FAZ 21.11.2025
10:38 Uhr

Schönheitsideale: Die „Muscle Girls“ von Tokio


Was in Japan als „weiblich“ gilt, wird hier auf den Kopf gestellt: In der Tokioter Bar „Muscle Girls“ zeigen Performerinnen ihre Kraft mit Grapefruit-Ritualen, Pull-ups und Poledance. Fotograf Kim Kyung-Hoon hat die Frauen und ihre außergewöhnliche Bühne festgehalten.

Schönheitsideale: Die „Muscle Girls“ von Tokio

Ein Dutzend Frauen in Sport-BHs und engen Shorts steht hinter einem U-förmigen Tresen in einer Underground-Bar im Herzen Tokios. Ihre durchtrainierten Körper glänzen im Neonlicht, während sie im Gleichschritt Grapefruits mit bloßen Händen zerquetschen. Die Musik dröhnt, das Licht flackert pink – und die Gäste der Fitness-Bar Muscle Girls jubeln und filmen, was das Zeug hält. „Die meisten Menschen in Japan finden Frauen mit kleiner Oberweite, schmalem Rücken und dünnen Beinen attraktiv“, sagt Hitomi Harigae, die Managerin der Bar, in der ausschließlich Frauen auftreten. „Die Leute, die zu uns kommen, sind da anders.“ Die Bar, die Mitte 2020 eröffnet hat, bricht bewusst mit traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit in Japan. Rund 100 Gäste kommen täglich, die meisten aus dem Ausland. In den sozialen Medien hat das Konzept längst Kultstatus: Für 6000 Yen, etwa 33 Euro, gibt es 80 Minuten Aufenthalt inklusive Proteinshake und „All you can drink“. Die Performerinnen zeigen auf der Bühne ihre Muskelkraft, machen Klimmzüge oder Poledance, manche tragen Leopardenbikinis. Wer möchte, kann Extras buchen, von einer kräftigen Ohrfeige bis dazu, von den Athletinnen hochgehoben zu werden. Dass diese Frauen ein Körperideal leben, das dem gängigen in Japan widerspricht, ist besonders bemerkenswert. Laut OECD hat das Land unter den großen Industrienationen den höchsten Anteil untergewichtiger Frauen: etwa neun Prozent. Das ist fast fünfmal so viel wie in Deutschland oder den USA. In diesem Jahr warnte ein Expertengremium aus Ärzten und Wissenschaftlern, dass die weitverbreitete Gleichsetzung von Dünnsein und Schönheit zu Mangelernährung und ernsthaften gesundheitlichen Problemen führt. Die rund 30 Frauen, die im Muscle Girls arbeiten, stellen diese Vorstellung bewusst infrage. Viele betreiben ernsthaft Bodybuilding oder CrossFit; einige präsentieren Sixpacks, die man eher auf der Wettkampfbühne als in einer Bar erwarten würde. Für Harigae ist ihr Arbeitsplatz längst zu einer Art Schwesternschaft geworden, in der Ernährungstipps, Trainingspläne und Ermutigung selbstverständlich sind. Selbst an freien Tagen zieht sie mit Kolleginnen los, zu All-you-can-eat-Buffets oder ins Nagelstudio. Zwar erlebt Frauenbodybuilding in Japan einen Aufschwung, und es gibt inzwischen zahlreiche Wettbewerbe. Doch außerhalb dieser Szene dominieren alte Schönheitsnormen weiterhin. „Wenn ich mit Freundinnen von früher spreche, merke ich sofort, wie sehr sie an dem Ideal festhalten, dünn sein zu müssen“, sagt Harigae. Gleichzeitig zeigt sich ein langsamer Wandel. Laut einer Umfrage des Thinktanks Dentsu Soken aus dem Jahr 2023 stimmen nur noch 38,2 Prozent der Aussage zu, dass „Männer männlich und Frauen weiblich sein sollten“ – 2021 waren es noch 43,7 Prozent. „Schönheit bei Frauen bedeutet nicht nur Schlankheit“, sagt Yuka Moriya, die 2023 zum Team gestoßen ist. Sie lässt sich von Kolleginnen inspirieren, die Bodybuilding, Poledance oder einfach körperliche Aktivität lieben. „Ich wünsche mir, dass mehr Menschen die Schönheit von Muskeln erkennen“, sagt Moriya, die selbst Bodybuilderin ist und davon träumt, eines Tages die beste Athletin Japans zu werden.