Den Spruch haben Großmütter, bei Älteren auch noch die Mütter – oder Väter – bei jeder sich bietenden Gelegenheit fallen lassen: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung.“ Nicht, dass dieser Spruch in jedem Fall geholfen hätte, gerade jüngere Familienmitglieder vor kleidungstechnischen Torheiten und nachfolgender Unbill wie Erkältungskrankheiten oder Schweißausbrüchen zu bewahren. Aber das eine oder andere Mal kommt einem der Satz ins Gedächtnis. Vor allem wenn, wie in den vergangenen Tagen, so unglaubliche Wetterbedingungen herrschen. Schnee! Es hat, tatsächlich, mehrfach geschneit! Das ist nicht nur eine buchstäblich helle Freude, die trüben Wintertagen Licht und lärmgeplagten Städtern einen Hauch mehr Stille bringt, weil die Flockenschicht den Straßenlärm dämpft und dafür sorgt, die Geschwindigkeiten der Motorfahrzeuge zu reduzieren. Schnee bringt derzeit aber auch Leute, die vom Klimawandel nichts wissen wollen, dazu, die sozialen Medien mit „Ätsch“-Kommentaren bar jeder Vernunft zuzuspammen, die von Schnee im Winter darauf schließen, die Erderwärmung sei eine globale Verschwörung. Das Weiß auf der Straße, auf den Schienen und sogar vor der eigenen Haustür aber stellt nicht nur diesen Personenkreis vor schwere Herausforderungen, was Augenmaß und Anpassungsvermögen betrifft. Hürde Nummer eins: Statt nur auf die Wetter-App mit ihren „extremen Schnee- oder Eiswarnungen“ zu schauen, mal das Fenster öffnen, eine Hand heraushalten oder womöglich sogar testweise vor die Tür treten, um herauszufinden, ob Blitzeis oder meterhohe Schneeverwehungen wirklich das eigene Stadtviertel betreffen – oder nicht vielleicht doch nur die lieben Kollegen, die aus dem Taunus zur Arbeit kommen. Manch einer wird sogar Schnee räumen müssen, auf dem Bürgersteig, um andere vor schweren Stürzen zu bewahren. Hürde zwei: Dort laufen dann diejenigen entlang, die zuerst nur auf ihr Smartphone geschaut haben und deren Kleiderschrank dann tatsächlich nichts herzugeben schien, das dem holden Weiß angemessen wäre. Oder eben doch – nur anders. Die blütenweißen Sneakers mit dem Sommerprofil, in denen die kurzbesockten Füße stecken, passen rein optisch gut zum frischen Weiß. Die Rutschpartie allerdings der schlecht Beschuhten, denen der nasse Schnee die Knöchel paniert, halten weder App noch Räumdienst auf. Nur vielleicht der uralte Spruch.
