Weltmeisterin Anna Elendt hat bei der Kurzbahn-EM in Lublin ihre erste Medaille knapp verpasst. Die 24-Jährige schwamm über 100 Meter Brust im 25-Meter-Becken in 1:03,91 haarscharf am Podium vorbei – nur eine Hundertstelsekunde fehlte ihr zu Bronze. Den Titel sicherte sich Eneli Jefimova aus Estland (1:02,82) vor der Belgierin Florine Gaspard (1:03,73) und Anastasia Gorbenko aus Israel (1:03,90). „Zwei Hundertstel schneller und ich wäre noch viel zufriedener gewesen“, sagte Elendt: „Ich wollte Bestzeit schwimmen, dazu hat heute aber irgendwo ein bisschen was gefehlt. Insgesamt ist diese Leistung aber dennoch völlig okay zu diesem Saisonzeitpunkt.“ Anna Elendt ist zwar als Weltmeisterin nach Polen gereist, doch ganz aufs Schwimmen konzentrieren kann sie sich nicht. „Ich muss mich einloggen und zwischen den Rennen arbeiten“, erzählt die 24-Jährige, „meine Chefin ist nicht da, deshalb muss ich das machen.“ Die Schwimmerin, die im Sommer in Singapur sensationell WM-Gold über 100 Meter Brust gewann und die deutschen Rekorde über alle sechs Bruststrecken hält, ist auch Projektmanagerin bei einem Fin-Tech-Unternehmen. Nur so kann sie sich ihr Leben und ihr Training in den USA leisten. Den Teilzeitjob würde sie schon gerne etwas zurückschrauben, deshalb hat sie sich ein Management zugelegt, „damit hoffentlich ein paar Sponsorenverträge reinkommen, damit ich nicht ganz so viel arbeiten muss“. Abschluss eines chaotischen, schönen Jahres Die EM in Lublin beendet für Elendt ein „total chaotisches Jahr“. Eines, das mit Zweifeln über die Zukunft und verspätetem Trainingsstart begann, mit dem WM-Triumph seinen Höhepunkt fand und ihr im Herbst beim Weltcup in Indiana auch noch die letzten fehlenden deutschen Rekorde auf der Kurzbahn bescherte – oder, wie sie selbst sagt, „im Großen und Ganzen einfach wunderschön“ war. Zum Abschluss der Saison will sie sich in Polen „nicht so großen Druck“ machen, sondern „Leute kennenlernen, Spaß haben, den Vibe für den Rest des Jahres mitnehmen“. Wenn dabei die erste EM-Medaille ihrer Karriere herausspringen sollte, hätte sie natürlich nichts dagegen. Dabei begann die Rückkehr zu einem Wettkampf in Europa mit Hindernissen: „Wir hatten auf dem Weg von Warschau eine Vollsperrung, da hat die Busfahrt eher viereinhalb als eineinhalb Stunden gedauert.“ Doch die gute Laune lässt sich die Hessin dadurch nicht verderben. Warum auch? Sie hat deutlich schwierigere Zeiten hinter sich. Sie wollte schon aufhören mit dem Schwimmen Nach ihrem persönlichen Olympia-Debakel 2024 mit Platz 20 über 100 Meter dachte die WM-Zweite von 2022 ans Aufhören. In ihrer Wahlheimat Austin/Texas war zwischen Studium und Schwimmteam der sportliche Erfolg auf der Strecke geblieben. „Drei Jahre wieder und wieder enttäuscht zu werden, das macht natürlich keinen Spaß“. Mit dem Abschluss in Business und Sportmanagement jedoch waren die Zwänge weg, die Freude kehrte zurück. „Ich schwimme nur noch für mich“, betont sie, „es macht deutlich mehr Spaß – und es funktioniert.“ Der Teilzeitjob passt bislang zum Training, das sie mit ihrem alten Team fortsetzte, „mit Weltmeistern und Weltrekordhaltern“ und Trainer-Hochkarätern wie Bob Bowman, der einst Michael Phelps zum besten Schwimmer der Geschichte machte. „Ich fühle mich deutlich gelassener und glücklicher als in den letzten Jahren.“ Auch wenn es mitunter mal stressig wird, wenn sie zwischen ihren Rennen noch schnell dafür sorgen muss, dass die Marketing-Projekte ihrer Firma „an die richtigen Leute weitergereicht“ und „zum richtigen Zeitpunkt fertiggestellt“ werden. Ehe es für den Hauptjob ins Becken geht.
