FAZ 20.02.2026
09:26 Uhr

Schlimmstes Grubenunglück: „Hier bin ich, holt mich hier raus!“


Vor 80 Jahren explodierte in Bergkamen die Schachtanlage „Kuckuck“. Es war das bis heute schlimmste Grubenunglück in Deutschland – mehr als 400 Kumpel kamen ums Leben.

Schlimmstes Grubenunglück: „Hier bin ich, holt mich hier raus!“

Dass etwas Fürchterliches passiert sein musste, war den ­Menschen in Bergkamen am 20. Februar 1946 sofort klar. Um 12.05 Uhr schlug mit einem infernalischen Knall eine 300 Meter hohe blaurote Stichflamme aus dem Steinkohlebergwerk „Kuckuck“. So gewaltig war die Wucht der Explosion, dass der Seilfahrtkorb in den Turm jagte und auf ein Drittel seiner ursprünglichen Größe zusammengestaucht wurde. Tief unter der Erde, wohl im Gebiet der zweiten, der 930-Meter-Sohle, war es in der vom Volksmund „Kuckuck“ genannten Schachtanlage Grimberg III/IV des Bergwerks Haus Aden/Monopol in Bergkamen-Weddinghofen zu einer verheerenden Katastrophe gekommen. Die Nachricht raste „in Windeseile durch die Straßen“, wie es in einem Bericht von damals heißt. „Minuten später umklammerten Frauen- und Kinderhände verzweifelt die kalten Eisenstäbe an den Gittertoren von ,Grimberg‘.“ Die Katastrophe von Bergkamen ist das schlimmste Gruben­unglück in der Geschichte des deutschen Steinkohlebergbaus. Mehr als 400 Kumpel kamen ums Leben. Der 20. Februar vor 80 Jahren begann für die 466 Bergleute der Morgenschicht wie üblich. Nach einem Teller Bohnensuppe ging es in die Tiefe. Außergewöhnlich war lediglich, dass das Abbausoll noch ­höher angesetzt war als ohnehin schon, weil der Werksdirektor drei britischen Offizieren der „North German Coal Control“ (NGCC) die Leistungsfähigkeit eines neu entwickelten Kohlehobels vorführen wollte. „Kuckuck“ galt damals als eines der modernsten Bergwerke der Welt. Schon während des Kriegs waren aber Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten worden. Ohne Rücksicht auf Verluste erhöhte man die Abbauvorgaben. Bereits im September 1944 kam es in der Schachtanlage zu einem schweren Unglück mit 107 Toten, die meisten von ihnen waren russische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Der nationalsozialistischen Propaganda gelang es, dieses Unglück weitgehend geheim zu halten. Viel spricht für eine Kettenreaktion Nach der Katastrophe am 20. Februar 1946 glaubten die britischen Besatzer zunächst an einen Sabotageakt. Doch über­lebende Bergleute berichteten, dass in ­Zeche „Kuckuck“ wie zu Kriegszeiten die Vorgabe galt, sämtliche Arbeitskräfte für die Erfüllung der Förderquoten einzusetzen. Nicht nur auf Sicherheitspersonal wurde verzichtet, sondern auch darauf, den beim Abbau freigesetzten, hochentzündlichen Kohlestaub zu entsorgen. Eine folgenschwere Entscheidung. Die genaue Ursache der Katastrophe konnte zwar nie zweifelsfrei aufgeklärt werden. Viel spricht aber für eine Kettenreaktion. Da die Kohle aus Schacht „Kuckuck“ einen hohen Methananteil hatte, dürfte es durch eine heiß gelaufene Maschine oder eine zu Bruch gegangene Grubenlampe zunächst zu einer Schlagwetterexplosion gekommen sein, die dann die Zündquelle für eine Kohlenstaubexplosion war. „Der Luftdruck war so gewaltig, dass er alles um­gehauen hat, was nicht niet- und nagelfest war. Das war wie ein Wirbelsturm“, wird in einer Dokumentation des Stadt­museums Bergkamen der 2013 gestorbene Bergmann Friedrich Hägerling zitiert. Die Rettungs- und Bergungsarbeiten fanden unter widrigsten Bedingungen statt. Die alarmierten Grubenwehren von benachbarten Bergwerken hatten große Schwierigkeiten anzurücken. So kurz nach Kriegsende fehlten Lastwagen, und die Straßen waren in erbärmlichem Zustand. Es vergingen viele Stunden, bis Grubenwehrleute von einer benachbarten Schachtanlage in kilometerlangem Fußmarsch unter Tage nach Grimberg III/IV gelangten. Nur einzelne Rettungskräfte schafften es, zu einigen wenigen Verunglückten an den Hauptschächten vorzudringen, wo es noch Sauerstoff gab. „Irgendjemand rief: Ist da jemand?“, erinnerte sich der Bergmann Hägerling. „Ich habe mich zusammengerissen und mit letzter Kraft geschrien: Hier bin ich, holt mich hier raus!“ Bergmann Grüne tauchte hinter der beinahe fertiggestellten Mauer auf Weil es wegen der ausgefallenen Belüftung immer wieder zu Nachexplosionen kam, Schwaden giftiger Brandgase durch die Grube zogen und die Kohleflöze an mehreren Stellen brannten, beschlossen die Verantwortlichen schon am 22. Februar, die Aktion abzubrechen und das Stollensystem zuzumauern, um den noch immer lodernden Flammen den Sauerstoff zu nehmen. Doch gegen 16 Uhr tauchte plötzlich der Bergmann Emil Gröne hinter der beinahe fertiggestellten Mauer auf. Gröne berichtete von anderen Kumpeln tiefer im Schacht, die dann tatsächlich sechs Stunden später gerettet werden konnten. Die letzten beiden Geretteten fuhren am frühen Morgen des 24. Februar aus. Wenig später wurde der endgültige Befehl zur Abdämmung gegeben. Nur 64 Bergleute konnten gerettet und lediglich 18 Leichname geborgen werden. Mehr als 380 der Opfer blieben unter Tage. Ihre Angehörigen durften in die Waschkaue kommen und die Haken herunter­holen. Da hing ja noch die Kleidung der Kumpel, die unten geblieben waren. Und draußen in den Fahrradständern steckten noch ihre Räder in Reih und Glied. Im Februar 1946 gab es dort kaum eine Familie, die nicht von der Katastrophe getroffen war. Nach Angaben des Stadtmuseums Bergkamen verloren 283 Frauen ihre Ehemänner, 433 Töchter und Söhne ihre Väter. „Aber das Leben ging weiter, weil es weitergehen musste“, sagt der 89 Jahre alte Ernst Neugebauer, dessen Vater Paul in der Grube blieb. Das klinge wie eine Floskel. „Aber genau so war es. Schließlich war Mutter jetzt allein für drei Kinder zuständig.“ Es war ein Leben in bitterer Nachkriegsnot. Klara Neugebauer bekam lediglich eine Mark Knappschaftsrente und 68 Mark Unfallrente im Monat. In der Dokumentation des Stadtmuseums wird sie mit den Worten zitiert: „Wir haben nur noch von einem Tag in den anderen gelebt und versucht, die größte Not zu lindern.“ Neugebauer zählt zu den letzten noch lebenden Zeitzeugen. Anders als all die Jahre hat er nicht mehr die Kraft, am Totengedenken teilzunehmen, das seit 1952 am Jahrestag auf dem Kommunalfriedhof in Weddinghofen stattfindet. Das Ehrenmal, ein neun Meter hoher dreieckiger Stein, soll den Schachtturm darstellen, durch den die Bergleute einfuhren. Bis heute sei das Unglück in Bergkamen gegenwärtig, berichtet Volker Wagner vom Geschichtskreis Haus Aden/Grimberg III/IV. Damit das so bleibt, will der Verein einen Erinnerungsort auf dem ehemaligen Zechengelände schaffen, das nach und nach mit Wohnhäusern bebaut wird. Im Sommer soll eine zweiteilige Skulpturengruppe eines Bildhauers aus Hamm aufgestellt werden. Der eine Teil zeigt die unter Tage gebliebenen Berg­leute. Der andere Teil die über Tage trauernden Frauen und Kinder. „Wir schaffen nicht nur einen Erinnerungsort für die Kumpel, die verteilt in einem Massengrab in den Stollengängen liegen“, sagt Wagner. „Uns liegt sehr am Herzen, mit der Skulptur auch den unglaublich starken ‚Kuckucks‘-Witwen ein Denkmal zu setzen.“