Es ist mal wieder Schulstreik. Doch diesmal geht es nicht um das Klima, sondern um die Wehrpflicht. Der 15 Jahre alte Mauris hat sich vorbereitet. Damit er an diesem Freitag in Berlin gegen das neue Wehrgesetz demonstrieren kann, hat er sich von seiner Mutter in der Schule entschuldigen lassen. Der Schulleiter habe am Vortag noch eine entsprechende Rundmail geschickt. Mauris will dabei sein. Denn er und viele andere hier seien dagegen, dass sie vom Staat als „Mittel“ behandelt werden und nicht als Personen. „Wenn man gemustert wird, kommt es wahrscheinlich schnell dazu, dass man auch eingesetzt wird“, sagt er. Das Thema Krieg sei zumindest im Hintergrund sehr präsent. Tausende Schüler haben ihrem Unmut über das neue Wehrgesetz am Freitag Luft gemacht. Statt in die Schule zu gehen, demonstrierten sie, in Hamburg, Dresden, Frankfurt – und in der Hauptstadt Berlin. In Berlin-Kreuzberg sammeln sich mittags am Halleschen Tor vor allem Jugendliche. Sie rauchen und scherzen, während sie in der Kälte darauf warten, dass es losgeht. Ein paar Kilometer Luftlinie entfernt hat der Bundestag das Gesetz zum neuen Wehrdienst beschlossen. Demnach sollen von 2026 an alle 18 Jahre alten Männer und Frauen einen Fragebogen zugeschickt bekommen, für Männer ist die Beantwortung verpflichtend. Sie sollen von Mitte 2027 an gemustert werden. Aus der Musterung folgt jedoch zunächst keine Pflicht – der Wehrdienst bleibt freiwillig. „Nicht für den Streit anderer Politiker sterben“ Die Demonstranten vertrauen darauf nicht. Kurz vor der Berliner Kundgebung eilen Menschen mit hellblauen Warnwesten und händisch beschrifteten Armbinden umher. Sie gehören zum Organisationsteam, das den Protest unter dem Motto „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ ins Leben gerufen hat. Auch Ronja und Selma tragen blaue Westen, sie sind für die Pressearbeit zuständig. In der Schule habe sie gelernt, dass Gewalt keine Lösung sei, sagt Selma, die dem Jahrgang 2008 angehört, der nach dem neuen Wehrdienstgesetz zur Musterung geschickt werden soll. Sie finde es nicht richtig, dass ihre gleichaltrigen männlichen Freunde zur Musterung verpflichtet werden. „Ich habe Angst, dass auch ich irgendwann eingezogen werde“, sagt sie außerdem. Der Streik sei die einzige Möglichkeit für sie, die Stimme zu erheben – an der letzten Bundestagswahl durfte sie noch nicht teilnehmen. Ronja ist 23 Jahre alt und daher nicht direkt betroffen, möchte eine mögliche Ausweitung des Gesetzes aber ebenfalls nicht in Kauf nehmen. Zudem sieht sie einen möglichen Angriff Deutschlands durch Russland als unwahrscheinlich an. „Ich denke an meine männlichen Freunde und meinen Bruder“, sagt die 16 Jahre alte Merle. „Ich will nicht, dass sie für den Streit von anderen Politikern sterben müssen.“ Auch ihre Eltern unterstützen ihr Engagement, ihre Schule rechnet ihr aber einen Fehltag an. 3000 Menschen haben sich nach Angaben der Polizei am Halleschen Tor versammelt. Auf dem Instagramaccount von „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ spricht Ronja von 5000 Teilnehmern, in ihrer Whatsappgruppe ist später sogar von 10.000 die Rede. Viele von ihnen haben selbstgebastelte Schilder mitgebracht: „Wir wollen Waffeln statt Waffen“ steht darauf, „Jugendzentren schließen, aber junge Menschen in den Krieg schicken“ oder „Mustert euch doch selbst“. Ein Vater fotografiert seine beiden Söhne im Grundschulalter, die ein Banner mit einem Zitat in Anlehnung an das Anti-Kriegslied von Reinhard Mey hochhalten: „Nein, meine Kinder geb’ ich nicht!“ Auch Fahnen der Friedensbewegung, der antifaschistischen Aktion und Palästinaflaggen wehen in der Menge. Auf Instagram hatten die Organisatoren vorab darum gebeten, nicht durch andere Fahnen vom eigentlichen Thema des Streiks abzulenken. Fast zwei Stunden nach Beginn der Veranstaltung setzt sich der Demonstrationszug in Richtung Oranienplatz in Bewegung. Dort schließt sich um 16 Uhr eine weitere Demonstration an. Laut Polizei bleiben beide Veranstaltungen friedlich und ohne besondere Vorkommnisse. Bereits um 13 Uhr hätten mehr als 40.000 Schüler in 80 Städten gestreikt, gibt „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ am Nachmittag in einem Instagram-Post bekannt. Der nächste Streik in Berlin soll am 5. März 2026 stattfinden.
