Illustration: Julia Bellan Schneller Schlau Das Comeback der Kartoffel Von ANNE KOKENBRINK, Grafiken: JULIA BELLAN, Datenrecherche: MATTHIAS JANSON (Statista) 16. Februar 2026 · Global ist die Kartoffel längst nicht mehr wegzudenken. Nach Reis, Weizen und Mais zählt sie zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln der Welt. Kein Wunder, denn sie überzeugt mit hohen Erträgen, großer Anpassungsfähigkeit und liefert auch auf vergleichsweise kargen Böden zuverlässig Ertrag. In Deutschland aber hat sie mitunter mit Vorurteilen zu kämpfen. Mal gilt sie als langweiliges „Sattmacher“-Lebensmittel, mal als unnötige Kohlenhydratbombe. Und doch wirkt die vielseitige Knolle gerade wieder erstaunlich zeitgemäß. In Zeiten, in denen an der Supermarktkasse vieles teurer erscheint, gewinnt die Kartoffel offenbar an Beliebtheit – und das nicht nur im Konsum. In Deutschland wachsen Kartoffeln seit einigen Jahren wieder in besonders großen Mengen: zuletzt bundesweit auf 301.000 Hektar. Das sind sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Zudem fiel die Ernte mit rund 13,4 Millionen Tonnen so üppig aus wie zuletzt zur Jahrtausendwende. Optimale Witterung, also passende Temperaturen und ausreichend Niederschlag, ließ die Knollen gut gedeihen. Schon im Jahr zuvor zeigte der Trend im Anbau klar nach oben. Viele Landwirtschaftsbetriebe reagierten auf die lukrativen Erzeugerpreise, die Kartoffeln in den letzten Jahren abwarfen, stiegen neu ins Geschäft ein oder weiteten ihren Anbau aus. Manche sprechen gar von einer „Lizenz zum Gelddrucken“, die Kartoffelbauern jahrelang gehabt hätten. Auch Probleme bei Alternativkulturen wie Zuckerrüben trugen dazu bei, dass Kartoffeln zunehmend in den Fokus rückten. Der Kartoffelanbau konzentriert sich in Deutschland auf wenige Kernregionen. Die Schwerpunkte liegen im Norden und Westen. Alleine in Niedersachsen wächst knapp die Hälfte aller Knollen. Dort bieten sandige Böden günstige Voraussetzungen, bewässerte Felder sichern vielerorts die Erträge auch in niederschlagsarmen Phasen. Im Nordwesten sitzen außerdem zahlreiche Verarbeiter, darunter etwa die Emsland Group oder Agrarfrost, die etwa Kartoffelstärke, Pommes oder Chips produzieren. Viele Landwirte bauen traditionell im Umfeld dieser Werke Kartoffeln an, damit die Transportwege kurz bleiben. Insgesamt dominiert konventionelle Ware; rund vier Prozent der Ernte stammen aus ökologischem Anbau. Beim Essen zeigt sich eine leichte Gegenbewegung. In den Fünfzigerjahren galten Kartoffeln als Grundnahrungsmittel schlechthin – günstig, nahrhaft und für viele Haushalte zumindest teilweise selbst anzubauen. Damals aß ein Bundesbürger im Durchschnitt 186 Kilogramm Kartoffeln im Jahr. Später pendelte der Verzehr lange zwischen 60 und 80 Kilogramm. Im Jahr 2023/24 stieg er auf 63,5 Kilogramm, so hoch wie seit zwölf Jahren nicht. Weshalb Verbraucher zuletzt so viel mehr Speisefrischkartoffeln aßen, lasse sich nicht eindeutig erklären, sagt Josef Goos, Leiter des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft. Er verweist auf Rabattaktionen im Handel, kleinere Gebinde und mehr Absatz bei Direktvermarktern. Der Großteil der verzehrten Kartoffeln entfällt aber auf verarbeitete Produkte wie Pommes oder Kroketten. Davon aß jeder Bürger zuletzt im Schnitt 38 Kilogramm. Kartoffel ist dabei nicht gleich Kartoffel. Im Markt unterscheidet man zwischen Speise-, Stärke- und Industriekartoffeln. Knollen, die nicht als Speisekartoffeln für den direkten Verzehr gedacht sind, werden weiterverarbeitet, etwa zu Pommes, Chips, Klößen oder anderen Fertigprodukten. Je nach Verwendungszweck bauen Landwirte spezielle Sorten an, die sich möglichst gut zum gewünschten Endprodukt verarbeiten lassen. Rund 62 Prozent der produzierten Kartoffeln dienten zuletzt Nahrungszwecken. Aus Stärkekartoffeln entstehen einerseits Produkte wie Kartoffelstärke, andererseits wird ihre Stärke auch technisch genutzt, etwa in der Papierherstellung oder im Baustoffbereich, zum Beispiel für Gipsplatten, Tapetenkleister und Leim. Die Stärkeproduktion beanspruchte zuletzt rund acht Prozent der Marktware. Im europäischen Vergleich ist Deutschland das Schwergewicht der Kartoffelproduktion. 2023 stammte rund ein Viertel der in der EU geernteten Kartoffeln aus der Bundesrepublik. Damit liegt Deutschland vor Frankreich und den Niederlanden. Auch 2024 lag Deutschland mengenmäßig vorn. Die EU deckt ihren Bedarf weitgehend selbst; wenn im Winter die Lager zur Neige gehen, ergänzen Importe, etwa aus Ägypten oder Israel, die Versorgung, bis auf deutschen Feldern Frühkartoffeln reif sind. Insgesamt eignet sich das europäische Klima gut für den Kartoffelanbau. Deutschland verbraucht allerdings nicht alle produzierten Kartoffeln selbst. Mit einem Selbstversorgungsgrad von rund 145 Prozent geht ein wesentlicher Teil in den Export, zum Teil bereits als fertig verarbeitete Ware. Paradox bleibt: Viel hilft im Kartoffelmarkt nicht immer viel. Nach der zuletzt sehr großen Ernte fluteten zusätzliche Mengen den Markt; entsprechend fielen vor allem die Preise für Speisekartoffeln deutlich. Manche erinnern sich an Schlagzeilen und Bilder, in denen Tausende Tonnen Kartoffeln keinen Abnehmer fanden oder am Ende anderweitig verwertet wurden, ein sichtbar gewordenes Krisensignal. Für Endverbraucher hat die Lage zumindest einen positiven Effekt. Kartoffeln sind günstiger geworden. Die Preise für Speisekartoffeln lagen im Handel zuletzt zehn bis 15 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres, bei Kartoffelprodukten fielen die Rückgänge geringer aus. Auffällig ist allerdings, dass niedrige Erzeugerpreise nicht automatisch im Laden ankommen. Fachleute sprechen von einer „Preisschere“ zwischen Acker und Regal. Nach Angaben des Kartoffelmarktexperten Christoph Hambloch von der Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft (AMI) bekamen Landwirte teils nur rund zehn Euro je hundert Kilogramm, während im Handel nicht selten mehr als 1,50 Euro je Kilogramm verlangt wurde – also ein Vielfaches dessen, was bei den Bauern ankommt. Der Handel verweist auf Kosten für Sortierung, Verpackung, Lagerung und Logistik sowie die Handelsspanne. Trotz des Preisdrucks gehen Fachleute davon aus, dass sich der Markt wieder einpendelt. Nach wie vor, so heißt es in der Branche, gilt die Kartoffel als jene Ackerkultur, die den Bauern verlässlich Geld einbringt. F.A.Z.-Serie Schneller Schlau Die USA dominieren die Börsenwelt – aber Europa ist kein Zwerg F.A.Z.-Serie Schneller Schlau Führerschein? Vielleicht später. Schneller schlau Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt. Alle Beiträge
