FAZ 27.05.2026
18:45 Uhr

Schutz vor Abstieg: Einmal oben, immer oben


Wer den gesellschaftlichen Aufstieg geschafft hat, kann darauf bauen, dass sein Netzwerk den Abstieg verhindert. Die sozialen Kontakte müssen allerdings bestimmte Bedingungen erfüllen.

Schutz vor Abstieg: Einmal oben, immer oben

Der Weg zu einem kleinen Vermögen wird bekanntermaßen dadurch erleichtert, dass man mit einem großen beginnt. Dieser Tipp hilft den meisten zwar nicht weiter, ist aber dennoch realistisch: Aufstiegschancen hängen von den Startvoraussetzungen ab – und selbst wenn diese gut sind, kann man sie verschleudern. Faktisch gelingt es jedoch vielen, ein vorhandenes Vermögen zu vermehren oder zumindest zu erhalten. Das liegt auch an sozialer Unterstützung. Entscheidend ist nicht Reichtum, sondern Rückhalt in einem Netzwerk, das Chancen verteilt, Verluste abfedert und Pech in eine Unannehmlichkeit verwandeln kann. Wer oben bleibt, ist dort selten allein. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der am MIT tätigen Soziologin Shay O’Brien belegt dies anhand der Oberschicht der Stadt Dallas. Sie analysiert einen Datensatz, der für den Zeitraum von 1841 bis 1963 Informationen über mehr als 20.000 Personen, ihre Verwandtschaftsbeziehungen, ihren Wohlstand, ihre politische Macht und ihren sozialen Status enthält. Diese Individuen waren erstaunlich eng miteinander verknüpft: 78 Prozent von ihnen waren durch nahe Verwandtschaft in ein großes Familiennetz eingebunden. Wichtige Schaltstellen in diesem Netzwerk waren sogenannte „kinship interlocks“. Diese entsprechen den aus der Wirtschaftssoziologie bekannten „board interlocks“: Verflechtungen, die entstehen, wenn dieselben Personen in mehreren Aufsichtsräten sitzen. Im verwandtschaftlichen Zusammenhang bündelt ein „kinship interlock“ die Nähe zu drei Ressourcen: Geld, Macht und Status. Wohl dem, zu dessen Verwandten eine Millionärin, ein Lokalpolitiker und ein anerkannter Wohltäter gehören und der auf ihre Hilfe zählen kann. Agnes und Betty – gleich, aber doch anders Über solche Familienverflechtungen konnte sich die Oberschicht jahrzehntelang reproduzieren. Sie gewährten einerseits Schutz: Ein geschrumpftes Vermögen konnte durch Status ersetzt, ein Skandal durch politische Beziehungen abgefedert, eine mögliche Strafverfolgung durch eine informelle Intervention verhindert werden. Andererseits waren sie Laufbänder des Aufstiegs: Heiraten, Erbschaften und Clubmitgliedschaften ermöglichten Mobilitätssprünge, die anschließend – mit entsprechender Unterstützung – verstetigt werden konnten. Die Familie fungierte nicht als Privatsphäre neben Markt und Politik, sondern war selbst ein Forum für wirtschaftliche und politische Transaktionen. Aufschlussreich ist die Gegenüberstellung der Biographien von Agnes und Betty, zweier protestantischer Hausfrauen der Oberschicht, deren Geburts- und Todeszeitpunkte nahe beieinanderlagen. Sie hinterließen ähnlich große Nachlässe. Doch während Agnes’ Nachkommen aus der Oberschicht verschwanden, bewahrte Bettys Familie ihren privilegierten Status bis heute. Der Unterschied lag im Netz. Agnes war eine Aufsteigerin, aber randständig eingebunden; aufgrund ihrer Positionierung in einem „kinship interlock“ verfügte Betty hingegen über Besitz, Macht und Prestige. Die eine hatte ein Vermögen, die andere eine Infrastruktur. Das ermöglichte ihr und ihren Nachfahren, ihren Status durch hochkarätige Eheschließungen und lukrative Verdienstmöglichkeiten zu sichern und auszubauen. Gleichzeitig waren sie weitgehend vor der größten Bedrohung für ihren Status geschützt: dem Skandal. Abstiege aus der Oberschicht erfolgten oft plötzlich als Reaktion auf rufschädigende Katastrophen. Bettys Nichte schmuggelte jahrelang verbotene Verhütungsmittel nach Dallas, ohne dass die Gesetzeshüter einschritten. Diese Infrastruktur war weder universalistisch noch geschlechtergerecht. Frauen pflegten den Status und die Verbindungen, Männer kontrollierten Kapital und Ämter. Die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Eliten waren nahezu vollständig weiß und christlich. Nicht in dieses Raster passende Familien konnten reich werden, ohne richtig dazuzugehören. Die Nachfahren des jüdischen Kaufmanns Meyer Lichtenstein zum Beispiel etablierten mit dem Nobelkaufhaus Neiman-Marcus zwar den Konsumtempel der Oberschicht, doch der Zugang zu den exklusivsten Clubs der Stadt blieb ihnen verwehrt. Auch wer mit Statussymbolen handelte, unterlag den Regeln des Statuserwerbs. Für die Soziologie sozialer Ungleichheit bleibt das historische Beispiel instruktiv. Die Vermessung von Haushalten und Individuen schneidet meist die Beziehungen ab, in denen Privilegien zirkulieren. Für den langfristigen Statuserhalt sind jedoch nicht allein die Entscheidungen und Leistungen der Individuen verantwortlich, sondern auch, inwiefern andere diese unterstützen oder, wenn nötig, deren Folgen abfedern und kompensieren können. O’Brien, S. (2026). Kinship interlocks: How the intimate exchange of wealth, status, and power generates upper-class persistence. American Sociological Review, 91(2), 191–226.