ist, muss sie gleich nach der Demütigung unter Beweis stellen, als ein Teil des Flugzeugrumpfes wegbricht und ihre unangeschnallten Kollegen nach draußen gesaugt werden. Ausgerechnet der Typ, der ihre Arbeit gern für seine ausgegeben hat und damit nach nur sechs Monaten die Beförderung kassierte, auf die Linda seit sieben Jahren hinarbeitete, versucht sie aus dem Sitz zu zerren, um sich selbst zu retten. Geistesgegenwärtig schnappt sie sich eine vorbeifliegende Gabel und rammt sie in die Hand des Angreifers. Wer ist jetzt der Chef? Den Absturz überleben daher nur sie und ihr junger Chef Bradley, der sich noch schnell eine Schwimmweste über den Kopf streifen konnte und so an den Strand der nächstgelegenen Insel geschwemmt wird. Linda findet ihn bewusstlos und mit verletztem Bein in der Brandung und macht sich ans Werk: Sie bastelt aus Palmenblättern und Ästen einen Unterschlupf, sammelt Wasser in leeren Kokosschalen und entzündet ein Feuer. Als Bradley die Augen öffnet und ihr als erstes vorwirft, sie hätte ihre Prioritäten besser aufs Hilfe-Signal-Basteln verlegen sollen, und sich dann ihren kollegialen Ton verbittet („Denken Sie daran, dass Sie für mich arbeiten“), erteilt sie ihm kurzerhand eine Lektion in Sachen neuer Lebensrealität. Sie nimmt ihre Schuhe, lässt den Verletzten im Sand sitzen und geht. Nach einem Tag ohne Wasser unter der sengenden Sonne gelobt er Besserung. Raimi zeigt diese Rollenverschiebung auch über Maske und Kostüm; die Schauspieler tun ihr Übriges. Dylan O’Brien legt endgültig sein Image als Teenie-Held ab, das ihm seine Hauptrolle in der „Maze Runner“-Trilogie beschert hatte. Er gibt den reichen Erben Bradley, der das Unternehmen seines verstorbenen Vaters weiterführen soll, genüsslich als verweichlichtes Ekel, das schon ein Sonnenbrand zum Jammern bringt. Rachel Mc­Adams, die mit Raimi schon 2022 in der Marvelverfilmung „Doctor Strange In The Multiverse Of Madness“ zusammenarbeitete, wirft sich vorbehaltlos in die Rolle der Linda. Mit Hilfe von Körpersprache und -haltung entwickelt McAdams ihre Figur von der frustrierten Angestellten zum handelnden Menschen. Mit runden Schultern sitzt sie im Großraumbüro, ein graues Mäuschen mit zerstrubbelten Haaren und Lippenstift an den Zähnen. Sobald sie auf der Insel das Kommando übernimmt, ändert sich ihr Gang, wird aufrecht, selbstsicher. Irgendwann findet sie einen Wasserfall und bewundert im Teich lächelnd ihr braun gebranntes Spiegelbild mit den sanften Naturlocken. Ihr kommt ein perfider Gedanke: Was, wenn sie einfach niemals zurückkehrten und für immer auf dieser Insel blieben? Was an ihrem alten Leben würde sie vermissen: das Abrackern für fremder Leute Projekte? Ein Gehalt, das für ein kleines Apartment und Wellensittich-Futter reicht? Das Gerede der Kollegen im Büro? Bradley sieht das anders – und lauert nur darauf, wieder die Macht an sich reißen zu können. Natürlich hat Raimi bei all der sozialanalytischen Thriller-Handlung noch immer viel Spaß an Horror-Elementen: Linda tritt nur mit einem Speer bewaffnet einen blutigen Kampf mit einem übellaunigen Wildschwein an. Schlechtes Gewissen manifestiert sich als entstellter Geist, der bei Nebel aus dem Dunkel springt. Und wenn gekämpft wird, landen schon mal Finger in Augen. Interessant ist dabei, wie Raimi die Idee vom Überleben des Stärkeren dekonstruiert – von dieser Insel kommt nur lebend weg, wer List und Verstand mit eisernem Willen paaren kann. Lebensgefährliche Natur ist eben wie das Büroleben: Selbst pure Kraft geht da schnell unter, wenn sie allzu naiv ist.