Jetzt wird es kompliziert: ein Nierenspieß, eine Currywurst mit Pommes, ein Glühwein, ein heißer Apfelwein mit Schuss. Dazu zweimal Pfand auf die Tassen, zweimal auf Schälchen für die Currywurst. Auf so eine Rechnung hatte Patrick Hausmann, Herr über einen der größten Stände auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt, den Teilzeitpraktikanten nicht wirklich vorbereitet. Der Profi springt ihm zur Seite und sagt wie aus der Pistole geschossen: „36 Euro“ Irgendwann, sagt er, „geht das in Fleisch und Blut über.“ Das habe dann gar nichts mehr mit Rechnen zu tun, er habe es einfach im Kopf. Nur wenn sich mal Preise erhöhten – bei Schaustellern immer in 50-Cent-Schritten, weil alles andere die Kleingeldvorräte überfordern würde - dann müsse er ein bis zwei Tage selbst wieder den inneren Zahlenautomaten nachjustieren. Ein bisschen ist das so wie bei erfahrenen Dartspielern, die auch zu jeder Zahl den idealen Weg zur angestrebten Null kennen, ohne dass sie dafür Rechenkünste vollbringen müssen. Und ein bisschen wie beim Darts kommt man sich auch hinter der Theke vor. Denn es herrscht einfach nie Ruhe. Ununterbrochen dröhnt vom nahen Karussell und aus den Lautsprechern an den diversen Verkaufsständen Weihnachtsmusik zum Arbeitsplatz hinter dem Tresen. Und von den Tischen und Sitzecken sind Gesprächsfetzen der gut gelaunten und vom Glühwein angeheiterten Weihnachtsmarktbesucher zu hören. Und natürlich strömt ständig neue Kundschaft an die Verkaufstheke. Seit 32 Jahren für Hausmanns im Dienst Aber man spürt die Freundlichkeit, mit der die Gäste um den nächsten Glühwein oder eine Portion Pommes bitten. Die Atmosphäre auf dem Weihnachtsmarkt ist einfach schön. Freundlich. Entspannt. Den Menschen tut es ganz offensichtlich gut, diesen Ort aufzusuchen und die Zeit zu genießen. „Auch bei Volksfesten sind die Leute gut drauf und haben eine gute Zeit“, sagt Hausmann. „Aber der Weihnachtmarkt ist schon ein besonderer Teil des Jahres. Das sind zwar mit der Vorbereitung fünf Wochen Stress für uns, aber es weht ein guter Geist.“ Der weht auch hinter der Bratwursttheke. Dort stehen Menschen wie Jana Eslerova und Alice Andrlova. Die beiden Tschechinnen haben stets ein Lächeln auf den Lippen, wenn sie Kunden nach ihren Wünschen fragen. Sie tuscheln auch mal kurz miteinander, sie sind hauptverantwortlich für die gute Laune bei der Arbeit. „Natürlich verdienen wir hier mit viel Arbeit unser Geld. Aber wenn das keinen Spaß machen würde, dann wären wir sicher nicht hier am Stand“, sagt Eslerova. Seit 32 Jahren kommt sie immer wieder für die großen Volksfeste aus ihrer tschechischen Heimat ins Rhein-Main-Gebiet und arbeitet seitdem stets für die „Hausmänner“, wie der Schaustellerbetrieb in der Branche genannt wird, den Patrick Hausmann gemeinsam mit seinem älteren Bruder in der Nachfolge von Vater Eddy führt. Ihre Freundin Andrlova hat sie ein halbes Jahrzehnt später „mitgebracht“, beide sind fest angestellt und arbeiten ihr Jahrespensum in den heißesten Wochen des Schaustellerjahres während Dippemess, Weihnachtsmarkt und Co. ab. Natürlich sind sie auch beim Oktoberfest dabei, das Hausmann Jahr für Jahr im Festzelt am Waldstadion organisiert. Wie auch ihre ähnlich lang angestellte Kollegin Vera Aslan haben Eslerova und Andrlova schon mit Oma Hausmann am Stand zusammengearbeitet. „Sie gehören schon fast zum Inventar“, sagt Patrick Hausmann. Er ist 38 Jahre alt und kennt seine Mitarbeiterinnen entsprechend schon aus Kindertagen. Als kleiner Junge flitzte er genau in dieser „Altstadtgrill“ getauften mobilen Gastwirtschaft, die ein Jahr vor seiner Geburt angeschafft wurde, herum, durfte selbst auch schon mithelfen. „Wir sprechen ja gerne von der Schaustellerfamilie, wenn wir über unsere Branche reden. Ich glaube, dass man das auch bei unserer Arbeit spürt“, sagt Hausmann, ein smarter und stets positiver Mensch, dem man die Liebe zu seiner Arbeit anmerkt. Er will nichts beschönigen. Es gebe natürlich auch mal Konflikte. Probleme müssten gelöst werden. Wenn etwas schiefläuft, könne das auch zu Einbußen führen. Aber es gebe eben auch große Verbundenheit und Loyalität untereinander, ohne die der Stand nicht funktionierte. Gespür für die Stimmung im Volk Schausteller zeichnet aus, dass sie mit Menschlichem, Allzumenschlichem zurechtkommen. Ihr Arbeitsalltag schult sie im Umgang, sie haben ein Gespür für die Stimmung im Volk. Und sie sind für nahezu alle Vorkommnisse gewappnet: Herrscht bei einem Volksfest übelstes Wetter, dann hoffen sie auf Sonnenschein am folgenden Wochenende. Zerbersten völlig unerwartet die für den Weihnachtsmarkt vorgesehenen Glühweintassen, wie es vor einem Jahr am Eröffnungstag geschehen ist, dann holen sie aus Lagerhallen die Bestände aus den Vorjahren und schenken eben daraus aus. In diesem Jahr war die nahezu lückenlose Einführung von Mehrweggeschirr die größte Herausforderung. „Wir fürchten bei Veränderungen natürlich immer, dass unsere Gäste das nerven könnte.“ Es sei ja schon etwas anderes, ob man seine Currywurst bekomme und 5,50 zahle, oder ob man zunächst 7,50 Euro abgeben und dann den Teller gegen Pfand zurückbringen müsse. „Aber die Leute haben fast durchweg mit Verständnis reagiert“, sagt Hausmann. Entsprechend habe es, allen Krisen zum Trotz, keine gravierenden Einbußen gegeben. Hausmann verliert auch bei unangenehmeren Themen nie die gute Laune. Und so kommt er auch mit einem etwas ungelenken Praktikanten zurecht, der selbst bei der fünften Kinderpunschbestellung in einer halben Stunde sicherheitshalber mehrmals auf die Beschriftung schaut, um nur ja nicht versehentlich einen Glühwein auszuschenken. „So eine Standbesetzung ist ein sensibles Gebilde. Wir könnten sicher nicht mit allzu vielen Anfängern wie dir in den ersten Abend eines Volksfestes starten. Das würde chaotisch werden. Aber wir finden auch da immer Lösungen“, sagt Hausmann. Ein solcher Problemlöser ist auch Larry Crichton. Er arbeitet seit 14 Jahren für Hausmann. Nicht erst seit seiner Amtszeit als Frankfurter Fastnachtsprinz vor zwei Jahren ist er ein Gesicht des Betriebs. Ein großer Teil der Gäste, die es sich im hinteren Teil des Standes an Tischen und Bänken bequem machen, scheint auch wegen Crichton zu kommen, wegen des netten kurzen Plausches, zu dem er stets bereit ist. „Wenn der Larry was kann, dann ist es schwätzen“, sagt er lächelnd über sich selbst. Nebenbei zieht er das Wechselgeld aus der Kasse und reicht es dem Gast, der einen Stapel Glühweintassen zurückbringt. Natürlich stimmt der Betrag auf Heller und Pfennig. Wie mit anderen Herausforderungen gehen Schausteller auch mit den vielen Sprachen um, die gerade die Weihnachtsmarktkundschaft spricht. Gerade hier tummeln sich Touristen aus aller Herren Ländern. Selbst eine englischsprachige Speisekarte würde da nur bedingt helfen. Stattdessen weiß man sich mit Händen und Gesten zu helfen, wenn Gäste Begriffe wie Reibekuchen, Apfelmus oder Ofenkartoffel erklärt haben wollen. Eine spanischsprachige Frau versucht es derweil mit einer Sprachen-App, die natürlich nicht ansatzweise den Mythos der „Grünen Soße“ zu übersetzen vermag. Dank eines hochgereckten Daumens des Praktikanten traut sie sich schlussendlich, das Experiment zu wagen. Und sie findet die Frankfurter Spezialität gut.
