Der „Tatort: Das jüngste Geißlein“ beginnt märchenhaft. „Es war einmal“, hört die kleine Eliza auf ihrer Märchenkassette immer und immer wieder, „eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein, und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat.“ Eines Tages musste die Geiß in den Wald, um Futter zu holen, rief ihre sieben Kinder herbei und sprach die Warnung vor dem bösen Wolf aus. Dem entkommt nach der Überlieferung der Brüder Grimm bekanntlich zunächst nur das siebte Geißlein, das sich in der Standuhr versteckt. Ist der Kommissar etwa selbst verdächtig? Genau dort findet Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) die kleine Eliza (Hanna Heckt). Brötchen hatte er holen wollen. Der Bäckerin im Dorf tat er den Gefallen, auf dem Rückweg bei „ihrer Rumänin“ Valea (Viorica Prepelita) vorbeizuschauen, die nicht zur Arbeit erschien. Auf dem abgelegenen Gehöft hört Berg das Wimmern des Mädchens. Bevor er Eliza findet, entdeckt er die Blutspuren im Haus. Sie sind unübersehbar. Der Kommissar ist freilich gar nicht im Dienst. Er ist, nachdem sein Bruder ums Leben und herausgekommen ist, dass auf dem Hof seiner Eltern die Leiche des ermordeten Vaters vergraben war, suspendiert. Also muss die Kollegin Franziska Tobler (Eva Löbau) allein ran. Doch sie findet, wie allen anderen, keinen Zugang zu Eliza. „Selektiver Mutismus“, sagt die Psychologin Dr. Kaltenstein (Mina Tander): Eliza kann sprechen, aber sie tut es so gut wie nie. Sie redet nur mit Kommissar Berg. Der hat mit dem zur Beruhigung angestimmten Lied „Bruder Jakob“ die richtige Tonlage gefunden. „Du bist ihr Retter“, sagt Tobler. Für die anderen Kollegen ist Berg indes ein Verdächtiger: zuerst die Leiche seines Vaters (den sein Bruder umgebracht hat) im Keller, jetzt als Erster am Tatort. Die nur scheinbar spröde Kommissarin Tobler fährt aus der Haut („Ihr spinnt ja wohl alle“) und der sich seltsam verhaltenden Psychologin, die anfängt, an ihr herumzudoktern (sie wolle Berg als ihren Partner zurück und projiziere das auf den Fall), in die Parade. „Märchen gehen immer gut aus“ Doch das hilft nicht weiter. Elizas Mutter bleibt verschwunden, deren Freund findet die Polizei erstochen im Wasser, die Taschen seiner Jacke voller Steine. Wie reimt sich das zusammen? Der Lösung des Falls nähern sich Tobler und Berg erst, als sie Elizas Perspektive auf die Familientragödie nachvollziehen. Als Zuschauer haben wir den Kommissaren eines voraus: Wir haben die sechs anderen Mädchen in weißen Kleidern vor Augen, die nur Eliza sieht. Mit ihnen verbindet sich des Rätsels Lösung. Einen Krimi derart ins Horrorfach zu verlegen und einen Klassiker der Grimm’schen Märchen aufzugreifen, mit einem Kind von neun Jahren in der Hauptrolle, das kann leicht misslingen. Doch hier gelingt tatsächlich alles. Wie Hanna Heckt ihre Rolle ausfüllt, ist beachtlich; wie die Drehbuchautoren Ulrike Schölles und Rudi Gaul und Letzterer als Regisseur ihr diese Geschichte nahegebracht haben (mit einem eigenen, wie ein Märchen geschriebenen Drehbuch), ist es auch. Eliza, die beiden Kommissare, die undurchschaubare Psychologin – das Quartett schlägt einen in Bann. Musik (Verena Marisa) und Kamera (Stefan Sommer), die im Dunkel immer näher an eine Haustür heranfährt, an der jemand pocht, tun dies von Anfang an – das muss der böse Wolf sein. Eliza erträgt das alles stoisch, weil sie weiß: „Märchen gehen immer gut aus. Der Wolf stirbt.“ Doch wer ist der Wolf? Mit einem märchenhaften Ende entlässt uns der Krimi nicht. Wohl aber mit einem schönen Cliffhanger, was die Zukunft der Kommissare angeht. Der Tatort: Das jüngste Geißlein läuft am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD und in der Mediathek.
