So können Olympische Spiele für deutsche Sportler also zu Ende gehen: Mailand, Messegelände, Samstagnachmittag. Fridtjof Petzold geht allein durch die Mixed Zone, die weißen Schlittschuhe in der Hand. „Schlecht“ sei es gelaufen im Massenstartrennen der Eisschnellläufer. Und dann erzählt Petzold, in ruhigem Ton und nüchterner Sprache, wie er die vergangenen Wochen erlebt hat. Nämlich als permanente psychische Belastung, geprägt von Auseinandersetzungen mit dem Berliner Bundestrainer Alexis Contin, den er dazu habe überreden müssen, sich um ihn zu kümmern bei diesen Spielen. Nicht immer, sagt Petzold, der nach der vergangenen Saison von Berlin nach Erfurt gewechselt war, sei ihm das gelungen. Später auf Petzolds Darstellung angesprochen, sagte Nadine Seidenglanz, Sportdirektorin der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), das könne sie so „absolut nicht“ bestätigen, Petzold habe die abgesprochene Betreuung erfahren. Nadine Seidenglanz kümmerte sich in Mailand um die Pressearbeit des Verbands – und ist mit Alexis Contin verheiratet. Mit so einer Aufstellung kann ein deutscher Spitzensportverband in Olympische Spiele im Jahr 2026 ziehen: Die Sportdirektorin verteidigt als Pressesprecherin den eigenen Ehemann gegen (nicht zum ersten Mal, nur zum ersten Mal öffentlich erhobene) Vorwürfe der eigenen Sportler mit Blick auf die von diesen als mangelhaft empfundene Arbeit. DESG-Präsident Matthias Große ist den Spielen ferngeblieben, die Klagen über seine Amtsführung häufen sich, auch Petzold sagt, der Verband werde unprofessionell geführt, Vetternwirtschaft präge das Bild. Tony Seidenglanz, der Bruder der Sportdirektorin, arbeitet als Bundesstützpunkttrainer Nachwuchs in Berlin. Die größten Probleme machen sich viele Sportverbände selbst Wenn also nun wieder mal analysiert wird, vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und den Spitzenverbänden, warum denn bloß die Erfolgsquote auch bei Winterspielen sinkt, dann sollte sich der Blick dringend auf die Verbände richten: auf die DESG, aber auch auf die Führungskultur im Skibergsteigen. Die größten Probleme des deutschen Sports sind weder angeblich unmotivierte Nachwuchssportler noch fehlendes Geld. Die größten Probleme machen sich auch andere deutsche Sportverbände selbst – und wenn sie erkannt werden, Petzold ist beileibe nicht der erste Sportler, der sich öffentlich über die DESG beklagt, folgt daraus – viel zu oft gar nichts. Matthias Große ist seit 2020 Präsident der DESG und war angetreten, „Kufenträume“ wahr werden zu lassen. Selbst wenn man nun unterstellt, dass er seinen Verband in geradezu idealtypischer Weise führt und es sinnvoll ist, möglichst viele Funktionen unter möglichst wenigen Vertrauten mit Familienbindung zu verteilen, bleibt festzuhalten: Erfolg bei Olympischen Spielen ist so offenbar nicht zu haben. Wie in Peking liefen die deutschen Eisschnellläufer in Mailand hinterher. Und anders als in Peking war Deutschland im Shorttrack nicht mal vertreten. Was folgt nun daraus? Als die „Sportschau“ neulich über Missstände in der DESG berichtete, teilte der Deutsche Olympische Sportbund mit, für interne Angelegenheiten seien die Verbände selbst verantwortlich. Mangels Zuständigkeit und Kenntnis äußere man sich nicht. Und so bleibt als Fazit auch dieser Spiele: Das größte Problem im deutschen Sport sind nicht die Sportlerinnen und Sportler.
