Was für ein Finale! Senegal triumphierte am späten Sonntagabend zum zweiten Mal beim Afrika-Cup, schlug Gastgeber Marokko nach Verlängerung mit 1:0. Doch hinter dem nüchternen Zahlenspiel steckte ein echtes Drama. Das Endspiel des 35. Afrika-Cups stand kurz vor dem Abbruch: Es erlebte Tumulte und körperliche Auseinandersetzungen auf dem Rasen, Schlägereien zwischen Fans und Ordnern und fand schlussendlich doch noch einen Sieger. Zurück blieb ein geschundener Finalverlierer Marokko und mit Brahim Díaz ein Fußballer, der zum Helden seiner Nation hätte werden können. Der am Ende aber einer der größten Verlierer war, den der Cup jemals gesehen hat. 90 Minuten lang hatten sich Gastgeber Marokko und Senegal im schaurig kalten Prince Moulay Abdellah Stadium von Rabat ein hochklassiges Finale geliefert, doch es stand 0:0. Beide Teams waren sich taktisch klug geordnet begegnet, beide hatten dem anderen jeweils gerade einmal zwei passable Torchancen erlaubt – ohne Ertrag. Die Zuschauer stellten sich schon auf die zu erwartende Verlängerung der Partie ein, als sich die Ereignisse überstürzten, die der Präsident des Fußballweltverbands FIFA, Gianni Infantino, anschließend „hässlich“ und „inakzeptabel“ nannte. Zwei Entscheidungen der Unparteiischen im Fokus Zunächst erzielte Senegal in der zweiten Minute der Nachspielzeit den vermeintlichen Siegtreffer, als Moussa Niakhaté den Ball im Nachsetzen nach einem Kopfball von Abdoulaye Seck über die Torlinie drückte. Doch es trat Schiedsrichter Jean-Jacques Ndala auf den Plan. Der 38 Jahre alte Referee aus der Demokratischen Republik Kongo erkannte den Treffer nicht an, hatte zuvor ein Foul von Seck an Marokkos Kapitän Achraf Hakimi gesehen. Die rund 3000 senegalesischen Fans im weiten Rund waren außer sich, wütend hallten Rufe nach Korruption von der Tribüne. Die sich wenige Minuten später noch steigern sollten. In der fünften Minute der Verlängerung wurde Brahim Díaz von El Hadji Diouf im Strafraum leicht am Trikot gehalten – Schiri Ndala hatte nichts gesehen, wurde aber vom VAR zum Videomonitor zitiert. Der Referee schaute sich die Szene an und entschied: Strafstoß für Marokko. Das Stadion war außer sich. Marokkos Spieler lagen sich in den Armen, Senegals Akteure konnten es nicht glauben. Minutenlang wurde auf dem Rasen diskutiert, die Szenerie war völlig unübersichtlich, bis Senegals Coach Pape Thiaw sein Team in die Kabine beorderte. Senegal wollte nicht weiterspielen. Nur einer blieb: Sadio Mané. Der Kapitän stand mutterseelenallein auf dem Rasen und musste mit ansehen, wie Dutzende senegalesischer Fans von der Tribüne auf den Rasen drängten und sich eine wilde Prügelei mit den Ordnern lieferten. Schließlich ging auch Mané. Er kam aber wenig später wieder – und zwar mitsamt seinen Teamkollegen. Der Kapitän hatte sein Team vom Weitermachen überzeugt. Den Elfmeter gab es trotzdem. Und es trat an: Brahim Díaz. Doch der Star von Real Madrid, der Team Marokko mit schon fünf Turniertreffern maßgeblich den Weg ins Finale geebnet hatte, versagte vom Punkt. Allzu lässig wollte er den Ball in die Tormitte lupfen – was Senegals Keeper Édouard Mendy geahnt hatte. Der Keeper, der 2023 vom FC Chelsea in die saudische Profiliga gewechselt war, konnte – während sich am Spielfeldrand immer noch Prügelszenen abspielten – locker parieren. Und Díaz, der Marokko zum Titel hätte schießen können, war plötzlich der Sündenbock. Marokkos Coach Walid Regragui war außer sich vor Wut, würdigte Díaz keines Blickes – die Partie musste in die Verlängerung. Was dort passierte, war im Grunde genommen vorgezeichnet: Senegal war bei mittlerweile strömendem Regen obenauf, Marokkos Akteure brauchten Minuten, um sich einigermaßen zu sammeln. Das westafrikanische Team, die „Löwen von Teranga“, wie sie genannt werden, nutzten dies: In der 94. Minute stieß Pape Gueye von halb links durchs Mittelfeld und zielte aus rund 16 Metern Torentfernung ganz genau: Sein Linksschuss schlug unhaltbar für Marokkos Keeper Yassine Bounou rechts oben im Winkel ein – Senegal führte 1:0. Diesen Vorteil gab das Team um Sadio Mané nicht mehr aus der Hand. War Brahim Díaz der tragische Held dieses Finals, avancierte Mané zum Glückshelden. Mit seiner besonnenen Reaktion und der Initiative, die Teamkollegen aufs Feld zurückzuholen, ebnete er Senegal erst die Chance, dieses verrückte Spiel tatsächlich noch auf seine Seite zu ziehen. Nach 2022 – damals schlug man Ägypten im finalen Elfmeterschießen – sicherte sich Mané so gemeinsam mit seinen Kollegen von der „Goldenen Generation“ Senegals seinen zweiten Afrikameistertitel. Der 33 Jahre alte Angreifer, der beim FC Liverpool zum Weltstar geworden ist und nach einem unglücklichen Jahr beim FC Bayern München seit 2023 für al-Nassr in Saudi Arabien spielt, hatte schon vor dem Endspiel angekündigt, dass dieses das letzte Afrika-Cup-Spiel in seiner Karriere sein würde. Beim Turnier 2027, das in Uganda, Kenia und Tansania ausgetragen wird, möchte Mané nicht mehr dabei sein. Das Aus in der Nationalmannschaft ist aber beileibe noch nicht gleich anberaumt. Im kommenden Sommer wird Mané mit seinen Teamkollegen erst noch die Weltmeisterschaft spielen. Ebenfalls wie Marokko übrigens, das sich beim Afrika-Cup auf heimischem Boden nur hatte warm spielen wollen für das große Weltturnier. Den Afrika-Cup hatte man in Marokko als Topfavorit quasi im Vorbeigehen mitnehmen wollen, was bis zum Finale auch ganz gut klappte. Das Team, das seit seinem Halbfinaleinzug bei der WM 2022 in Qatar als aktuell bestes des afrikanischen Kontinents gilt, spielte zwar selten brillant, setzte sich aber bis zum Endspiel hin sicher durch und machte einen zunehmend stabilen Eindruck. Mit einem Unterschiedsspieler in den Reihen, der sich erst im Oktober 2024 überhaupt dafür entschieden hatte, für Marokkos Nationalteam spielen zu wollen. „Dieses Spiel war eines Finales unwürdig“ Brahim Díaz – im spanischen Málaga geboren – hat eine spanische Mutter und einen marokkanischen Vater. In seiner Jugend lief er für die Nachwuchs-Nationalmannschaften Spaniens auf, für das A-Team absolvierte er sogar ebenfalls ein Testspiel. Doch dann entschied er sich – weil ihn Trainer Regragui überzeugte – zum Teamwechsel. Beim Turnier entwickelte er sich zum entscheidenden Mann Marokkos. Es war eine Geschichte, die ein einzigartiges Happy End hätte erfahren können. Wenn Díaz diesen Elfmeter verwandelt hätte. Er verschoss, wurde in der Verlängerung ausgewechselt und saß wie ein Häufchen Elend auf der Ersatzbank, während seine Kollegen zunehmend verzweifelt versuchten, die Niederlage noch abzuwenden. Es gelang nicht. Senegal triumphierte, und neben Marokkos Niederlage blieb ein schaler Beigeschmack. „Es wurden wieder einmal Zeichen von chaotischen Verhältnissen in Afrikas Fußball in die Welt hinausgetragen“, sagte Sadio Mané nach dem Spiel. Und Marokkos Trainer Regragui meinte: „Dieses Spiel war eines Finales unwürdig. Was Senegal zwischendurch getan hat, war nicht in Ordnung. Dass Díaz den Elfmeter so geschossen hat, wie er ihn geschossen hat, damit müssen und werden wir leben.“ Brahim Díaz sagte nach dem Spiel: nichts. Er nahm mit traurigem Blick die Trophäe für den besten Torschützen des Turniers entgegen. Und ging.
