FAZ 14.12.2025
08:28 Uhr

Schlusslicht: Das Auto als Kulturerbe


Wir freuen uns mit Italien über die Auszeichnung ihrer Küche als Weltkulturerbe. Nun sollte Deutschland darauf hinarbeiten, für das Automobil Ähnliches zu erreichen.

Schlusslicht: Das Auto als Kulturerbe

Für uns Italiener ist die Küche nicht nur Nahrung oder eine Sammlung von Rezepten. Sie ist viel mehr: Kultur, Tradition, Arbeit, Reichtum. Das sagte die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, nachdem die italienische Küche am Mittwoch als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt wurde. Nun werden sich italienische Familien während des traditionellen „Pranzo di natale“, des Weihnachtsessens, das am ersten Feiertag die Zeit zwischen Mittag und Dämmerung dehnt, geeint fühlen in dem Gedanken, es immer schon gewusst zu haben. In einem Land, seit jeher gespalten in Polenta und Risotto im Norden und Pasta im Süden, politisch fragmentiert und durch den seit Abschaffung der Lira eingeleiteten Niedergang der Industrie gedemütigt, stellt die Auszeichnung der UNESCO eine Einheit her, von der selbst Giuseppe Garibaldi nur träumen konnte, der Nationalheld, der aus diversen Kleinstaaten eine Nation formte. Antrag an die UNESCO Die Deutschen, ebenfalls von Konjunkturberichten und Rentendiskursen ermattet, sollten sich ein Vorbild nehmen und bei der UNESCO die Anerkennung des Automobils als Weltkulturerbe beantragen. Denn es besteht, so die Erfahrung zahlreicher Gespräche auf Italienreisen, kein Zweifel daran, dass wir die Welt mit der „macchina“, wörtlich die Maschine, bereichert haben. Wo, wenn nicht hierzulande, haben Generationen von Ingenieuren am perfekten Klang der Motoren, der Präzision von Fahrwerken und dem maximal minimalen Spaltmaß der Karosserie gearbeitet? Und was daran ist weniger preiswürdig als die Suche nach der absoluten Sämigkeit eines Risottos? Zumindest die Patentschrift von Carl Benz über ein Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb aus dem Jahr 1886 hat es schon in das Weltdokumentenerbe der UNESCO geschafft. Ein Vorbote? Nun wäre ein solcher Antrag nicht nur mit technischer Brillanz zu begründen, die UNESCO verlangt, die soziale Funktion eines potentiellen Welterbes darzustellen. Doch dies sollte keine entscheidende Hürde darstellen. Individuelle Mobilität erschwinglich für jedermann zu machen und Menschen über Grenzen hinweg zu verbinden, welches Gefährt stünde dafür besser als der Volkswagen Käfer und sein Nachfolger Golf? Fünf Jahre haben die Italiener gebraucht, um ihren Antrag durchzubringen. Viel Arbeit also, doch das Ergebnis würde sich lohnen. Etwa wenn Friedrich Merz verkünden könnte: Für uns Deutsche ist das Automobil nicht nur Mobilität oder eine Sammlung von Modellen. Es ist viel mehr. Nämlich Kultur, Tradition, Arbeit und Reichtum.