Es hatte uns dann doch einen Stich versetzt, als das Kind seinerzeit unbedingt einen fertig gekauften Adventskalender haben wollte. Jahrelang waren die Stoffsäckchen liebevoll bestückt worden, mit Kleinigkeiten, die gewissermaßen mitwuchsen. Erst Pixi-Bücher und Fruchtquetschen, dann Lipgloss und Washi-Tape. Eines schönen Novembertages aber musste der ultimative Harry-Potter-Fankalender geordert werden. Das Internet hatte wochenlang für ihn geworben, wir brachen zusammen. Das Hochglanzding aus chinesischer Produktion, das einen stolzen Preis hatte, war zwar lustig, hielt aber nicht ganz, was es versprochen hatte. In diesem Jahr schlägt das Elternherz hoch, weil plötzlich selbst gemachte Adventskalender wieder gefragt sind. Nicht nur in unserer Familie, auch im Bekanntenkreis ist das so. Ist es eine Reaktion auf das, was uns der findige Markt mittlerweile alles anbietet? Vor ein paar Jahren waren statt mit schlichter Schokolade mit Pralinen bestückte Adventskalender großer Confiserie-Unternehmen noch Seltenheiten. Man fand sie in ausgewählten Fachgeschäften. Mittlerweile gibt es alles. Zu viel des Guten, könnte man sagen. Das Internet quillt über von Angeboten. Im Sommer noch Reste des Teebeutel-Kalenders vorhanden Es gibt den Socken-, den Müsli- und den Marmeladen-Adventskalender, den Kalender mit 24 Gewürzmischungen, den für Hund und Katze natürlich auch. Angesichts der Tatsache, dass wir Jahre gebraucht haben, um den einstmals als Geschenk erhaltenen Kosmetikpröbchen-Kalender wenigstens einigermaßen aufzubrauchen, und Reste des Teebeutel-Adventskalenders noch im Sommer in der Küche herumlagen, wollen wir uns lieber nicht ausmalen, was wohl ein „Wine and Cheese“-Adventskalender anrichten würde. Was ist von einem Schmuck-Kalender für die Dame zu halten, der von knapp 300 Euro aufwärts an zu haben ist, je nach Solvenz des Bestellers? Und warum kostet der Champagner-Adventskalender nur 30 Euro? Der Klick ins Bild erklärt, warum. Es handelt sich nicht etwa um Piccolo-Flaschen, sondern ebenso wie beim Bier-Adventskalender um winzig kleine Kunststofffläschen, die sich laut Beschreibung hervorragend als Deko-Objekte oder „für Social Media“ eignen – das System bedient sich selbst. Man wüsste gern, wie viele Leute den Kalender im Glauben bestellen, es sei wirklich Champagner drin. Für ein paar hundert Euro mehr aber gibt es auch das: Kiloschwere Riesenkartons mit Alkoholika hinter jeder Tür. Schwer vorstellbar, dass jemand täglich bis 24. Dezember leert, was ihm dieser Kalender beschert. Oder doch? Wir befüllen lieber 24 Säckchen mit klitzekleinen Kleinigkeiten.
