In dem brasilianischen Film „The Secret Agent“, der derzeit noch in vielen Kinos in Deutschland zu sehen ist, gibt es die Nebenfigur eines jüdischen Schneiders in der Stadt Recife, der als eine Art Faktotum der deutschen Schuld dient, eine Kippfigur, die von dem korrupten Polizeichef wie ein Ex-Nazi präsentiert wird. Die unendliche Einsamkeit, die dieser Figur eignet, ist eine typische Facette, die der Schauspieler Udo Kier in viele seiner Auftritte gelegt hat. Mit seinem stechenden Blick und den kantigen Gesichtszügen war er das Schurkengesicht für viele Regisseure, die ein wenig Aura in häufig schundige Geschichten bringen wollten. Ein paar der Titel aus seiner Karriere sind entsprechend marktschreierisch: „Schamlos“, „Hexen bis aufs Blut gequält“ (1969), „Die Insel der blutigen Plantage“ (1973), „Verführung: Die grausame Frau“ (1985). Letzterer Titel ist allerdings irreführend, denn es handelt sich um einen feministischen Klassiker aus West-Berlin von Elfi Mikesch und Monika Treut, womit deutlich wird, dass Udo Kier eben vor allem eine Größe des internationalen Autorenkinos war. Entdeckt wurde er in London, als er 18 Jahre alt war. Ein untrügliches Gespür für die große Geste Der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, geboren 1944 in Köln, aufgewachsen in der bundesdeutschen Nachkriegsnot, nahm sein Schicksal selbst in die Hand und ging nach England. Es war dann der große Luchino Visconti, der ihn zu einem Glas Champagner einlud. Allerdings bedurfte es noch einiger Umwege, bis Kiers Talent den richtigen Leuten auffiel. Es waren vor allem Lars von Trier und Christoph Schlingensief, die für ihn große Rollen schufen – zwei Regisseure, die bewusst den Normalfall des Kinos regelmäßig unterliefen, Lars von Trier etwa mit dem minimalistischen „Dogville“, bei dem die Kulissen nur aufgezeichnet, nicht gebaut waren. Schlingensief wiederum, der mit Kier die westdeutsche Herkunft teilte, hatte ein untrügliches Gespür für die große Geste im kleinen Setting. „Das deutsche Kettensägenmassaker“ oder „100 Jahre Adolf Hitler“ waren Versammlungen von Außenseitern, die Deutschlands Weg in den Untergang als kritisches Satyrspiel noch einmal geisterabwehrend lebendig machten. Als ihn Gus Van Sant Anfang der 90er Jahren für „My Private Idaho“ engagierte, nutzte Kier die Gelegenheit und verlegte seinen Lebensmittelpunkt nach Amerika. Mit dem schwulen Regisseur teilte er nicht nur die sexuelle Identität, sondern fand in ihm einen Wahlverwandten. Nun bekam er auch Hollywood-Rollen, nun festigte sich das Image eines Schauspielers, der mit markanten Kurzauftritten fast besser aufgehoben war, als wenn er mit seiner überlebensgroßen Aura einen ganzen Film aus dem Lot brachte. Nicolette Krebitz besetzte ihn 2022 in ihrem Liebesdrama „A E I O U“, und der brasilianische Regisseur Kleber Mendonça Filho verschaffte ihm schon 2019 in „Bacurau“ doch noch eine große, späte Hauptrolle. Danach war es nur konsequent, ihn auch für „The Secret Agent“ zu engagieren, und die paar Minuten als Hans, der doppeldeutige Deutsche, werden nun, da Udo Kier am Sonntag in Palm Springs verstorben ist, sein schönstes Vermächtnis bleiben.
