FAZ 04.03.2026
14:24 Uhr

Schneller Schlau: Neue Regeln, neues Team – neue Millionendeals?


Die Formel 1 boomt. Mittlerweile punktet die Königsklasse des Motorsports sogar im Kino. Viele Teams sind Milliardenbeträge wert. Was dahintersteckt.

Schneller Schlau: Neue Regeln, neues Team – neue Millionendeals?

Illustration: Felipe Gonzalez Schneller Schlau Neue Regeln, neues Team – neue Millionendeals? Von BENJAMIN FISCHER, Grafiken: SANDRA LIERMANN, Datenrecherche: MATTHIAS JANSON (Statista) 2. März 2026 · Der Beginn einer neuen Ära steht bevor. Mögen Marketingprofis (oder gerade nicht die Profis) mit dem Begriff ein wenig zu großzügig umgehen, so passt er im Fall der Formel 1 recht gut: Wenn die neue Saison am 8. März im australischen Melbourne mit dem ersten Rennen beginnt, ist vieles anders als noch im Jahr 2025. Manche sprechen gar von der größten Regelreform in der Geschichte der Rennserie. Der offenkundigste Unterschied zur Vorsaison ist ein elftes Team: Der US-Autohersteller General Motors ist neu dabei, das Team firmiert unter dem Namen der GM-Marke Cadillac. Größtenteils neu ist auch das technische Reglement. Von den 2025er Autos konnten die Teams kaum etwas übernehmen. Die Aerodynamik musste neu gedacht werden, Pirelli liefert schmalere Reifen, die Autos sind kürzer und wiegen weniger. Und es kommt ein Wandel beim Antrieb: Die 1,6-Liter-V6-Turbomotoren werden fortan mit synthetischem Kraftstoff befeuert, fast 50 Prozent der Leistung – deutlich mehr als zuvor – liefert ein Elektromotor. Fahrer und Taktiker müssen folglich umdenken. All das sind und waren große Herausforderungen für die Teams. Gründe für die Änderungen gibt es mehrere: Die Königsklasse des Motorsports steht unter Druck, ihre Klimabilanz zu verbessern. Motorsport als solcher wird gerne – und nicht komplett zu Unrecht – als Testplattform für potentiell serientaugliche Neuerungen hochgehalten. Technologischer Stillstand ist also keine Option. Und nicht zuletzt sollen grundlegende Regeländerungen, wie sie für 2026 anstanden, immer auch für Spannung sorgen. Ein paar überraschende Umwälzungen in der Hackordnung der Teams wären ganz im Sinne von Liberty Media. Seit 2017 gehört die Rennserie dem US-Konzern. Liberty Media hat über die Jahre einiges umgekrempelt. Die Zahl der Rennwochenenden ist von damals 20 auf heute 24 angewachsen. Neu hinzu kamen vor allem Austragungsorte, an denen die schnell mehr als 20 Millionen Dollar Austragungsgebühr kein Problem darstellen, zum Beispiel in Qatar oder Saudi-Arabien. Traditionsstrecken in Europa stehen dagegen unter Druck. Die Formel 1 tat sich auf dem wichtigen US-Markt schwer, mittlerweile macht der Tross dreimal in den Vereinigten Staaten halt. Seit 2023 steht auch ein Rennen auf dem berühmten Strip in Las Vegas im Rennkalender. Der Formel-1-Boom hängt eng damit zusammen, dass Liberty Media sich konsequent von der Strategie des langjährigen Serienchefs Bernie Ecclestone verabschiedete. Der heute 95 Jahre alte Brite wollte von Social Media nichts wissen, der Fokus lag komplett auf der TV-Vermarktung. Highlight-Videos oder Blicke hinter die Kulissen in den sozialen Medien zu bieten, war nicht vorgesehen. Heute hat die Formel 1 über alle Plattformen hinweg mehr als 110 Millionen Follower. Als Glücksgriff stellte sich die Zusammenarbeit mit Netflix heraus. Gerade lief auf dem US-Streamingdienst die achte Staffel der 2019 gestarteten Dokuserie „Drive To Survive“ an. Manch ein Fahrer – allen voran der viermalige Weltmeister Max Verstappen – kritisierte anfangs eine überdramatisierte Inszenierung. Der Vermarktungserfolg jedoch steht außer Frage. Die Fans sind heute deutlich jünger, und darunter befinden sich mehr Frauen: Die Formel 1 selbst beziffert den Frauenanteil mit 42 Prozent. Insgesamt sollen 43 Prozent der Fans jünger als 35 Jahre sein. Der Marketing-Aufwand hat die Formel 1 zu höheren Umsätzen geführt. Zahlreiche finanzkräftige Sponsoren tragen ihren Teil dazu bei. In der Topkategorie, den „Global Partners“, finden sich Qatar Airways, Amazons Cloudsparte AWS, die Reederei MSC, der saudische Ölriese Aramco oder der Luxuskonzern LVMH. Neue Marken kommen regelmäßig dazu – und die Formel-1-Strategen bieten ihnen nur zu gerne eine große Bühne. In Miami fand die Fahrerparade, in der die Piloten vor dem Rennen die Fans auf den Rängen grüßen, zum Beispiel in Autos aus Lego-Steinen statt. Die Zahl der Sponsorentermine ist für die Fahrer mit der Zeit deutlich gewachsen. Auch der volle Rennkalender bringt logistische wie physische Herausforderungen für die Teams und ihre Angestellten mit sich. Finanziell zahlt sich das Wachstum auch für die Teams aus. Einen stattlichen Teil der Einnahmen schüttet die Formel-1-Gruppe nämlich aus. Die Aussicht, diese Millionen mit einem elften Team teilen zu müssen, sorgte übrigens dafür, dass sich die nun erfolgte Erweiterung des Starterfelds über Jahre zog. Doch Liberty kurbelte nicht nur die Vermarktung an: Die Amerikaner führten auch eine Budgetobergrenze ein, die dem mitunter ruinösen Wettrüsten ein Ende setzte. Die Teams sind so mittlerweile profitabel und zu begehrten Investitionsobjekte geworden. Ferrari gilt mit einem geschätzten Wert von mehr als sechs Milliarden Dollar als die Nummer eins. Dass der letzte Titel für den Rennstall aus Maranello mehr als zehn Jahre her ist, schadet offenkundig nicht. Einen Anteilsverkauf haben die Italiener bislang nicht erwogen – oder zumindest nicht vollzogen. Ganz anders sieht es zum Beispiel bei Aston Martin aus. 2018 übernahm eine Investorengruppe unter Führung des kanadischen Geschäftsmannes Lawrence Stroll für 117 Millionen Dollar das damalige Force-India-Team. Stroll ist mittlerweile auch Großaktionär der britischen Sportwagenmarke, weshalb das Team seit 2021 unter dem Namen Aston Martin antritt. Während die Geschäfte des Autoherstellers weiter schleppend laufen, hat sich das Investment in die Formel 1 gelohnt. Mit mehr als drei Milliarden Dollar wurde das Team im Zuge eines Anteilsverkaufs im Sommer 2025 bewertet. Stroll investierte über die Jahre Hunderte Millionen in den Rennstall, für den sein Sohn Lance als Fahrer antritt. Zuletzt warb er auch Stardesigner Adrian Newey ab, um endlich sportlich erfolgreicher zu werden. Newey kam von Red Bull, dem Team von Max Verstappen. Der österreichische Getränkekonzern hat den Reiz der Formel 1 für sein auf Action ausgerichtetes Marketing früh erkannt. 2004 kaufte der Konzern das damalige Jaguar-Team für eine Million Dollar, kurz darauf schnappten sich die Österreicher auch Minardi, das heute unter dem Namen Racing Bulls startet. Beide gehören nach wie vor komplett Red Bull. Das Mercedes-Team hat seit November 2025 vier Anteilseigner. Teamchef Toto Wolff verkaufte 15 Prozent seiner Investmentgesellschaft an den Crowdstrike-Chef und passionierten Rennfahrer George Kurtz, wodurch dieser auch eine Beteiligung am Team erwarb. Renault gab Mitte 2023 für 200 Millionen Dollar 24 Prozent der Anteile an seinem Team an eine Investorengruppe ab, zu der auch Hollywoodstar Ryan Reynolds zählte. Der qatarische Staatsfonds wiederum zahlte Ende 2024 gut 300 Millionen Dollar für eine „signifikante Minderheitsbeteiligung“ am Audi-Team, Berichten zufolge soll es um rund 30 Prozent gehen. Die VW-Tochtergesellschaft hatte zuvor das Sauber-Team vom bisherigen Mehrheitseigner, dem schwedischen Geschäftsmann Finn Rausing, übernommen. Jetzt geht es in die erste Saison als offizielles Audi-Team mit einem von Audi selbst entwickelten Motor. Ein anderer Staatsfonds – jener aus Bahrain – ist an McLaren Racing, der Muttergesellschaft des Teams, das den jüngsten Weltmeister stellte, beteiligt. Komplett im Besitz eines Finanzinvestors befindet sich seit dem Jahr 2020 der britische Williams-Rennstall. 1977 gegründet von Frank Williams, zahlte Dorilton Capital vor gut sechs Jahren 200 Millionen Dollar. Auch hier dürfte ein Verkauf sicher mehr als eine Milliarde Dollar einbringen. Bislang hegen die Amerikaner allerdings offenkundig keine solchen Pläne. Nicht nur Dorilton dürfte darauf setzen, dass das Wachstum der Formel 1 weitergeht. Anzeichen dafür gibt es einige. Mastercard soll zum Beispiel als Titelsponsor von McLaren von 2026 an je Jahr rund 100 Millionen Dollar zahlen. Auch der Erfolg des Formel-1-Kinofilms befeuert Phantasien weiter. Produziert wurde der Film von Apple unter Beteiligung von Rekordweltmeister Lewis Hamilton. Für den Techkonzern war das Thema Formel 1 damit nicht abgehakt: Beginnend mit dieser Saison laufen alle Trainings, Qualifikationen und Rennen in den USA exklusiv auf Apple TV. Dafür zahlt Apple Medienberichten zufolge 150 Millionen Dollar im Jahr, deutlich mehr als der bisherige Rechteinhaber ESPN. In Deutschland liegen die Übertragungsrechte bis einschließlich 2027 beim Pay-TV-Anbieter Sky. Einzelne Rennen zeigt RTL im frei empfangbaren Fernsehen. Winken die Kartellbehörden die geplante Übernahme von Sky durch RTL durch, könnte sich an dieser Konstellation einiges ändern. Ein Rennen in Deutschland ist dagegen aktuell nicht in Sicht. Das letzte reguläre fand im Jahr 2019 auf dem Hockenheimring statt. Ein Jahr später fuhr die Formel 1 am Nürburgring, allerdings im Zuge eines pandemiebedingten Notkalenders und nur vor 20.000 Zuschauern. Die Antrittsgebühren zuzüglich der Kosten für die Durchführung der Veranstaltung seien zu hoch, um sie allein durch den Verkauf von Eintrittskarten einzunehmen, heißt es stets von Veranstalterseite – und ein Rennwochenende müsse sich eben rechnen. Staatliche Zuschüsse wie an anderen Standorten sind hierzulande kaum realistisch. „Wir sind daran interessiert, mit dem richtigen Veranstalter und dem richtigen Angebot nach Deutschland zurückzukehren“, sagte Formel-1-Chef Stefano Domenicali im Dezember der Plattform Motorsport-Magazin.com. Doch die Serie habe viele Anfragen aus aller Welt, zudem sehe er Investitionsbedarf an den deutschen Strecken, etwa mit Blick auf hochpreisig vermarktbare Unterkünfte. Immerhin Max Verstappen können Motorsportfans wohl bald wieder in Deutschland erleben. Der Niederländer will am 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring teilnehmen. Gut möglich, dass er schon in diesem Jahr zum Langstrecken-Klassiker auf der Nordschleife antritt. Das bislang letzte Gastspiel der Formel 1 auf der als „Grüne Hölle“ bekannten Strecke fand übrigens im Jahr 1976 statt – eine andere Ära eben. 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