FAZ 23.01.2026
16:21 Uhr

Schweiz bei Handball-EM: „Das war vom Himmel in die Hölle und zurück“


Andy Schmid und die Schweiz erleben bei der EM eine Achterbahnfahrt. Daheim haben sie eine untypische Handballbegeisterung entfacht. Doch nun muss der Trainer die Erwartungen bremsen.

Schweiz bei Handball-EM: „Das war vom Himmel in die Hölle und zurück“

Fünf Tage „wie im Vollwaschgang“ sind vorbei. Andy Schmid findet Zeit für einen Kaffee in Malmö. Erst das dramatische Unentschieden gegen Färöer, dann die Niederlage nach neun-Tore-Führung gegen Slowenien. Zum Schluss der Vorrunde in Oslo der Druck des Gewinnen-Müssens gegen Montenegro, dem sein Team beim 43:26 souverän standhielt: „Das war vom Himmel in die Hölle und zurück“, sagt Schmid, der 42 Jahre alte Trainer der Schweizer Handball-Nationalmannschaft. Immerhin waren seine norwegische Frau Therese samt Verwandtschaft und die beiden Kinder bei den Auftritten in Oslo dabei. 30 Karten musste er besorgen. Das sorgte für etwas Wohlfühlatmosphäre inmitten der ganzen Aufregung. Er ist mit seinen Spielern nun von Norwegen nach Schweden weitergereist. Dort geht es in der Hauptrunde dieser Europameisterschaft ab Freitag im Zwei-Tages-Rhythmus gegen Ungarn, Kroatien, Island und Schweden weiter. Lautet das Ziel Halbfinale? Schmid lacht und sagt: „Wir wollen in jedem Spiel maximalen Erfolg. Aber das wollen andere auch. Ich sage meinen Jungs immer, als Running Gag, wir können gegen alle gewinnen – außer Dänemark.“ So etwas zu behaupten, ist unerhört für eine kleine Handball-Nation wie die Schweiz. Zu seiner aktiven Zeit war die Qualifikation für die Großturniere das höchste der Gefühle. Nun erwartet die Öffentlichkeit die Endrunden-Teilnahme, mehr noch: Siege bei Endrunden. „Da muss ich Erwartungen bremsen“, sagt Schmid, der mit seinem Team in der Heimat eine untypische Handballbegeisterung mitten in der Wintersportsaison entfacht hat: „Die Ergebnisse sind nicht selbstverständlich.“ Neun Bundesligaspieler im Kader Seit er die Schweizer vor zwei Jahren als Coach anführt, hat sich vor allem das Mindset geändert. Er ist es aus seinen zwölf Jahren bei den Rhein-Neckar Löwen gewohnt, höchste Ziele anzugreifen; Schmid war Mitte der zehner Jahre als Spielmacher und Torschütze prägende Figur der Löwen, deutscher Meister 2016 und 2017. Diese Haltung hat er der „Nati“ nach und nach eingepflanzt: „Die Herangehensweise gerade der jungen Spieler ist eine andere. Sie sitzen quasi auf gepackten Koffern und wollen in ihre Auslands-Karriere starten. Sie sehen, dass es möglich ist.“ Neun Bundesligaspieler stehen in seinem Kader; darunter in Torwart Nikola Portner vom SC Magdeburg, Kreisläufer Lukas Laube vom THW Kiel und dem Lemgoer Abwehrspezialisten Joel Willecke welche, die bei Spitzenklubs ihr Geld verdienen. Einer wie Mehdi Ben Romdhane ist auf dem Sprung nach Deutschland. Vor zehn Jahren war Andy Schmid noch einziger Schweizer in der Bundesliga. „Ich bin ein junger Trainer im kalten Wasser“ Schmid ist ein junger Trainer, ein Lernender. Er sagt zu seiner Art der Führung: „Ich fühle mich manchmal wie morgens, wenn ich meinen Sohn zur Schule bringe. Fünfmal komme ich mit, beim sechsten Mal geht er allein. Bei den Spielern stelle ich mir die Frage, wie lange lasse ich sie fliegen, wann hole ich sie wieder runter? Das ist ein schmaler Grat.“ Gegen Slowenien vertraute er ihnen sehr lange, ließ sie machen – bis es zu spät war. Hätte eine frühere Auszeit geholfen? Das Momentum war gekippt, die Slowenen zogen vorbei: „In solchen Phasen fehlen uns die Champions-League-Spieler, die so etwas schon oft erlebt haben. Die wissen, wo ihre Ankerpunkte im Spiel sind.“ Die Schweizer als Vorreiter Eigene Fehler preist er ein: „Ich bin ein junger Trainer im kalten Wasser.“ Mit einigen wie Lenny Rubin oder Lucas Meister hat Schmid noch für die Schweiz zusammengespielt. Es sei nicht immer einfach, ihr „Chef“ zu sein: „Wir haben eine flache Hierarchie“, sagt Andy Schmid, „aber es muss klar sein, dass alle in die selbe Richtung gehen. Auf dem Feld und daneben. Das lebe ich vor.“ Leistungs-Kultur nennt er das. Schmid will nicht nur erfolgreich sein mit seinen Schweizern. Er möchte attraktiven Handball anbieten: „Ich will mixen. Mal Sieben gegen Sechs, mal mit vier Rückraumspielern, mal im Sechs gegen Sechs.“ Dass taktische Varianten und Mut erfolgreich sein können, beweisen auch andere „kleine“ Handballnationen wie Österreich oder die Färöer. Schmid sagt: „Das ist vergleichbar mit der Bundesliga. Die unteren kopieren die Großen und rücken näher an die Topteams heran. Die Luft oben wird immer dünner. Bei den kleineren Vereinen oder Nationen ist hingegen sehr viel Entwicklungspotential.“ Auch im Stab hat Schmid genaue Vorstellungen, wie die Dinge zu sein haben. Es war ihm sehr wichtig, zwei Assistenten zu bekommen, weil das Spiel so schnell geworden sei, dass nicht einer allein den Überblick behalten könne. Hier sind die Schweizer Vorreiter. Seine wertvolle Arbeit als Nationaltrainer bleibt niemandem verborgen. Sein Name fällt, wenn es um die Nachfolge Alfred Gislasons ab März 2027 geht. Schmid will davon nichts wissen, sagt aber: „Wenn der DHB nur eine Sekunde an mich gedacht hat, ist das eine Ehre.“ Es soll für ihn noch weit hinaus gehen in der Laufbahn als Handballtrainer: „Ich merke, dass ich das kann.“