FAZ 12.12.2025
08:54 Uhr

Schwedens Armeechef: „Wir waren geradezu mariniert im Glauben an Amerika“


Russlands Aggressionen nehmen zu. Im Interview spricht Schwedens Generalstabschef über Putins Absichten, Europas Selbstmitleid – und darüber, was es bedeutet, wenn die Kronprinzessin Offizierin wird.

Schwedens Armeechef: „Wir waren geradezu mariniert im Glauben an Amerika“

Herr Oberbefehlshaber, wenn es um die Wehrpflicht geht, schaut Berlin auf Schweden, wo sich gleichberechtigt viele Frauen und Männer freiwillig zum Dienst in den Streitkräften melden. In Deutschland geht es um Männer und Zwang. Was ist beim Wehrdienst Schwedens Erfolgsgeheimnis? Wir sind 2017 zum Wehrdienst zurückgekehrt. Inzwischen ist es eine Wehrpflicht: Alle Frauen und Männer werden per Mail angeschrieben und müssen Auskunft geben über Gesundheitsstatus, Fähigkeiten und Motivation. Aus diesen ungefähr 106.000 Personen werden 30.000 für die Musterung ausgewählt. Davon werden knapp 10.000 pro Jahr eingezogen. Die müssen dann zwischen neun und 15 Monate zum Militär, abhängig davon, wofür wir sie benötigen. Daraus bilden wir die aktiven Streitkräfte und eine aktive Reserve, die jederzeit einberufen werden kann – und zwar von mir als Oberbefehlshaber. Ich brauche dann keine politische Entscheidung mehr, sondern kann sofort handeln. Für die aktive Reserve existiert das vollständige Equipment, Fahrzeuge und Verbandsstrukturen, und wir rufen sie regelmäßig zu Übungen. Das alles verschafft uns Handlungsfreiheit für alle Herausforderungen und Szenarien. Russlands Aggressionen nehmen zu. Sind Sie besorgt, dass es der Bundeswehr, Ihrem stärksten Partner im Ostseeraum, nicht gelingt, rechtzeitig so stark zu werden, dass Russland abgeschreckt und notfalls abgewehrt wird? Das würde ich nicht sagen. Alle westlichen Armeen haben über eine längere Zeit wenig Ressourcen bekommen, die Bundeswehr ebenso wie die schwedische Armee. Das wieder aufzubauen, ist komplizierter, als viele meinen. Geld allein bedeutet da noch nicht militärische Schlagkraft. Es dauert. Das Wort „Zeitenwende“ zeigt uns: Deutschland meint es ernst. Und was die Bundeswehr in den baltischen Staaten macht, ist massiv. Dass deutsche Truppen ganz vorne stehen, an der Front sozusagen, das ist unglaublich wichtig. Schweden hat nach mehr als 200 Jahren seine Bündnisfreiheit aufgegeben und ist der NATO beigetreten. Damals war die Stimmung euphorisch. Aber jetzt mehren sich Zweifel, ob die USA im Falle eines Konflikts im Ostseeraum wirklich zu Hilfe kommen. Was hat der Beitritt dem Land also gebracht? Delikates Thema. In allen bilateralen Treffen oder Begegnungen auf NATO-Ebene sind unsere amerikanischen Partner total verlässlich. Es gibt keinen Hinweis, dass sie nicht gemäß Artikel 5 des NATO-Vertrags an unserer Seite wären, wenn wir sie brauchen. Allerdings geht es um gerechte Lastenverteilung, das haben alle Präsidenten seit Eisenhower in der einen oder anderen Weise gefordert. Ja, es stimmt, diese US-Regierung klingt teilweise anders, aber wir hängen auch voneinander ab. Und wenn sich Dinge ändern, dann sollte es so geschehen, dass keine Seite einen Nachteil davon hat. Wenn man die Lage betrachtet und fragt, ob Russland die NATO angreifen will, lautet meine Antwort: Nein. Denn da würden sie verlieren. Aber Russland will die NATO schwächen und spalten. Und das müssen wir verhindern. Dachten die Schweden nicht auch – wie die Deutschen seit Jahrzehnten –, die überragende militärische Stärke Amerikas würde sie schützen? Ja, wir waren geradezu mariniert in diesem Glauben. Das ist Teil des Problems. Es geht dabei aber nicht um Amerikas veränderte Politik und neue Herausforderungen anderswo. Sondern darum, wie wir uns selbst bedauern. Wir müssen unser Bestes tun, um als Europäer gemeinsam stark zu werden. Als Europäer und als europäische Alliierte der Vereinigten Staaten. Ist die Nähe, die Deutschland und Schweden zueinander suchen, Ausdruck dieser veränderten Lage und der Möglichkeit, dass Amerika anderswo gefordert sein könnte – sagen wir in Taiwan – und Russland die Gelegenheit nutzen könnte? Es gibt eine enge und gute Zusammenarbeit unserer Länder, deren größtes Hindernis war, dass wir nicht Alliierte in der NATO waren. Das ist nun Geschichte. Wir können und wollen die Zusammenarbeit vertiefen. Ein heikles Thema ist hierzulande die Zukunft des deutsch-französischen FCAS-Projekts eines Kampfflugzeugs. Schweden hingegen baut weiterhin eigene Kampfflugzeuge – können und wollen Sie sich das in Zukunft weiter leisten? Es ist etwas zu früh, um das zu sagen. Wir waren eine Weile Teil des britischen Projekts, aber das haben wir verlassen, weil unsere Ziele nicht zueinanderpassten. Das Geschehen rund um FCAS beobachten wir sehr interessiert, aber wir verfolgen derweil unser eigenes Projekt weiter, auch um eine solide technologische Basis für alle Eventualitäten zu haben. Das könnte in das eine oder andere Projekt passen. Wir haben drei Optionen: eine Eigenentwicklung, eine Kooperation mit anderen Nationen oder einen Kauf bei einem Anbieter. Der militärische Ratschlag dazu soll bis 2028 erfolgen. Spätestens. Deutschland hatte gedacht, das 100-Milliarden-Projekt eines Kampfflugzeugs könnte nur gemeinsam mit Partnern gestemmt werden. Wäre das nicht für Schweden, das doch ein wenig kleiner ist, eine etwas zu kostspielige Herausforderung? Ja, gut beobachtet. Das müssen wir bedenken, und es ist ein komplexes Projekt. Wir brauchen am Ende eine gute Balance. Im Ostseeraum wird davon ausgegangen, dass Wladimir Putin schon bald das Bündnis etwa in den baltischen Staaten testen könnte. Für wie wahrscheinlich halten Sie das? Ich halte das für nicht unwahrscheinlich. Das ist ein mögliches Szenario und vielleicht gar nicht so lange hin. Für je schwächer Putin uns hält, desto größer das Risiko, dass er auf irgendwelche Ideen kommt. Welche Rolle kommt im Falle eines russischen Angriffs auf Schweden zu? Wir sehen uns als integralen Bestandteil auch der Verteidigung des Baltikums. Wir sind Teil der NATO-Planung dazu. Wir denken über Truppen in Finnland nach; das schwedische Bataillon in Lettland wird im Rahmen einer kanadischen Brigade bleiben. Dass wir eine Brigade ins Baltikum schicken, ist nicht festgelegt, aber auch nicht ausgeschlossen. Der Raum möglicher Bedrohung reicht für uns von der schwedischen Westküste mit dem Hafen Göteborg über die Ostsee bis hinauf in den hohen Norden. Dazwischen müssen wir ständig abwägen und dürfen nichts vernachlässigen. Das gilt auch für technologische Entwicklungen. In der schwedischen Armee dient derzeit die schwedische Kronprinzessin Victoria. Sie hat vor rund 20 Jahren bereits eine Grundausbildung absolviert, nun wird sie Offizierin. Welche Botschaft bringt die Monarchie damit zum Ausdruck – und was halten die Soldaten von ihrer königlichen Kameradin? Die Kronprinzessin ist eine sehr überzeugende Persönlichkeit, die eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen hat. Als Vorbild für die schwedische Gesellschaft ist sie unbezahlbar. Es bedeutet unendlich viel für die schwedische Gesellschaft und das schwedische Militär, dass da jemand vom Königshaus wie sie steht und sagt: Verteidigung ist wichtig, ich trage das in meinem Herzen. Vor allem ist sie auch ein Vorbild für junge Frauen, die zu unseren Streitkräften kommen.