FAZ 13.01.2026
16:07 Uhr

Schulden Verpackt: Warum Sondervermögen zu Recht das „Unwort des Jahres“ ist


Das Ehepaar Christo und Jeanne-Claude umhüllte einst den Reichstag. Und auch Politik kann man als Verpackungskunst beschreiben – zum Beispiel, wenn gigantische Schulden zum „Sondervermögen“ werden.

Schulden Verpackt: Warum Sondervermögen zu Recht das „Unwort des Jahres“ ist

Wer an Politik denkt, denkt nicht un­bedingt an Kunst und Kultur. Das Ringen um Kompromisse ist meistens hart und zäh, zumindest gilt das hierzulande für das Regieren in Koalitionen, weniger für Präsident Donald Trump in den Vereinigten Staaten, der offenbar machen kann, was er will. In Deutschland gilt immer noch das dem „Eisernen Kanzler“ zugeschriebene Zitat: Politik ist die Kunst des Möglichen. Um das schier Unmögliche möglich zu machen, greifen die Politiker aller Parteien gern in die sprachliche Trickkiste. Ein schönes Beispiel für solche Verwandlungskunststücke ist das Wort „Sondervermögen“. Wer möchte das nicht haben? Es steht gleichsam für eine schöne Zukunft. Dass sich hinter dem schillernden Begriff nur Sonderschulden verstecken, fällt da allzu leicht gedanklich unter den Tisch – soll es auch. So kann man Politik auch als Ver­packungskunst beschreiben. Das Ehepaar Christo und Jeanne-Claude umhüllte einst den Reichstag. Finanzminister Lars Klingbeil und die schwarz-rote Koalition verpacken ihre gigantische Kreditaufnahme. In nur fünf Jahren kann die Schuldenlast des Bundes um 50 Prozent in die Höhe schießen. In 75 Jahren seit Bestehen der Bundesrepublik hatte der Bund eine Kreditlast von rund 1700 Milliarden Euro angehäuft. Nach der Finanzplanung der Koalition kommen bis Ende 2029 rund 850 Milliarden Euro hinzu. Ein Großteil davon entfällt auf das sogenannte Sondervermögen für Investitionen in Infrastruktur und Klimaneutralität, das Sonderschulden von 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre erlaubt. Hinzu kommen Extrakredite für die Bundeswehr. Dann doch lieber nüchterne Überschriften Die Jury der „Unwort“-Aktion ruft nun „Stopp!“. Sie erklärte den Begriff „Sondervermögen“ am Dienstag zum diesjährigen „Unwort des Jahres“. Im Alltag werde darunter Eigentum verstanden, das von einem Gesamtvermögen abgetrennt sei. Im Fachdiskurs über den Staatshaushalt meine „Sondervermögen“ einen Nebenhaushalt, der zur Erfüllung bestimmter Aufgaben eingerichtet werde und mit einer Kreditermächtigung verbunden sei. Das „Unwort des Jahres“ wird aus Vorschlägen ausgewählt, die Bürger einsenden. Dieses Mal soll es 2631 Einsendungen mit 553 verschiedenen Ausdrücken gegeben haben, von denen rund 70 den Kriterien entsprachen. Infrage kommen Begriffe und Formulierungen, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind. Das Bürgergeld war ebenfalls eine Wortschöpfung, die einer Neu­regelung einen schönen Anstrich geben sollte. Es trat im Januar 2023 an die Stelle von Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe, doch das wurde hier zum Problem. Es erweckte den Anschein, als wäre der Bezug ohne Makel – obwohl er für das Gemeinwesen mit hohen Kosten verbunden ist. Dann doch lieber nüchterne Überschriften über neue Vorhaben wie aktuell aus dem Finanzministerium: „Dritte Verordnung zur Änderung der  Hauptzollamtszuständigkeitsverordnung“.