Das Wichtigste kommt erst noch, der Saisonhöhepunkt, aber die Bilanz, findet Andreas Puelacher, Cheftrainer der deutschen alpinen Frauen-Mannschaft, ist etwas mehr als einen Monat vor Beginn der Olympischen Winterspiele mit fünf Podestplätzen gar nicht so schlecht. „Man wird jetzt wieder gesehen als deutsches Ski-Team bei den Damen“, sagte er am Ende des alten Jahres. Als der Tiroler im Frühjahr 2022 die deutschen Frauen übernahm, hatten die gerade die Saison mit insgesamt fünf Podestplätzen abgeschlossen, vier im Slalom durch Lena Dürr, einen in der Abfahrt von Kira Weidle-Winkelmann. Solistinnen ohne Mannschaft waren die beiden. Nur Aicher, Dürr und Weidle-Winkelmann Gut, da gab es auch noch die junge Emma Aicher, ein großes Talent gewiss, aber ob daraus auch eine große Skirennläuferin werden würde, war damals noch nicht klar. Die Mannschaft ist zwar auch knapp vier Jahre später noch nicht viel größer geworden. In Aicher, Dürr und Weidle-Winkelmann haben sich erst drei Frauen für die Winterspiele im Februar qualifiziert. Dass es noch eine vierte schafft, ist eher unwahrscheinlich. Am Wochenende stehen in Kranjska Gora ein Riesenslalom und ein Slalom auf dem Programm, jeweils die vorletzten Rennen in den beiden Disziplinen vor den Winterspielen. Aber die drei, die in Cortina d’Ampezzo sicher starten, wenn sie sich nicht verletzen, gehören zu den Medaillenkandidaten. Allerdings ist das Karriereende der 34 Jahre alten Dürr schon in Sicht, auch Weidle-Winkelmann gehört mit bald 30 zu den Routiniers. Bleibt also Aicher die einzige alpine Hoffnung der kommenden Jahre? Jedenfalls ist sie eine Athletin, die in allen Disziplinen vorne mitfahren kann. Klein, aber fein, das traf auf die Alpin-Mannschaft in Deutschland schon oft zu. Allerdings geht der Trend zu einer immer noch kleineren Mannschaft. Früher, erinnert sich Wolfgang Maier, Sportvorstand im Deutschen Skiverband, bestand der Weltcup-Kader immerhin aus 25 Athleten, „jetzt sind es zwölf“. Gründe für den Schwund gibt es genügend: Klimawandel und damit immer öfter Schneemangel, außerdem ist Skifahren teuer und zeitraubend, dazu kommt die Verletzungsgefahr. Der deutsche Weg in die Weltspitze ist lang Damit haben auch Ski-Nationen wie Österreich oder die Schweiz zu kämpfen, aber die Mannschaften sind dort immerhin noch groß genug, um den Kampf um die Kaderplätze früh zu entfachen. In Deutschland versuchen die Trainer oft, die wenigen Begabten oft zu hegen und zu pflegen, damit sie dabeibleiben. Womöglich deshalb ist die Entwicklung bis hin zu einem etablierten Weltcup-Starter oft zäh. In Deutschland, findet Männer-Cheftrainer Christian Schwaiger, brauchen die Athleten oft sehr lange, bis sie an der Weltspitze angekommen sind. Fabian Gratz, der Überraschungsfünfte im Riesenslalom von Alta Badia vor Weihnachten, hat sich erst mit 28 unter den besten 15 im Weltcup etabliert. Der 29 Jahre alte Simon Jocher schaffte gerade im Super-G von Livigno als Fünfter sein bestes Karriereergebnis. „Die Historie zeigt aber, dass sich die Athleten, die wirklich Weltklasse sind, schon in jungen Jahren entwickeln“, sagt Schwaiger. Auch in Deutschland. Thomas Dreßen war 22 bei seinem Sieg in Kitzbühel 2018, Linus Straßer hatte früh mit Top-Ergebnissen überzeugt, ehe es dann aber doch noch ein paar Jahre bis zum ersten Sieg dauerte. Die Frauen, die eine ganze Ära prägen, sind oft noch ein bisschen früher dran. Maria Riesch war bei ihrem ersten Weltcupsieg 19, Viktoria Rebensburg beim Gewinn der olympischen Goldmedaille in Whistler Mountain 20. Und die in Schweden ausgebildete Aicher stand mit 21 zum ersten Mal ganz oben auf dem Podest im Weltcup. Weitere Ausnahmekönner nach Aicher sind in Deutschland nicht in Sicht, aber ein paar Talente wie Jana Fritz, die im Riesenslalom von Semmering in ihrem erst vierten Weltcup-Rennen zum ersten Mal Weltcup-Punkte sammelte und deshalb auch in Kranjska Gora dabei sein darf, oder die beiden Junioren-Weltmeister Benno Brandis und Felix Rösle. Diese wenigen Hochbegabten früher in die Weltspitze zu bringen, das müsse das Ziel sein, sagt Christian Schwaiger. Aber eine Antwort auf die Frage, wie das zu schaffen ist, hat er nicht. Die zu finden, ist die nächste große Aufgabe der deutschen Alpinen.
