FAZ 26.11.2025
14:15 Uhr

Schulreform: Luxemburg diskutiert über deutschsprachige Lyzeen


Die Bedeutung der Sprachen in Luxemburgs Schulen wandelt sich. Es gibt mehr Wahlfreiheit und mehr Angebote. Bislang profitierte davon vor allem das Französische, nach dem Willen der Grünen könnte Deutsch folgen.

Schulreform: Luxemburg diskutiert über deutschsprachige Lyzeen

Ein Merkmal der luxemburgischen Tradition ist die Mehrsprachigkeit mit den Amtssprachen Luxemburgisch, Französisch und Deutsch. Anders als in Belgien lernt man in den staatlichen Schulen Luxemburgs alle drei Amtssprachen auf hohem Niveau. Inzwischen aber fühlen sich davon viele junge Menschen überfordert. Zudem sinkt die Bedeutung des klassischen Sprachenunterrichts im Curriculum. Naturwissenschaften sowie Englisch werden wichtiger, der Staat fördert das politische Fach „Vie et société“ und mehr Sportstunden. Nun setzt Bildungsminister Claude Meisch von der liberalen Partei eine Bildungsreform um. Die Pflichtalphabetisierung in der deutschen Sprache wird abgeschafft, Erstklässler können alternativ Französisch als Hauptsprache wählen. Allerdings bleibt abzuwarten, ob die Trennung in frankophone und germanophone Klassen funktioniert. Bislang konnten in einer Sprache schwache Schüler von den starken Schülern profitieren. Nun wären die Gruppen oft getrennt. Aus Testschulen hörte man gelegentlich auch, dass Migranten eher die französischsprachigen Klassen wählen und Eingesessene zur Hauptsprache Deutsch neigen. In der jüngsten Wahlumfrage konnten die Rechtskonservativen, die eine Frankophonisierung ablehnen, deutlich hinzugewinnen. Die Mehrheit der Parteien unterstützt dagegen die Wahlfreiheit. Mehr Wahlfreiheit bei den Sprachen Nun hat die grüne Parlamentsabgeordnete Djuna Bernard die Debatte erweitert. Sie schlug vor, dass es in den weiterführenden Schulen einige Klassen mit der Hauptsprache Deutsch geben sollte. Bislang werden die meisten Fächer in den klassischen Lyzeen, zumal in den Jahren vor dem Abitur, in französischer Sprache unterrichtet. Das könnte germanophone Kinder benachteiligen, meinte Bernard. Für sie selbst habe das Französische eine große Herausforderung dargestellt. Die grüne Politikerin berichtete aus ihrer Schulbiographie, dass die Noten in Geschichte oder Chemie einbrachen, als diese Fächer plötzlich nicht mehr auf Deutsch, sondern auf Französisch unterrichtet wurden: „Nicht wegen Unwissenheit, sondern wegen der Sprache.“ Manche Schüler könnten ihr Wissen eher in der deutschen Sprache unter Beweis stellen. Minister Meisch verwies im Parlament auf die von ihm eingeführten Europäischen Schulen in Luxemburg. Dort gebe es auch germanophone Sektionen. Allerdings ist es in Luxemburg kein Geheimnis, dass das Niveau der Europäischen Schulen in allen Sektionen wohl geringer ist als das der klassischen Lyzeen. Zum Vorschlag deutschsprachiger Lyzeen hatte Minister Meisch „noch keine abschließende Antwort“. Gäbe es eine durchgehende germanophone Schule, müsste es auch eine durchgehend frankophone Schule geben, sagte er. Bisher werden die Sprachen gemixt. Das spiegelt das luxemburgische Verständnis von Mehrsprachigkeit wider. Ohne Luxemburgisch geht es nicht In den nächsten Monaten wird Meisch neue Lehrpläne vorstellen. Erwartet wird mehr Vielfalt bei der Sprachenwahl in Fächern und Klassenstufen. Die Pläne gelten freilich nur für die staatlichen Schulen. Viele private Schulen haben in Luxemburg einen deutlichen Schwerpunkt im Französischen. Deutsch und Luxemburgisch fristen dort nur ein Schattendasein. Wer jedoch nicht alle Sprachen versteht, hat es schwer im Land. Im öffentlichen Dienst hat sich das zunächst nur mündlich existente Luxemburgisch zu einer Schriftsprache der behördeninternen Kommunikation entwickelt. Französisch wird dort von vielen nur äußerst ungern gesprochen – ein Grund ist auch, dass die Vermittlung der Sprache in manchen Lyzeen noch sehr altbacken ist. Jüngst berichteten die Buchhändler des Landes, dass junge Menschen ihre private Literatur inzwischen am liebsten in der englischen Sprache bestellen.