Die Schülerproteste gegen den Wehrdienst in Frankfurt und in ganz Hessen sind Ausdruck eines Unbehagens, das man ernst nehmen sollte. Doch offenbart sich in den Demonstrationen ein eklatantes Missverständnis über die Bundeswehr, zur Sicherheitslage Europas und zur Verantwortung für Freiheit und Demokratie. Man mag den Schülern zugutehalten, dass sie sich in politischen Prozessen übergangen fühlen. Doch Demokratie bedeutet, dass gewählte Vertreter im Sinne des Gemeinwohls handeln – auch wenn dies unbequeme Wahrheiten mit sich bringt. Und die Proteste finden zu einem Zeitpunkt statt, an dem Europas sicherheitspolitische Realität dramatischer nicht sein könnte. Während deutsche Schüler gegen Musterungen protestieren, haben nordeuropäische Länder darauf längst reagiert. Schweden führte die Wehrpflicht wieder ein – für Männer und für Frauen. Norwegen fordert Dienst von beiden Geschlechtern. Finnland mit seiner 1300 Kilometer langen Grenze zu Russland hat die Wehrpflicht niemals abgeschafft. Dänemark hat den Pflichtdienst ausgeweitet und macht ihn nun auch für Frauen verpflichtend. Diese Länder haben erkannt: Freiheit und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern erfordern Verteidigung. Die skandinavischen Modelle setzen auf selektive Musterungsverfahren. Das System funktioniert. Die Bundesregierung wählt einen Mittelweg: zunächst Freiwilligkeit, bei Bedarf Verpflichtung. Das ist auch eine Reaktion auf dramatische Personalprobleme der Bundeswehr. Mit aktuell rund 185.000 Soldaten ist die Truppe weit vom NATO-Bedarf entfernt. Die Rhetorik der Schüler hingegen offenbart ein besorgniserregendes Unverständnis über die Truppe. „Kanonenfutter“ zu sein, ‚zu Drill und Gehorsam erzogen werden und töten lernen‘. Diese Formulierungen sind eine groteske Verzerrung dessen, was die Bundeswehr ist: Sie ist eine Parlamentsarmee, eine Bürgertruppe in Uniform, nicht Ausdruck von Kriegslust, sondern das Gegenteil davon. Wenn hessische Schüler die „überhöhte Darstellung einer russischen Bedrohung“ kritisieren, ignorieren sie, dass in der nahen Ukraine täglich Menschen sterben, dass baltische Staaten in Alarmbereitschaft sind, dass NATO-Generalsekretär Mark Rutte von einer „möglicherweise jahrzehntelangen Konfrontation“ spricht. Die russische Bedrohung ist keine mediale Manipulation, sondern bittere Realität. Die protestierenden Jugendlichen genießen Freiheiten, die hart erkämpft und verteidigt wurden. Diese Freiheiten sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern Errungenschaften, die geschützt werden müssen. Finnland, Schweden und Norwegen haben verstanden: Freiheit hat einen Preis. Dies ist nicht Ausdruck von Kriegslust, sondern von Verantwortung. Wehrpflicht bedeutet nicht das Ende von Freiheit, sondern ist ihre Voraussetzung.
