FAZ 18.01.2026
07:53 Uhr

Schlusslicht: Nur Schnee im Kopf


Die Winterpanik geht um. Schon bei wenigen Zentimeter Schnee gibt es Warnungen, als stünde der Weltuntergang bevor. Jetzt ist Sicherheit statt Freiheit angesagt. Die Bürger will man in Angst halten.

Schlusslicht: Nur Schnee im Kopf

Es ist Winter. Und es schneit. Schöne Erinnerungen an Kindheit und Jugend stellen sich ein. Da gab es öfter Winter, mit richtig viel Schnee, zum Toben, zum Bauen von Schneemännern oder gar zum Skifahren in heimischen Gefilden. Es war eine unbeschwerte und unschuldige Zeit, auf die man sich alljährlich freute. Als junger Führerscheinbesitzer besuchten wir im VW Käfer die Oma. Die Fahrt ging über die Landstraße. Auf den Ackerflächen lagen 50 Zentimeter Schnee, was niemand störte. Die Straßen waren eher schlecht als recht geräumt, kein Vergleich mit der blitzsauberen Arbeit, die der Winterdienst heute zu leisten hat. * * * Der Käfer hatte eine Heizung, die aus dem Innenraum wahlweise eine Sauna oder einen Kühlschrank machte. Ein Dazwischen gab es nicht. Auch fehlten natürlich Brems- und Schleuderassistenten wie ABS und ESP, zudem hatte er einen für Schnee und Eis eher we­niger angesagten Heckantrieb. Auf der Fahrt zur Oma war es glatt. Ja, man rutschte, man musste gegenlenken, auf die Spur achten, es war ein Abenteuer. Das alles war vollkommen normal. Und vor allem: Es gab keine elektronischen Piepser an Bord, die einen vor dem Verlassen der Spur, möglichen Windböen, schlechter Sicht oder dem Überschreiten des Tempolimits warnten. * * * Heute gibt es Winterpanik, mit freundlicher Unterstützung einiger Medien. Reporter mit Betroffenheitsgesicht berichten erschüttert von „Zuständen“ an Bahnhöfen. Ei­ne Schneekatastrophe wird ausge­rufen. Schon bevor überhaupt etwas passiert ist, stellt die Bahn vorsichtshalber ihren Betrieb ein. „Der Winter hat uns im Griff“, kapitulieren Politiker, die sonst in jedem dritten Satz von „Resilienz“ sprechen. Bei fünf Zentimeter Schnee ist von Wetterextremen die Rede. Schulen schließen und gehen zum Distanzunterricht über. Man ruft die Menschen auf, das Haus nicht zu ver­lassen und alles nicht unbedingt Notwendige im Freien zu unterlassen. Die Natur gilt nun als Feind, und wir müssen vorbeugend jedes mögliche Risiko unterbinden. * * * Sicherheit wird wichtiger als Freiheit? Das kann doch gar nicht sein. Warnungen sind so übertrieben, als stünde der Weltuntergang bevor? Nein, nur Fürsorge. Und lauert nicht immer irgendwo ein klagefreudiger Anwalt? So wird Schneeflöckchen zu Extremflocke. Dreizehn Zentimeter Neuschnee waren vorausgesagt für eine Nacht, tatsächlich kam nichts. Das ging wohl vielen so. Sie alle reden vom Wetter. Und schütteln nur noch den Kopf.